Dienstag, 24. März 2020

Gedanken zur Corona-Krise



Vorab: Natürlich bin ich kein Experte und dies sind nur erste Einschätzungen. Vieles ist noch unklar über den Virus selbst, welche globale Folgen entstehen werden und wie lange die aktuellen Einschränkungen aufrecht erhalten werden müssen. Ich halte mich bewusst kurz und weise besonders auf die Links am Ende hin.


Bis vor einigen Wochen schien der Corona-Virus eine abstrakte und weit entfernte Gefahr zu sein. Das hat sich in kürzester Zeit geändert. Bis letzten Freitag war ich selbst noch im Krankenhaus und habe erlebt, wie sich Regeln im Stundentakt verändert haben. Von Therapieeinschränkungen, Beschränkungen bei Physiotherapie- und Gruppenangeboten bis zum Ausfall von Therapien. Ausgangsbeschränkungen wurden empfohlen, gemeinsames Essen wurde untersagt, die Pfleger waren von Tag zu Tag mehr vermummt und die Anspannung wuchs rasant.

Im Haus gab es auch Intensivpatienten, die sich in ihrem geschwächten Zustand in umittelbarer Gefahr befanden, genau wie die Ärzte und Pfleger, die dazu angehalten sind, auch dann weiterzuarbeiten, wenn sie sich selbst infiziert haben. Sicher haben wir global gesehen ein gutes Gesundheitssystem. Dennoch rächt sich jetzt, dass man den Pflegeberuf nicht attraktiver gemacht hat, in dem man Bezahlung und Besetzung von Pflegekräften und Ärzten nicht erhöht hat. Sonst wäre ich vielleicht noch immer Pfleger. Hygienebedingungen waren lange unnötig schlecht, was in solch einer Krises schlicht gefährlich ist. Ärzte schieben weiterhin 24 Stunden-Schichten. Zehntausende Pfleger fehlen. Wäre es nach der einflussreichen Bertelsmann-Stiftung gegangen, wären gar die Hälfte aller Kliniken geschlossen worden.
In der jetztigen Situation fehlen außerdem Atemmasken und Schutzkleidung in erheblichem Umfang. Man hätte das Gesundheitssystem niemals dem Markt überlassen dürfen. Es fehlen die Kapazitäten, um mit solchen Krisen fertig zu werden, die müssen jetzt aus dem Boden gestampft werden.
Die Pfleger und Ärzte sind die (unfreiwilligen) Helden dieser Krise und ich hoffe, dass sie in Zukunft die verdiente Anerkennung erhalten. In dieser Krise zeigt sich, wer wirklich "systemrelevant" ist. Ich hoffe, das wird eine Erkenntnis sein, die nachhaltig wirkt und nicht schnell wieder vergessen wird!

Wir befinden uns in einer bedrohlichen Situation. Und während ich das sage, bin ich selbst davon bislang wenig betroffen. Sicher, ich hatte Pläne, die ich jetzt verschieben muss, Reisen wird mittelfristig nicht möglich sein und ich hatte mich auf eine neue Stadt und eine neue Wohnung gefreut, einen echten Neuanfang nach schwerer Krise, darauf, Freunde zu besuchen. Aber das sind Luxusprobleme! Im Moment geht es mir und meiner Familie gut.

Ganz anders sieht das für die Flüchtlinge aus, die in Moria auf Lesbos und in anderen Lagern oder zwischen Griechenland und der Türkei festsitzen. Oder die Menschen, die schon viel zu lange unter dem schrecklichen Krieg in Syrien leiden. Und Alle, die in Slums in Asien, Afrika oder Lateinamerika leben müssen und die kaum Zugang zum Gesundheitssystem haben. Für sie ist diese Krise eine lebensbedrohliche Katastrophe. Wem es schon zuvor schlecht ging, wird leider am meisten an dieser Krise leiden. Ich hoffe darauf, dass die Menschen in Moria bald evakuiert werden.

Auch die Lage in Italien ist dramatisch, Europa hat insgesamt viel zu träge auf die Bedrohung reagiert, aus den U.S.A. hört man von einer noch drastischeren Zunahme der Erkrankungen.
Für Andere hierzulande ist die Lage existenzbedrohend, besonders für Alle, die aktut erkrankt sind, darüberhinaus für alle Selbständigen, Künstler und Alle die vom Verlust ihrer Arbeit oder gar Wohnung bedroht sind! All diesen Menschen sende ich meine besten Wünsche!


Vielleicht wird diese Krise langfristig auch "gute" Seiten haben. Leider lernt der Mensch oft nur so.
Und darin setzte ich meine Hoffnung: Die Erkenntnis, dass wir uns für solche Krisen rüsten müssen, wir lernen uns sowohl global als auch lokal zu koordinieren und Netzwerke auf- bzw. auszubauen.

Es wird nun mehr denn je sichtbar werden, was wirklich wichtig zum Leben ist, wie entscheidend die sozialen Kontakte sind, wie wertvoll es ist, sich solidarisch zu organisieren, sich unabhängiger von globalen Lieferketten zu machen. Etwa, indem Gemüse wieder lokal produziert wird, die Bedeutung von Geschäften in der unmittelbaren Umgebung neu erkannt wird oder Medikamente und viele andere Produkte wieder vor Ort produziert werden. Jetzt sehen wir deutlich die Schattenseiten der wirtschaftlichen (Hyper-)Globalisierung besonders deutlich, was auch die Verbreitung des Virus enorm begünstigt hat. Insgesamt hoffe ich darauf, dass das reine Profitdenken Risse bekommt.
Dies ist kein Aufruf, sich ins Nationale zurückzuziehen, vielmehr ist es notwendig, Produktionszweige zurückzuholen und sich gleichzeitig global besser zu verständigen, auch um solche Krisen besser koordinieren zu können. Wir hängen international untrennbar voneinander ab.

Wir standen schon vor der Krise an einem Scheideweg. Vielleicht führt die Krise dazu, den radikalen Umbau unserer Gesellschaft hin zu erneuerbaren Energien und neuen Genossenschaftsmodellen zu beschleunigen und der schon lange nötige Bewusstseinswandel erhält Rückenwind.
Im Moment erlebt die Natur eine Ruhepause, die vor kurzem noch unmöglich schien. Sicher wird vieles nach der Krise wieder anlaufen, aber ich hoffe, dass wir aus der Zeit, die vor uns liegt, Erkenntnisse für die Zukunft ziehen, und wir diese endlich umsetzen.

Gleichzeitig liegen in der aktuellen Situation auch Gefahren gesellschaftlicher Natur. Viele esentielle Bürgerrechte sind im Moment ausgesetzt und es wird wichtig sein, sie so schnell wie möglich wieder zurückzugewinnen. Gerade bejubeln viele die (notwendigen) Einschränkungen allzu unkritisch.
Für den Moment macht es jedoch definitv Sinn, das öffentliche Leben zurückzufahren.


Wir werden uns wohl auf einen längeren Ausnahmezustand einstellen müssen. Bisherige Prognosen rechnen erst in über einem Jahr mit einem Impfstoff. Natürlich hoffe ich, dass es schneller geht, aber insgeheim rechne ich vor dem Herbst kaum mit einer Normalisierung der Zustände. Möglicherweise wird 2020 mit vielen Einschränkungen zu Ende gehen. Aber ich bin kein Virologe. Und auch die wissen noch zu wenig.

Es gibt verschiedene Möglichkeit, der Krise Herr zu werden. Einmal, die Infizierten zu isolieren. China ist hier dramatisch vorgegangen, ein Vorgehen, dass sich nicht von einer Diktatur auf eine Demokratie übertragen lässt. In China wurden Millionenstädte wie Wuhan rigoros abgeriegelt, das öffentliche Leben kam faktisch zum Erliegen. Mithilfe von vollständiger Überwachung und anhand von Bewegungsprofilen, konnten die Behörden lückenlos feststellen, wer mit den Infizierten Kontakt hatte, um diese ebenfallszu isolieren.
Dieses Vorgehen war hier nicht denkbar, doch unsere europäischen Regierungen hätten viel früher und koordiniert handeln müssen. Viele Fehler wurden gemacht und Zeit verspielt.
Nun ist es nur noch begrenzt möglich, besonders betroffene Regionen zeitlich begrenzt abzuriegeln, der Virus hat sich bereits zu weit verbreitet. Jetzt muss erst einmal alles getan werden, um eine Ausbreitung zu minimieren bzw. erheblich zu verlangsamen, um keine Katastrophe zu erleben. Sollte das Gelingen, kämen wir wieder an einen Punkt, an dem lokale Isolation wieder möglich wird.

Sollte das Herstellen eines Impfstoffs so lange wie erwartet dauern und es nicht gelingen, die Ausbreitung einzudämmen, "müssen" sich 60-70 % der Bevölkerung mit dem Erreger anstecken und immun werden, um eine Weiterverbreitung des Virus zu stoppen. Noch ist nicht ganz klar, ob es eine vollständige Immunität sein wird oder nur ein milder Verlauf bei einer Neuansteckung. Völlig unklar ist auch, in wieweit der Erreger weiter mutieren wird.
Dieser Prozess ist nur schwer zu steuern und wäre extrem schmerzhaft. Vor allem, weil wir fast unmöglich wäre, die Haupt-Risikogruppen der Älteren und der Menschen mit Vorerkrankungen zu schützen. 


Sicher ist eins: Eine unkontrollierte Ansteckung muss jetzt unbedingt vermieden bzw. eingedämmt werden, daher macht es Sinn, das Leben auf das Notwendige zu beschränken und den direkten Kontakt zu meiden. Sonst würden wir Hundertausende Tote in Kauf nehmen und das Gesundheitssystem zum Kollabieren bringen. 


Auch die Forscher brauchen Zeit, um das Virus besser zu erforschen und die Krankenhäuser brauchen jeden Tag um den rasanten Umbau hin zu mehr Intensivbetten stemmen zu können.


Allen da draußen wünsche ich Gesundheit, Geduld und, wenn möglich, Gelassenheit.
Meine Gedanken sind bei den Ärzten und Pflegern und denen, die von der Krise unmittelbar betroffen sind und um ihre Existenz oder das Leben ihrer Angehörigen bangen!




Einige Artikel  und Beiträge, die ich für besonders lesenswert halte:



Sehr gute Informationsquelle, die auf das Vorgehen in China eingeht, mögliche Szenarien vorstellt und durchspielt. Hier im englischen Original. Am Ende des Kapitels ist eine deutsche Übersetzung verlinkt.




"Wir müssen jetzt die Fälle senken. Sonst schaffen wir es nicht" .




Ausführliche Analyse. Ähnlich lesenswert wie der Artikel "The Hammer and the Dance".




"Kitas, Schulen, Geschäfte sind geschlossen, soziale Kontakte auf ein Minimum eingeschränkt. Viele sind gerade arbeits- oder auftragslos, Andere arbeiten sich gerade kaputt, um das Land am Laufen zu halten. Wie lange müssen wir diesen Ausnahmezustand aushalten und wie können wir schnellstmöglich zur Normalität zurück kommen? So viel vorweg: Es wird länger dauern, als die meisten denken."




"The U.S. may end up with the worst COVID-19 outbreak in the industrialized world. This is how it’s going to play out."

Unbedingt lesenswert. Wahrscheinlich der bisher beste Artikel zum Thema!




 



"Die Corona-Pandemie ist eine weltweite Tragödie – auch für den globalen Kapitalismus. Wenn das Schlimmste vorbei ist, werden wir die Systemfrage stellen müssen, glaubt der Psychoanalytiker und Star-Philosoph Slavoj Žižek." - Unbedingt ansehen! Slavoj Žižek trifft auf seine unnahmliche Art den Nagel auf den Kopf!




"Nichts wird so sein, wie zuvor": Der Zukunftsforscher bietet Denkanstöße für die Zeit nach der Krise.




Ein sehr lesenswerter Text über das Leben in Mailand mit Perspektiven.







Spricht für sich!




Viele gute Denkanstöße, die auch intensiv die Frage aufgreift, wie unterschiedlich wir in unseren sozialen Realitäten betroffen sind.




"Bis das Coronavirus das griechische Lager Moria erreicht, ist nur eine Frage der Zeit. Es trifft dort auf 20.000 Menschen, Gewalt – und besten Nährboden."




"Räumliche Distanz ist in der Coronakrise das Gebot. In Sammelunterkünften für Geflüchtete ist sie unmöglich. Einige Heime stehen unter Quarantäne."




Wer die Dramatik der Situation nicht begreifen kann, sollte das lesen.













"Die Exekutive hat derzeit extreme Macht, das darf nicht von Dauer sein".





"Ein Buch kaufen, auf einer Parkbank sitzen, sich mit Freunden treffen - das ist jetzt verboten, wird kontrolliert und denunziert. Die demokratischen Sicherungen scheinen durchgebrannt. Wo und wie soll das enden?"













Gastbeitrag von Johannes Vogel. Er ist Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin - Leibniz Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung und Professor für Biodiversität und Wissenschaftsdialog an der Humboldt-Universität zu Berlin.




"‘Ordinary’ people around the world have shown extraordinary innovation in forging practical, socially and ecologically sensitive solutions to everyday needs. Now it's up to the rest of us to build on that.




"Welche Jobs Bullshit sind und welche systemrelevant: Das dürfen wir nach der Corona-Krise nicht vergessen, fordert der Kapitalismuskritiker und Anthropologe David Graeber."



New Statesman: Why this crisis is a turning point in history 

"The era of peak globalisation is over. For those of us not on the front line, clearing the mind and thinking how to live in an altered world is the task at hand."




Die Gefahr geht keineswegs nur von asiatischen Wildtiermärkten aus, sondern auch von europäischen Essgewohnheiten.




"Wie gefährlich das Coronavirus ist, wissen Experten noch immer nicht genau. Hier erklärt der Statistikexperte Gerd Antes, was nun für eine Risikobewertung nötig ist und warum die Reaktion der Politik bislang richtig war."








"Ausgerechnet ein Tier, das wir fast ausgerottet haben, könnte der Überbringer der Corona-Seuche sein. Das ist grausame Ironie - und ein Lehrstück über Ursache und Wirkung."







Unnötig reißerischer Titel, ansonsten sehr lesenswert:
"Schon am sechsten Tag der landesweiten Ausgangssperre lässt sich sagen: Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Die Regierung ist planlos und fern der indischen Realitäten".




"Es wäre naiv, sich in einer so tiefen Krise die Welt rosa zu pinseln. Wie man die richtige Balance zwischen Optimismus und Pessimismus hinbekommt, erklärt der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth. "




Hilfreiche Empfehlungen, wie man mit der Krise und den daraus resultierenden Ängsten umgehen kann. Mit einem Schwerpunkt auf mentale Gesundheit. Lesenswert für Alle.







Die Folgen der Krise für Selbständige, Alleinerziehende, Geringverdienende und Teilzeitkräfte.







Ein Interview mit der Krankenschwester Katja Pichler über ihren neuen Alltag.




Norbert Suttorp erforschte, wie das Influenzavirus und das Coronavirus Lungengewebe schädigen. Im Interview spricht er über den Zustand seiner Patienten und wie sich die Charité auf den Ansturm vorbereitet.







"Während etwa für Altenheime Schutzkonzepte entstanden sind, werden Behinderteneinrichtungen im Moment überwiegend sich selbst überlassen."




"Nordrhein-Westfalen will per Gesetz Ärzte und Pflegekräfte zum Dienst verpflichten. Das könnte verfassungswidrig sein. Der Widerstand der Gesundheitsberufe ist groß."










"Sie fordern Grenzschließungen, horten Lebensmittel und träumen vom Ende der Demokratie: Wie Rechtsradikale versuchen, die Corona-Pandemie für ihre Ziele zu nutzen."




"Die Gefahr rechtsextremer Anschläge könnte in der Corona-Krise wachsen.
Die Bundesregierung warnt vor Gruppen, die die Ausnahmesituation ausnutzen könnten.
Vor allem rechte Netzwerke in Polizei und Bundeswehr müssten im Blick behalten werden, fordert die Opposition." 


























Die Vorbereitung in Naironis größtem Slum Kibera auf den Virus.




"Corona schärft den Blick auf die Welt: In der weltweiten Krise treten die Schwächen und Absichten von Menschen, Gesellschaften und Systemen deutlicher denn je zutage. Diese Demaskierung kann erschüttern."




"Die autoritären Krisenmaßnahmen zielen weniger auf Gesundheitsschutz als auf die Erzwingung politischen Gehorsams" – Das ist mir wie einige andere Passagen des Artikels ein bisschen zu tendenziös. Trotzdem lesenswert, schließlich wird entscheidend sein, sich nach dem Höhepunkt der aktuellen Krise die Bürgerrechte schnell neu zu erobern!



Das Robert-Koch-Institut und die Johns Hopkins University sind ausgezeichnete Informationsquellen.




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