Sonntag, 20. Mai 2012

Tiziano Terzani: Der Traum von China


„Jeder Ort ist eine Fundgrube. Man muss sich nur treiben lassen. Sich Zeit nehmen, im Teehaus sitzend die Leute beobachten, sich in einen Winkel des Marktes stellen, zum Friseur gehen und dann dem Faden eines Knäuels folgen, der mit einem Wort, einer Begegnung anfangen kann(…) – und schon wird der fadeste, unscheinbarste Ort der Erde zu einem Spiegel der Welt, zu einem Fenster, das sich auf das Leben öffnet, zur Bühne der Menschheit, vor der man endgültig verweilen möchte. Diese Fundgrube befindet sich immer genau da, wo man gerade ist: man muss nur graben.“ 

Tiziano Terzani: Fliegen ohne Flügel - eine Reise zu Asiens Mysterien


In meinem ersten Blog über Persönlichkeiten, die mich stark inspiriert haben, möchte ich mich einer ganz besonderen Person widmen: Tiziano Terzani, einem der größten Reporter des 20. Jahrhunderts.
Er war leidenschaftlicher Journalist, Photograph und Zeichner, Buchautor, unerschrockener Abenteurer, Philosoph und lebenslang Reisender und Suchender.
Es ist eine sehr intensive Auseinandersetzung mit seiner Person und seinen Thesen geworden, um ein möglichst akkurates Bild zu zeichnen. Daher habe ich mich entschieden den ganzen Text auf drei Blogs zu verteilen:

In diesem ersten Teil werde ich auf seine Person eingehen und schildern, wie und warum Terzani nach Asien gelangte und wie er zum wichtigen Zeugen der Zeitgeschichte wurde. Wie es ihm als einer der ersten Journalisten gelingt, nach China einzureisen und warum er schließlich wegen angeblich „konterrevolutionärer Agitation“ des Landes verwiesen wurde.

Tiziano Terzani wurde 1938 in einem kleinen Dorf in der Nähe von Florenz geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Vater verdiente ein kümmerliches Auskommen durch das Aufsammeln der Hinterlassenschaften der Pferde, die die Tram zogen. Das sonntägliche Vergnügen der Familie bestand darin, den Reichen beim Eis essen zuzusehen. Sich selbst ein Eis zu gönnen stand außerhalb der finanziellen Möglichkeiten der Familie. Diese Erfahrung sollte für ihn sehr prägend sein und trotz seiner hohen Bildung, die er sich im Laufe seines Lebens erwarb, verstand er sich immer als Anwalt der Armen. Trotz seiner Herkunft gelingt ihm der Sprung aufs Gymnasium. Wissbegierig wie er ist, träumt er schon früh davon, Journalist zu werden. Zunächst studiert er jedoch Jura an der Eliteuniversität „Scuola Normale“ in Pisa. Hier lernt er die Frau seines Lebens kennen: Angela, die ebenfalls in Florenz aufgewachsen war und ursprünglich aus einer Hamburger Familie stammt. Nach dem Studium arbeitet Terzani für den Schreibmaschinenkonzern Olivetti in der Personalabteilung. Für das Unternehmen ist er in Dänemark, Portugal, den Niederlanden und in Deutschland tätig. Terzani ist inspiriert von der Bürgerrechtsbewegung und lässt sich von den Lehren Lenins und Maos begeistern. Er möchte unbedingt nach China und dort leben. Er ist begeistert von der Utopie eines Gesellschaftskonzepts, das nicht auf dem Kapital beruht und in dem alle gleich sein sollten.

Freilich ist China zu dem Zeitpunkt ein abgeschottetes Land. Doch was sich Terzani in den Kopf gesetzt hat, das verfolgt er mit aller Kraft und Überzeugung. 1966 erhält er ein Stipendium an der Columbia University in New York und beginnt dort Sinologie (Chinesisch) zu studieren. In seiner Begeisterung für China und Mao, möchte er sogar seinen ersten Sohn Folco als „Mao“ taufen, scheitert mit diesem Ansinnen, aber am Standesbeamten in New York – worüber sein Sohn später nicht unglücklich ist…
Nach seiner Rückkehr nach Europa, sucht Terzani nach einer Zeitung, für die er als Korrospondent aus Asien berichten kann. 1971 wird „der Spiegel“ zu seinem Arbeitgeber und sein Traum geht in Erfüllung. Zu dem Zeitpunkt hat der Spiegel kein einziges Büro in Asien, doch man traut dem überzeugenden und sprachgewandten Terzani einiges zu. Zwar ist eine Einreise nach China weiter unmöglich, aber Terzani eröffnet zunächst ein Auslandsbüro in Singapur und einige Zeit später auch in Hong Kong. Später schreibt er auch für die italienischen Zeitungen „Corriere della Sera“ und „La Republica“.

Er berichtet als Kriegsreporter aus Vietnam. Terzani ist entsetzt darüber, wie schnell er sich an das Grauen des Krieges gewöhnt. Stellt für ihn der erste Tote, den er sieht,  einen Schock dar, so zählt er einige Zeit später nur noch die Anzahl der Leichen. Er gerät immer wieder in gefährliche Situationen, sieht Kollegen sterben. Es ist eine aufregende Zeit für Terzani. Er ist voller Tatendrang. Terzani ist anders als viele seiner Journalistenkollegen: In Vietnam zog er nach offiziellen Verlautbarungen von US-Generälen auf eigene Faust los, um die Behauptungen der Militärs zu überprüfen. Die Kollegen machten sich derweil einen netten Abend in der Bar.
Aufgrund seiner Sympathie für die kommunistische Idee und kritischen Artikeln über den Krieg der US-Amerikaner wird Terzani im März 1975 vom südvietnamesischen Regime des Landes verwiesen. Als die Vietkong zum Sturm auf Saigon ansetzten und die meisten westlichen Ausländer in Panik die Stadt verließen, flog Terzani in letzter Minute aus Bangkok ein, um den Einmarsch der roten Kämpfer und den Wandel hautnah zu erleben. Alle Polizisten, die sonst seine Einreise verweigert hätten, waren bereits geflohen. So wurde er zu einem der wenigen westlichen Beobachter der Ereignisse. Terzani konnte nicht wissen, was die Vietkong in Saigon mit ihm machen würden. Er wusste nur, dass er bei einem der größten Ereignisse in der Geschichte Asiens einfach dabei sein musste – dem Ende des Kolonialismus. Den Sieg der nordvietnamesischen Kommunisten empfindet er als gerecht.
Seine Reportage über die letzten Stunden von Saigon wurde zum Klassiker.

Auch über Kambodscha berichtet er regelmäßig. Zwei Wochen vor dem Sturz Saigons hatten ihn ein paar halbwüchsige Kämpfer der Roten Khmer festgenommen, an die Wand gestellt und ihm eine Stunde lang ihre Revolver auf Augen, Mund und Nase gedrückt – bis endlich ihr Kommandeur auftauchte und ihn laufen ließ. Terzani schrieb zunächst nicht über die Massaker der roten Khmer, wofür er sich Jahre später entschuldigt hat.
Ich denke, er wollte nicht wahrhaben, wie die kommunistische Ideologie pervertiert wurde.
Persönlich ist er jedoch schwer erschüttert vom Genozid während der Schreckensherrschaft der roten Khmer (1975-1979) am eigenen Volk. Der Kalte Krieg war in vollem Schwung: die Vereinigten Staaten, China, und die Sowjetunion versuchten sich in Indochina machtpolitisch zu etablieren und brachten in der Folge nicht nur die gesamte Region aus den Fugen, sondern lösten durch ihre Interventionen auch in den betroffenen Ländern heftige interne Machtkämpfe aus. Eines der größten Opfer dieser Geopolitik war Kambodscha.
Flächenbombardements und ein von den USA initiierter Putsch rechtsgerichteter Generäle gegen den König trieb das Land in die Hände einer der tödlichsten Diktaturen der Weltgeschichte. Aus Kambodscha wurde 1975 plötzlich das "Demokratische Kampuchea", und für die nächsten vier Jahre verschwand das Land aus dem Blick der Weltöffentlichkeit. Die neuen Herren, die Roten Khmer, wollten das kommunistische China Maos an Radikalität übertrumpfen. Über Nacht wollten die Klassenkämpfer aus dem Dschungel das uralte Kulturvolk in eine Agrargesellschaft verwandeln. Zwei Millionen Kambodschaner starben.
Insbesondere die USA unterstützen die wohl schrecklichste kommunistische Diktatur indirekt, nachdem sich die Roten Khmer gegen das kommunistische Vietnam, den Intimfeind der Vereinigten Staaten, gewandt hatten.

Auch die Entwicklungen in Vietnam sieht er mit wachsender Sorge. Auch hier kommt es zu Zwangsumsiedlungen und anhaltendem Unrecht.  
Die politische Entwicklung in Indochina lässt ihn erstmals an seinen Idealen zweifeln, denn viele Menschen sterben, ohne dass wirklich etwas verändert wird. Gräueltaten werden von allen Kriegsbeteiligten begangen. Terzani entwickelt sich durch die Beobachtung der Kriege und ihrer Auswirkungen immer mehr zum Pazifisten. Er muss für sich erkennen, dass Kriege nie etwas Positives bewirken können und dass die Länder oft in dieselben politischen Zustände zurück fallen, in denen sie sich vor dem Krieg befanden.

Doch noch glaubt er daran, dass Mao in China ein gerechteres System etablieren wird.
1978 wird sein Traum wahr und er kann nach China einreisen und ein Büro in Peking eröffnen. Seine beiden Kinder schickt er auf die staatliche, chinesische Schule – nicht weil ihnen militärischer Drill und Uniformität gefielen, sondern weil sie finden, man sollte ganz und gar an einem Ort leben, auch im Angesicht von Widerständen. »Sich mit China konfrontieren« bedeutete auch, in ihrem alten Haus in Peking wie die Chinesen Tauben zu züchten.
Das hatte es noch nie gegeben: ein westlicher Ausländer im Reich Mao Tse tungs, der seine Kinder auf eine chinesische Schule schickte…
Er ist weiterhin überzeugt vom chinesischen Modell und möchte mit seiner Familie ein »normales chinesisches Leben zu führen«. In Peking blieben gewöhnlich westliche Diplomaten, Geschäftsleute und Journalisten ganz unter sich – ohne soziale Kontakte zu den Einheimischen.
Trotz Staatsüberwachung fühlt sich Terzani in China wohl. Immer wieder findet er Möglichkeiten, seinen Bewachern zu entfliehen und in Kontakt mit der Bevölkerung zu treten. Doch seine rebellische Art kommt bei den Chinesen nicht gut an.

Manchmal startete er mit seiner Frau und den Kindern zu Streifzügen durchs Land. Sie hievten ihre Fahrräder in den Zug, stiegen irgendwo aus, radelten los und sprachen mit Menschen, die noch nie einen Ausländer gesehen hatten. Für den Geheimdienst waren diese verbotenen Eskapaden des Reporters eine Provokation. Aber es dauerte immerhin fünf Jahre, bis sie die Geduld verloren.
Terzani möchte der chinesischen Kultur und ihren konfuzianischen Wurzeln näher kommen. Er scheut sich nicht vor kritischen Themen und berichtet auch über die unterdrückten Minderheiten, wie die muslimische Volksgruppe der Uiguren.
1980 durfte eine Handvoll westlicher Journalisten nach Tibet einreisen. Während seine Kollegen das staatlich beaufsichtigte Gruppenprogramm absolvierten, schwang er sich auf ein Fahrrad und fährt trotz Verbot zum zehn Kilometer entfernten Kloster Sera, das als eines der schönsten in Tibet gilt, findet dort eine Ruine vor – Folgen der zerstörerischen Kulturrevolution. Von dieser systematischen Zerstörung buddhistischer Kultur berichtet er auch.  Später fotografiert er wiederum heimlich tibetische »Himmelsbestattungen« und am Ende der Reise versteckt er sich während einer Führung im Palast des Dalai Lama und lässt sich einschließen, um sich in Ruhe umsehen zu können.
So war er: fantasievoll, rebellisch, kritisch und unendlich neugierig.

Terzani hatte lange davon geträumt, dass Mao ein neues China der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit schaffen würde. Doch nun ist er desillusioniert.
Doch je länger er sich in China aufhält, desto mehr ist er entsetzt über die Folgen der „Kulturrevolution“, die in Wahrheit dabei ist, die alte chinesische Kultur auszulöschen und durch eine neue zu ersetzen. Er muss er sich bitter eingestehen, dass der Mensch nur mit Gewalt gleichgestaltet werden kann.
Die beiden folgenden Zitate unterstreichen sein unsanftes Aufwachen:

"Ich gab die Suche nach den neuen Menschen auf, als mir klar wurde, dass es in China einen alten Menschen gab, einen wunderbaren Menschen mit einer überwältigenden Kultur. Also begann ich diesen Menschen nachzuspüren und dem, was von die­sem großartigen alten China geblieben ist."

"Tatsächlich ist China nicht mehr China, seit Mao, dieser Verbrecher, die Wurzeln jener uralten Kultur ausgerissen hat."

Der Reporter wusste nun, dass Bewusstseinsveränderung nicht durch ideologische Parolen von oben kommen kann, sondern eine Herausforderung für jeden einzelnen Menschen ist. Langsam verschob sich der Fokus des Reporters von der Politik zur Spiritualität, von der Logik zur Intuition, vom Kopf zum Herzen.
Da er sich niemals das Wort verbieten lässt, kritisiert er Deng Xiaoping und die chinesische Regierung sehr scharf und wird daraufhin wegen angeblicher konterrevolutionärer Aktivitäten verhaftet und musste einen Monat in einem Umerziehungslager verbringen, bevor er des Landes verwiesen wurde. Der Hinauswurf aus seinem Traumland trifft ihn trotz seiner Enttäuschung sehr hart und wird zu einem einschneidenden Ereignis in seinem Leben.

Im zweiten Teil stehen seine Erlebnisse in Japan und Thailand und seine Erfahrungen mit der Globalisierung in Asien im Fokus:

Tiziano Terzani: Asien und die Globalisierung 

Keine Kommentare:

Kommentar posten