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Sonntag, 16. Dezember 2012

Atlas eines ängstlichen Mannes


Das Buch „Atlas eines ängstlichen Mannes“ von Christoph Ransmayr gehört zu den interessantesten, die ich bisher lesen durfte. Viele Kapitel habe ich laut gelesen, weil sie sprachlich von einer solchen Präzision und Poesie sind, dass ich keine seiner sprachlichen Finessen verpassen wollte. Christoph Ransmayr besitzt die seltene Fähigkeit seine Texte so sehr zu einem Kern zu verdichten. Das verleiht den Erzählungen eine unheimliche Lebendigkeit. Während der Recherche las ich, dass Ransmayr seine Geschichten so nah wie möglich an die gesprochene Erzählung heranführen will – das ist ihm uneingeschränkt gelungen.


Einleitend ein Zitat aus seinem ersten Buch von 1984 „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ – eine der Erzählungen berichtet vom Schauplatz des Buches:

„Josef Mazzini reiste oft allein und viel zu Fuß. Im Gehen wurde ihm die Welt nicht kleiner, sondern immer größer, so groß, dass er schließlich in ihr verschwand.“


„Der Atlas eines ängstlichen Mannes“ vereint 70 zumeist sehr kurze Erzählungen aus fast 50 Jahren miteinander. Jede ist in sich schlüssig und es gibt keinen roten Faden, der die einzelnen Erzählungen mit einem chronologischen Rahmen verbindet und sie bauen auch nicht aufeinander auf. Was sie jedoch verbindet, ist die radikale Einnahme einer Beobachterposition – alle seine Erzählungen beginnen mit der Einleitung „ich sah“. Diese beobachtende Warte - von der aus Ransmayr seine Impressionen gewinnt, ist die Besonderheit dieses Buches. Als ausgezeichneter Beobachter rückt er die Menschen, Tiere oder Natur in den Fokus. Dabei gibt er seine eigene Haltung nie preis – sie schimmert allenfalls zwischen den Zeilen durch und lässt sich erahnen. Dadurch überlässt er die Einordung vollständig dem Leser. Er bewertet nicht moralisch und lässt keine Eitelkeiten zu. Mit diskreten und respektvollen Beobachtungen fängt er mit größter Aufmerksamkeit die Zwischentöne des Lebens ein. Er ist Zeuge, hört aufmerksam zu und notiert seine Eindrücke, um sie später zu verdichten. Eigene Befindlichkeiten spielen keine Rolle. Dadurch gewinnen die behandelten Themen eine unglaubliche Kraft – er erzählt von allen Aspekten des Lebens: vom Streben und Scheitern, von prallem Leben und Sterblichkeit, Mut und Angst, Gesundheit und Krankheit, von Sehnsucht, Liebe und Einsamkeit, Macht, Gier, Glaube, Zerstörung und Erneuerung - allen Aspekten, die zusammen genommen das Lebens ausmachen.

Seine Erzählungen führen über den ganzen Globus – er erzählt von Begebenheiten in seiner Heimat, Mythen aus dem alten Griechenland, den Osterinseln oder Erfahrungen im ewigen Eis. Jedem Kontinent sind Erzählungen gewidmet – zusammen genommen sind sie ein Abbild der Welt – ein Atlas. Gleichzeitig bewegt er sich in allen sozialen Schichten – kulturelle Begegnung scheint ihm etwas Selbstverständliches – und nichts Bedrohliches.
Alle Erzählungen zusammen genommen bieten in der Vielfalt seiner Beobachtungen einen Blick auf den Kosmos. Gerne unternimmt er Ausflüge in die Astronomie und schafft dabei selbst etwas Mythisches. Die Geschichten wirken durch seine Ausflüge in verschiedene Epochen der Menschheit zeitlos. Sie wirken wie Parabeln, die in Variationen immer wieder vom Leben erzählen. 

Ransmayr bewegt sich nicht auf ausgetretenen Pfaden – er sucht immer nach seinen eigenen – auch diese Herangehensweise macht seine Erfahrungen einzigartig und nicht wiederholbar.
Besonders schön sind seine zwei Berichte von den Osterinseln, eine berichtet davon, wie Zivilisationen entstehen und verschwinden. Ausführlich berichtet er auch von den Nachfahren eines der Meuterer von der Bounty; aber neben den ungewöhnlichen Orten, die er bereist, sind es gerade die kleinen Beobachtungen aus dem Alltag, in denen sich seine ganze poetische Kraft zeigt.

In einer Geschichte berichtet er von einem Erlebnis im Himalaya und erzählt davon, dass er gefunden hat, was er seit seiner Kindheit wiederfinden wollte. Nur aus dem Gesamtwerk kann man erahnen, was er damit meinen könnte. An einzelnen Stellen des Buches erzählt er von sehr persönlichen Erfahrungen – dem Tod seines Vaters oder aus seiner Kindheit – mit der gleichen Distanziertheit wie bei allen anderen Geschichten. Das ist konsequent, ordnet sie in den Kontext des gesamten Lebens ein.
Das Motiv der Suche nach der eigenen Herkunft ist ein zentrales Thema seines Buches. So versteh ich auch seine Sehnsucht nach dem Reisen und der Begegnung mit dem Fremden. Kapuściński schreibt zu diesem Thema:

„Und man muss sie kennen lernen, denn die anderen Welten, die anderen Kulturen sind wie Spiegel, in denen wir uns selber besser kennen lernen, denn es ist unmöglich, die eigene Identität zu bestimmen, solange wir sie nicht mit anderen konfrontiert haben.“ 

Ryszard Kapuściński – meine Reisen mit Herodot


Wohin Ransmayr auch seinen Blick richtet – er ist immer interessiert an existentiellen Erfahrungen und einer Essenz, die ihm seine eigene Existenz erklären kann. Nicht umsonst richtet sich sein Blick zu den Sternen – er orientiert sich am Kosmos und den Grenzen des irdischen Lebens. 

Ransmayr verzichtet komplett auf eigene Photographien und eine Auflistung der vielen Reisen, die zu diesem Werk geführt haben. Doch eines gelingt ihm ganz gewiss: dem Leser eindrückliche Bilder von dem zu vermitteln, was auch Ransmayr auf seinen Reisen erfahren hat.
An manchen Stellen hätte ich mir durchaus ein wenig mehr Einblick in das Denken Ransmayrs gewünscht, doch letztlich macht der Verzicht darauf die ganz besondere Wirkung seines Buches aus. Manchmal wollte ich ihm zurufen: handle! Misch Dich ein! Folgt man aber seiner Philosophie, die sich aus dem Gesamtwerk ergibt – versteht man sein Nichthandeln und den Fokus auf seine größte Stärke: zuschauen und zuhören.

Ich bin ein großer Freund von persönlich gefärbten Berichten, doch dieses Buch funktioniert anders. Und diese Bandbreite macht schließlich die Kraft der Literatur aus. Bisweilen ist ein Atlas dennoch hilfreich, um seine Reisen nachzuvollziehen.

Alles in allem ein wundervolles Buch, das ich nur wärmstens ans Herz legen kann!


Weiterführende Informationen:



Lese- und Hörprobe sowie sein Interview finden sich auf Homepage von Christoph Ransmayr.

Druckfrisch - Rezension und Interview mit Christoph Ransmeyr




hier findet sich auch eine weitere Leseprobe.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Auf den Straßen, die unsere Welt verändern




Kurze Vorbemerkung:



Seit meinem letzten Blogeintrag ist einige Zeit vergangen. Das lag zunächst daran, dass ich mir eine kleine Auszeit um meinen 30. Geburtstag verordnet hatte, die nach einem Sturz und einer Daumenfraktur zu einer Zwangspause wurde. In dieser Zeit wurde mir einmal mehr deutlich, wie sehr ich das Schreiben brauche; und nun freue ich mich, wieder loslegen zu können. Ich möchte in nächster Zeit eine ganze Reihe von Reiseberichte der letzten Jahre überarbeiten und hier vorstellen. Auch ein Blog in eigener Sache steht noch aus, in dem ich nochmal beleuchten möchte, wie für mich Reisen, interkulturelle Begegnung, Literatur und Politik zusammenhängen. 

Zunächst möchte ich Euch aber eine Reihe von Büchern vorstellen, die ich in letzter Zeit lesen durfte und die mich sehr inspiriert haben. Davon möchte ich drei nennen.
Gerade eben habe ich „Gammler, Zen und hohe Berge“ von Jack Kerouac beendet und war wie bereits bei der Lektüre von Unterwegs hingerissen von der Dynamik seines Schreibstils. Die Thematik von Aussteigern, Schriftstellern und dem Buddhismus hat mich gefesselt. Oft habe ich mich wiedererkennen können. 

Ein ganz zauberhaftes Buch von Laurent Gounelle fand ich unter dem Titel „Der Mann, der glücklich sein wollte“ über die Begegnung mit einem Heiler auf Bali. Der Untertitel lautet „Unterwegs auf der Reise zu sich selbst“. Dabei handelt es sich trotz der spirituellen Thematik um einen unsentimentalen, eindrücklichen Bericht über die Möglichkeiten, sich innerlich zu wandeln. Über beide Bücher werde ich noch ausführlicher berichten. 


Heute möchte ich das Buch „Die Wege der Menschen – auf den Straßen die unsere Welt verändern“ von Ted Conover in den Vordergrund stellen:
Es handelt sich um eine Sammlung von Reportagen aus sechs Weltregionen:



In der ersten berichtet Conover vom Mahagoni-Handel. Sein Bericht beginnt in der Upper East Side von New York. Er beschreibt Wohnungen, die ganz mit Mahagoni verkleidet sind. Von dort aus macht er sich auf die Suche nach den Haupteinschlagsgebieten des teuren Tropenholzes in Peru. Zumeist wird das Holz illegal geschlagen. Gekonnt beleuchtet er die Strukturen des Handels. Zugleich berichtet er von der Transoceánica – einer Verbindungsstraße zwischen Pazifik und Atlantik, die sich im Bau befindet und den Handel zwischen Peru und Brasilien massiv verstärken soll. Sehr sensibel zeigt er die verschiedenen Sichtweisen auf: viele Einheimische begrüßen den Ausbau der Straße, zugleich bedroht er die Kultur der Indianerstämme im Amazonas-Gebiet. 


Die zweite Reportage führt in den nordindischen Himalaya nach Zanskar – in eine Region, die bis vor wenigen Jahrzehnten völlig isoliert war, was sich durch den Bau neuer Straßen massiv ändern wird. Auch wenn er diese Entwicklung sehr kritisch sieht (zumal sie aufgrund des Kaschmir-Konflikts, an dem Indien, Pakistan und China beteiligt sind, auch geopolitische Motive hat), so stellt er gekonnt die Frage, mit welcher Begründung man den Zanskari den Fortschritt verweigern sollte – selbst dann, wenn man überzeugt ist, dass dieser Fortschritt die Kultur Zanskars massiv verändern und in Teilen zerstören wird. Eine Frage, die auch ich mir immer wieder stelle. Er begleitet Jugendliche auf ihrem Weg zu Schulen in Ladakh während der Wintermonate. Für kurze Zeit friert der Fluss Zanskar völlig zu und wird dadurch begehbar – dieser chedar-Trek bietet während des langen Winters die einzige Verbindung zur Außenwelt für die Bewohner Zanskars dar.

In der dritten Reportage berichtet Conover aus Ostafrika über die LKW-Fahrer, die Waren zwischen Mombasa in Kenia bis Kampala in Uganda transportieren. In einer früheren Reportage aus der Region hatte er sich intensiv mit dem Thema Aids beschäftigt. Die Krankheit verbreitet sich durch Unwissen und Aberglauben gerade auch auf diesen Routen. Daran knüpft er an: auch wenn nun die Straßen als Transportwege für Medikamente und Verbreitung von Krankheiten im Vordergrund steht, so nutzt ihm die vorangegangene Erfahrung ungemein und er begleitet einen Fahrer, den er bereits von damals kennt.

Die vierte führt ihn in die Westbank. Hier begleitet er sowohl Palästinenser auf ihren schwierigen Wegen durch unzählige Kontrollpunkte, an denen er auch selbst schikaniert wird. Zugleich begleitet er auch israelische Soldaten auf ihren Kontrollfahrten durch palästinensische Dörfer und erlebt, wie Molotowcocktails auf die Fahrzeuge des Militärs regnen. In dieser Reportage wird vor allem eines deutlich. Die Meinung des Autors zur Schikane der Palästinenser wird zwar immer wieder deutlich – doch wer eine deutliche Positionierung oder gar eine Vision für die Zukunft erwartet, wird enttäuscht. Das Bemühen des Autors in alter Tradition möglichst objektiv zu berichten ist stark ausgeprägt – auch wenn seine Reportagen trotz einer Fülle von detaillierten Informationen selbstverständlich subjektiv ist. In jedem Fall einer der informativsten Beiträge zum Palästina-Konflikt, die ich bisher gelesen habe und die Auswirkungen der radikalen Änderung des Straßenbildes durch unzählige Umgehungsstraßen, die teilweise nur Siedlern zugänglich sind und die Etablierung von festen und mobilen Kontrollpunkten wird mehr als deutlich. Leicht erkennt man, dass durch das Besetzungsregime kein Frieden möglich sein wird. Der Autor betont zwar auch das Zurückgehen der Angriffe auf Israel durch den Bau der Mauer; zugleich aber die fatalen Auswirkungen auf das Alltagsleben der Menschen. Die verfahrene Situation und das wechselseitige Misstrauen, das sich in Gewalt entlädt, werden deutlich sichtbar.

Im fünften Kapitel geht es nach China. Hier steht die rasant fortschreitende Motorisierung Chinas im Mittelpunkt. In Begleitung eines Automobilclubs reist der Autor durchs Land und berichtet von der aufstrebenden bzw. reichen Schicht von Chinesen, für die das Auto ein wichtiges Statussymbol darstellt. Conover fühlt sich an Berichte aus den USA der 30er und 40er-Jahre erinnert, als es dort eine ähnliche Entwicklung stattfand. Ein weiterer Schwerpunkt ist die damit verbundene Umweltzerstörung durch die Staudämme und die extreme Luftverschmutzung in den Städten und stellt sich die wichtige Frage, wohin China in Zukunft steuern wird – angesichts der Tatsache, dass die Motorisierung der chinesischen Bevölkerung im Vergleich zu Europa – vor allem aber der USA noch extrem gering ausgeprägt ist. Auch wenn sich Conover in diesem Bericht vornehmlich einer bestimmten Schicht widmet, so ist es ein spannender Einblick in ein China, was in dieser Form den meisten Menschen unbekannt sein dürfte.

Die letzte Reportage führt ihn nach Lagos. Für die nigerianische Metropole – einer der am schnellsten und nahezu unkontrolliert wachsenden Städte des Globus – entschied er sich, weil, es nur wenig Berichte über diese Megastadt gibt. Auch hier nähert er sich auf eine sehr unkonventionelle Weise – er fährt mit einem der ganz wenigen Rettungswägen durch die Stadt und gewinnt auf diese Weise ein sehr intimes Bild von Armut, Korruption, Gewalt und Kriminalität. Man erfährt von marodierenden Banden und konkurrierenden Polizeieinheiten. Ein spannender Bericht, der die Frage aufwirft, wie die Megastädte der Zukunft wohl aussehen werden.

Insgesamt handelt es sich um brillant recherchierte Reportagen voller Faktenreichtum, die ohne die vielfältigen Kontakte des Autors und Journalisten Conover in dieser Form unmöglich gewesen wäre. Er nähert sich dem Thema Globalisierung auf eine spannende Ort, in dem er die Straßen als Transportwege von guten und schlechten Veränderungen in den Mittelpunkt stellt. Dabei wirkt er nie belehrend – eindeutig ein Vorteil seines Bemühens um möglichst große Objektivität. An manchen Stellen hätte ich mir jedoch eine deutlich stärkere Positionierung gewünscht. Aber womöglich liegt gerade darin eine der Stärken des Buchs – man wird zum selbst weiter Denken animiert und es gelingt ihm bei den meisten Themen beide Seiten der Medaille zu beleuchten. Trotz der Tatsache, dass hier nur ein Teil der Realität dieser Welt abgebildet werden kann, erscheint mir die Auswahl sehr klug und bietet in der Gesamtheit einen umfassenden Blick auf unsere Zeit und unsere Welt. Dabei geht Conover oft Risiken ein und wird für seinen Mut belohnt.
Er zeigt die Ambivalenz der modernen Straßen: sie verheißen Freiheit und bringen zugleich oftmals Verderben. Sie verbinden uns oder teilen uns. Sie bedeuten Segen und Fluch. Mit dem verheißungsvollen Fortschritt (mit Strom, gesicherter Wasserversorgung und dem Aufbrechen verkrusteter Hierarchien) kommen auch die Übel unserer Zivilisation: Umweltzerstörung, Krankheiten und Verbrechen. Die Verheißungen erfüllen sich nur für Manche. Am extremsten sieht man die Widersprüchlichkeit an Wanderarbeitern: sie ermöglichen durch ihre Arbeitskraft den Fortschritt und zerstört dabei den eigenen Lebensraums – Alternativen hat er kaum.
 
Alles in allem eine brisante und exzellent recherchierte Erkundungsreise über die Auswirkungen globaler Mobilität - stellenweise mitreißend erzählt.
Wer mehr über die Auswirkungen der Globalisierung in ihrer vorherrschenden Form erfahren möchte, dem sei dieses Buch unbedingt empfohlen!

Hier finden sich der Klappentext und eine Leseprobe in Form der Einleitung, die das Fundament des Buches darstellt. Die einzelnen Reportagen sind hingegen persönlicher erzählt.
Ted Conover schreibt für die großen Magazine der Welt: National Geographic, Time und New Yorker und hat einige weitere Bücher veröffentlicht. Mehr zum Autor findet Ihr auf seiner Homepage.