Freitag, 24. August 2012

Reisereportagen: Der Manali-Leh-Highway II



In meinem ersten Teil hatte ich Euch mitten auf dem Manali-Leh-Highway in 4500 Meter Höhe zurückgelassen. Zu Eurem Glück nur im übertragenen Sinn…




Der weitere Weg war durch einen Truck blockiert, der auf einer Brücke liegen geblieben war. Es war nach Sonnenuntergang in kürzester Zeit bitterkalt geworden und der beeindruckenden Kulisse zum Trotz, wirkte der Ort nun sehr abweisend und ein wenig bedrohlich. Wir waren nicht im Entferntesten an die dünne Höhenluft gewöhnt und es war völlig offen, wann wir weiterfahren konnten.

Die Besatzung des auf der Brücke gestrandeten Trucks begann nun, ihre Fracht abzuladen. Diese bestand aus über 60 mit flüssigem Teer gefüllten Metallfässern. Eine einzelne Tonne wog zwischen 60 und über 100 Kilogramm. Kaum einer der anderen Fahrer beteiligte sich am Abladen. Bei annähernd 50 gestrandeten Fahrzeugen – fast alle ebenfalls schwerbeladene Trucks – fand sich nur eine Handvoll Helfer. Stattdessen brannten in einigen Fahrerkabinen erste Feuer, mit denen sich die Fahrer warm hielten.




Zwei Männer rollten die Fässer nach und nach vom Truck auf die Brücke und sie landeten mit ohrenbetäubendem Krach auf der ohnehin schon sehr wackligen Stahlkonstruktion. Ich tat mich mit einem schmächtigen Jungen zusammen, der auf dem liegengebliebenen Truck mitfuhr und nichts am Leib trug als einfache Sandalen und Kleidung, die ihn nicht vor der Kälte schützte. Er fror erbärmlich. Wie konnte man den armen Kerl nur so schuften lassen und dabei zusehen anstatt mitzuhelfen? Gemeinsam rollten wir die Fässer von der Brücke und eine Steigung hinauf, wo wir sie unter größter Kraftanstrengung am Rand der Straße auf wuchteten. Mir wurde immer wieder schwindlig und schwarz vor den Augen durch die mangelnde Sauerstoffversorgung und es war eine reine Willensleistung, immer weiter zu machen. Wenn ich bedenke, dass ich mich bei meiner Wanderung in Nepal im Jahr zuvor zwei Wochen lang Zeit zur Höhenanpassung auf eine vergleichbare Höhe genommen hatte, so hatten wir nun diese Höhe innerhalb von 10 Stunden erreicht. Dennoch hatte ich damals noch Symptome der Höhenkrankheit gezeigt (die im Ernstfall bis zum Tod führen kann). So wunderten mich diese Folgen der extremen Belastung kaum.

Irgendwann kamen dann doch noch ein paar „Helfer“ dazu. Diese waren jedoch inzwischen so betrunken, dass sie mit ihren unkoordinierten Hilfsversuchen eher  eine Gefahr als eine Hilfe darstellten. Jedenfalls war der Truck nach zwei Stunden entladen. Der schmächtige Junge schüttelte mir dankbar die Hand. Nun gelang es nach einigen Anläufen den Truck mithilfe eines schweren Seils von einem weiteren Truck von der Brücke zu ziehen. Die Brücke war nun wieder passierbar. Allerdings nicht ohne Risiko. Die Stahlkonstruktion war nur noch auf der einen Seite der Brücke intakt. Aber keiner fühlte sich berufen, die nun anfahrenden Fahrzeuge entsprechend einzuweisen, so dass sie nicht mittig oder gar rechts fuhren, was unweigerlich bedeutet hätte, dass der nächste Truck einbrechen würde. Ich übernahm den Job für die ersten Fahrzeuge. Dann war mein Minibus durch und wir fuhren weiter.

Inzwischen war es stockdunkel und unser Fahrer hatte sich definitiv den einen oder anderen Whisky gegönnt. Aber es gab keine Alternative als weiter zu fahren. Wir mussten von dieser Höhe runter kommen. Die mangelnde Hilfsbereitschaft und den Fatalismus der meisten Fahrer fand ich sehr irritierend. Offenbar setzten sie auf die Hilfe des Militärs, das irgendwann Hilfe schicken würde. Gleichzeitig waren die Fahrer aber moderne Desperados. Die wenigen Monate im Jahr, die die Straße befahrbar war, fuhren sie nahezu ohne Pause Waren hin und zurück. Sie befinden sich dauerhaft in Lebensgefahr. Vielleicht kommt es aufgrund der existentiellen Bedrohung auf diesen Fahrten zu der fatalistischen Einstellung. Jedes Jahr bezahlen Fahrer diese Touren mit ihrem Leben. Extreme Witterungsverhältnisse mit unvorhersehbaren und plötzlichen Wetterumbrüchen, dichter Nebel, katastrophale Straßenbedingungen, die dünne Luft, uralte Trucks, sowie Räuber und Diebe machen die Strecke zu einer Tortur.
Sie waren zweifellos die Helden dieses Highways.

Nun fuhren wir durch eine phantastische Mondlandschaft, die man durch das Licht des Vollmonds erahnen konnte. Nach drei Stunden und der Überquerung eines 5000m-Passes erreichten wir Pang – nichts weiter als eine Zeltansammlung, in denen man essen, trinken und schlafen konnte. Diese Zelte stellen die einzige Versorgung zwischen dem Rohtang-Pass und dem Industal dar. Ansonsten gibt es über einige hundert Kilometer keine menschlichen Ansiedlungen. Nach wie vor befanden wir uns auf 4600 Meter.
Hier schliefen wir dicht an dicht mit den Fahrern in einem der Zelte. In der Nacht begann es zu schneien. So dauerte es am nächsten Morgen bis der Minibus wieder zum Laufen kam - die Motoren waren über Nacht eingefroren.

 


Nun war die surreale Landschaft mit einer Schneeschicht überzogen. Kurz nachdem wir losgefahren waren, gab unser Reifen mit einem sehr heftigen Knall endgültig den Geist auf. Ein Glück, dass das nicht in einer Kurve passiert war. Der Wechsel des Reifen ging recht schnell. Auf zum nächsten Hindernis, dem man mit etwas Wahnsinn begegnen konnte…




Es folgte der höchste Pass unserer Reise, der zweithöchste befahrbare Pass dieser Erde. Da es so heftig geschneit hatte, wäre es sinnvoll gewesen diesen Pass zu umfahren. Lediglich ein Jeep war uns in der letzten Stunde begegnet und der war wesentlich besser für solch eine Überquerung gerüstet. Der Fahrer des Jeeps riet uns energisch davon ab, den Pass zu queren. 4 der 5 Fahrer (wir fuhren in einer Kolonne) wollten auch einen sicheren Umweg fahren. Aber der Eine mit dem größten Herz hat sich durchgesetzt, indem er einfach auf den Pass zugerast ist. Also alle hinterher…




Die ersten paar hundert Meter ging das gut, bevor der erste Bus aus der Spur geriet. Es war extrem glatt und Schneeketten waren nur ein schöner Traum. Wozu sollte man so was mitführen? Das war was für Anfänger. Die wirkliche Herausforderung, bestand offenbar darin, mit dünnen Reifen ohne Profil den verschneiten Pass hochzufahren. Winterreifen sind in Indien ohnehin nahezu unbekannt. Lange schien es nun, dass wir vollständig feststeckten und keinen Meter weiter bergauf kommen würden. Umdrehen war direkt neben dem Abgrund auch nicht möglich. Inzwischen befanden wir uns auf über 5000 Metern. Wir waren schon viel zu lange in so einer Höhe, ohne akklimatisiert zu sein. Inzwischen war es wirklich gefährlich. Die Höhenkrankheit zeigte sich in starken Kopfschmerzen. Wir hatten nicht mal genug zu trinken dabei, was etwas Linderung gebracht hätte. Ich hatte dazu noch heftige Magenprobleme die es mir auch unmöglich machten zu essen – sicher eine Folge der Kraftanstrengung beim Abtransport der Fässer.

So steckten unsere Minibusse immer wieder fest - speziell auf steileren Abschnitten, die von der Sonne abgewannt lagen. Hier war es zu glatt. Die Reifen drehten ständig durch. Immer wieder nahmen die Fahrer neuen Anlauf, um solche Passagen mit Vollgas zu überwinden. Ein absoluter Wahnsinn direkt am Abgrund. Die Aussicht, noch höher zu fahren und in noch tieferen Schnee zu kommen, war auch nicht beruhigend. Auch unser einziger verbliebener einheimischer Begleiter fand die Fahrer rücksichtslos und wahnsinnig.

Die Sonne brannte unbarmherzig auf uns und da die Fahrer nun alleine die Busse steuerten, mussten wir etwa 2 km bergauf gehen. 




Nach endlosen Stunden,  Verzweiflung aber auch ungläubigem Staunen ob der verschneiten Bergkulisse, diesem phantastischen, aber auch so menschenfeindlichem Lebensraum, erreichten wir schließlich die Passhöhe auf 5300 Meter und dann ging es endlich nur noch bergab. Das Ganze in atemberaubender Geschwindigkeit und ohne Rücksicht auf Verluste.

Ladakh

Im Tal angekommen folgte die nächste gravierende landschaftliche Veränderung. Unwirklich erscheinende Felsstrukturen prägten nun das Bild und endlich tauchten wieder Farben auf – das Blau des Himmels war seitdem wir die Baumgrenze überschritten hatte die einzige Abwechslung gewesen in einer Steinwüste, in der Braun-, und Grautöne dominierten. Das Weiß des Schnees hatte die Landschaft zwar freundlicher erscheinen lassen, aber die Augen brannten angesichts der Strahlkraft in einer solchen Höhe. Die ersten kleineren Dörfer tauchten wie eine Fata Morgana auf. Nach endlosen menschenleeren Gegenden hatten wir wieder die Zivilisation erreicht. 




Das Tal öffnete sich und wir gelangten ins mächtige Industal – tief eingeschnitten zwischen majestätischen Gipfeln. Vereinzelte buddhistische Klöster tauchten auf und Pappeln leuchteten in wunderschönen Herbstfarben. Nach weiteren 50 km im Tal erreichten wir das mittelalterlich anmutende Leh mit seinen 15.000 Einwohnern.







Diese Tour werde ich auf jeden Fall wiederholen. Wahrscheinlich schon bald…

Mittwoch, 22. August 2012

Reisereportagen: Der Manali-Leh-Highway I




Seit langem träumte ich davon, nach Ladakh im äußersten Norden Indiens vorzustoßen. Auf meiner dritten Indienreise war es soweit. Meine Anreise im Oktober war ausgesprochen spät. Im Jahr zuvor hatte mich - ebenfalls im Oktober - der verschneite und vereiste Rohtang-Pass, der das bedeutendste Hindernis auf dem Weg nach Ladakh darstellt, zur Umkehr gezwungen. Der Wintereinbruch stand erneut kurz bevor. So war Manali – wenige Stunden südlich vom Rohtang-Pass mein erstes Ziel und von dort aus würde ich weitersehen, ob eine Weiterreise diesmal möglich sein würde. 

Zunächst flog ich von München über London nach New Delhi. Auf Reisen ist Schlafen für mich ein Fremdwort. Entsprechend gerädert kam ich in Delhi an; es galt mich erst mal wieder auf eine andere Welt einzustellen. Ich hatte auf meiner ersten Reise nach Indien Vieles erlebt, aber an manches musste ich mich immer wieder neu gewöhnen. Das Chaos der Städte und die Menschenmassen gehören definitiv dazu. Im Übrigen war meine erste Begegnung mit Delhi reichlich paranoider Natur gewesen und das wirkte nach. Delhi ist zweifellos eine sehr spannende und interkulturelle Stadt, in der es viel zu entdecken gilt. Aber ich halte es alleine in dieser Stadt einfach nicht aus. In Bombay war es mir ähnlich gegangen. Im Vergleich zu meinem ersten Besuch in Delhi ging es jedoch ausgesprochen gesittet am Flughafen zu, was auf die gerade zu Ende gehenden Commonwealth Games zurückzuführen war. Sogar die Rikschas hatte man vom Flughafengelände verbannt.

So fuhr ich mit einem öffentlichen Bus zum Kashmiri Gate, einem der Busbahnhöfe Delhis von dem aus die Bundesstaaten Himayal Pradesh, Punjab und Kaschmir angesteuert werden. Nach einer anderthalbstündigen Fahrt mit dem Linienbus durch Delhi, wollte ich nur noch weg. Ich hatte ohnehin keinen Aufenthalt in Delhi vorgesehen und jetzt entschied ich, dass ich trotz meiner Übermüdung tatsächlich weiterreisen würde und bestieg den Bus nach Manali. Ich wollte direkt eine Oase der Ruhe ansteuern. 

Die Busfahrt war brutal; ich war dennoch sehr froh gleich wieder aus der Stadt rauszukommen. Fünfzehn Stunden saß ich in einem altersschwachen und ungefederten Bus, fuhr durch die endlosen Vororte Delhis; Bilder, die manche Menschen in ihrem Leben nie sehen werden. Sie erzählen von Modernisierung und Aufbruch, aber auch von Umweltverschmutzung und den vielen, die einen Platz in der Gesellschaft suchen. Den risikofreudigen Fahrer kümmerte das wenig und ich saß da, war wieder Beobachter einer Szenerie, die mir so vollkommen fremd erschien, auch wenn ich diese Bilder schon gesehen hatte; Erinnerungen an unzählige Erlebnisse in Indien wurden wach. Ich war hoffnungslos übermüdet, reizüberflutet und driftete immer wieder in Träume ab. 

Bei aller Fremde empfand ich gleichzeitig eine geradezu irre Freude, wieder in Indien zu sein und zu spüren, dass es dieses wundersame Land wirklich gibt, das mir aus der Ferne betrachtet oft vollkommen irreal erschien. Dieses Land, das mich oft verzauberte mit all seinen Farben, Sinnesreizen und der Freundlichkeit der Menschen; das mich aber genauso völlig aus der Fassung bringen konnte – durch den dauernden Geräuschpegel, den Mangel an Privatsphäre, die extremen Kontraste und eine dauerhafte Reizüberflutung. Dennoch weiß ich – dieses Land wird mich niemals wieder loslassen und das Chaos und die Kontraste ziehen mich mindestens so stark an, wie sie mich manchmal abstoßen - sie zeigen die ganze Bandbreite des Lebens.

Nach einer weiteren schlaflosen und bitterkalten Nacht erreichte ich in den Morgenstunden das Kullu-Tal und schließlich Manali. 40 Stunden hatte ich bis in den Himalaya gebraucht. Eigentlich bin ich eher ein Freund des bedächtigeren Reisens, aber ich hatte eine extreme Erfahrung gebraucht, um mich wirklich lebendig zu fühlen. Ich hatte die Berge unheimlich vermisst. Manche Landschaften hatten tief in meinem Herzen ihren Ausdruck hinterlassen und ich konnte es kaum fassen wieder inmitten dieser gigantischen Kulisse zu sein.




Mir ging es immer so, dass nach einer Ankunft in einer solch anderen Umgebung die ersten Tage wie surreal erschienen, als sei man noch gar nicht angekommen. Um dem entgegen zu wirken wanderte ich jeden Tag in den umliegenden Bergen und genoss die frische Bergluft und die intensive Begegnung mit der Natur. Tagsüber war es in der Bergsonne über 30 Grad warm und nachts kühlte es bereits bis auf den Gefrierpunkt ab. Die beiden wichtigsten Ernten der Region waren gerade eingebracht – Äpfel und Marihuana. Die meisten Touristen waren längst abgereist. Auf einer meiner Wanderungen traf ich Markus, einen sympathischen und unbekümmerten Österreicher. Eigentlich hatte ich meine Weiterreise nach Ladakh aufgrund des nahenden Winters schon fast abgehakt. Doch es stellte sich heraus, dass Markus ebenfalls noch nach Leh (die Hauptstadt Ladakhs) vorstoßen wollte. Damit war es beschlossene Sache.


Der Manali-Leh-Highway


Ein Blick auf einen der Reifen unseres Kleintransporters ließ nichts Gutes erahnen als wir in den frühen Morgenstunden auf die knapp 500km weite Reise machten. Aber der Zustand des Reifens interessierte den Fahrer nicht weiter und er würde erst einen neuen Reifen aufziehen, wenn der jetzige in einem letzten Knall seinen Geist aufgeben würde. Bis zum Mittag überwanden wir die fast 2000m Steigung zum Rohtang-Pass. Der Winter würde in den nächsten Tagen mit aller Macht über das Land ziehen. Wir gehörten zu den letzten, die für dieses Jahr und auf dieser Straße Ladakh erreichen würden. Im Jahr zuvor hatte es bereits geschneit und die Straße hatte sich in eine schlammige und schwer passierbare Piste verwandelt.


So hatte der Blick vom Rohtang-Pass auf Lahaul im Vorjahr ausgesehen...

Der Pass wirkt als Wetterscheide zwischen den feuchten und fruchtbaren Ebenen Indiens und dem trockenen Tibet. Gleichzeitig trennt der Pass das hinduistisch geprägte Kullutal von den höher gelegenen Tälern Spitis, Lahauls und Ladakhs, in denen sich durch ihre Abgeschiedenheit und die extremen Wetterbedingungen die ursprüngliche buddhistische Kultur erhalten hat. Rohtang heißt übersetzt »Feld der Leichen« und weist darauf hin, wie unberechenbar die Wetterverhältnisse hier sind und wie plötzlich tückische Unwetter mit heftigen Gewittern und Niederschlägen aufziehen können, die schon viele Menschenleben gekostet haben.

Der Pass ist durch heftigen Schneefall nur wenige Monate im Jahr befahrbar und im Rest des Jahres ist der hohe Norden Indiens meist nur mit dem Flugzeug erreichbar. Das soll sich den Bau eines gigantischen Tunnels mitten durch den Berg ab 2015 ändern. Das wird wohl zu einer massiven Änderung der Lebensweise in den bisher so abgelegenen Gegenden führen, mit all seinen guten und schlechten Seiten. Das Problem ist, dass man erst die schlechten Seiten sehen kann, wenn man auf die guten Seiten nicht mehr verzichten möchte…

Nach dem Überqueren des Passes, fuhren wir durch mächtige Täler an unzähligen imposanten Gipfeln entlang. Wir kamen aus dem Staunen gar nicht mehr hinaus. Man spürte, in welch abgelegene Region wir uns hineinbewegten – dies war bereits der Hohe Himalaya. Wir erreichten den letzten größeren Ort Keylong und kurz danach auch die Baumgrenze. Hier verließen uns auch die letzten lokalen Passagiere, bis auf einen der uns bis nach Leh begleiten würde. Das Wetter war klar und sonnig, was uns einen ungetrübten Blick auf die berauschende Bergkulisse ermöglichte.




Diese ersten fünf Stunden war unsere Fahrt gut verlaufen. Das sollte sich aber am frühen Nachmittag gewaltig ändern. Die Brücken über die Flüsse bestanden aus zum Teil abenteuerlichen Stahlkonstruktionen, die immer wieder unter den Lasten zusammenbrachen. Der Straßenbau ist unter diesen extremen klimatischen Bedingungen eine gewaltige Herausforderung. Immer wieder gehen Lawinen ab, Flüsse bahnen sich neue Wege und der Frost zerstört den Straßenbelag. Die Überschwemmungen in Nordindien zwei Monate zuvor, hatten das Problem noch weiter verschärft. Ein Freund von mir war damals nur mit Hilfe des Militärs aus der Region retten können.

Nun kam ein größeres Hindernis auf uns zu: eine Brücke hatte der Last nicht mehr standgehalten und ein Truck war mit einem Hinterreifen in die Brücke eingebrochen und hatte dort die Trägerelemente zerstört. Er war deutlich überladen, wie die meisten Trucks hier. 
Ein weiterer Truck war bei dem Versuch, das Flussbett an anderer Stelle zu überqueren, liegen geblieben. Das war ohnehin ein Wahnsinnsversuch gewesen. Wobei auch die Fahrer unserer Kolonne dieser Idee auch nicht abgeneigt waren, sobald dieser Truck erst mal aus dem Flussbett rauskäme. Darauf konzentrierten sich auch erst mal die Bemühungen, doch diese blieben erfolglos.




Unsere Fahrer hielten es wie die meisten gestrandeten Fahrzeuge und sie unternahmen keine weiteren Versuche an der verfahrenen Situation etwas zu ändern, sondern präsentierten grinsend eine Flasche Whiskey und stellten sich auf eine Übernachtung im Bus ein. Inzwischen waren wir auf etwa 4500 Meter und damit 2500 Meter höher als an unserem Startpunkt. Eine vernünftige Akklimatisierung sieht entschieden anders aus. Mit dem Sonnenuntergang wurde es innerhalb kürzester Zeit bitterkalt. 

Link: Im zweiten Teil erfahrt Ihr, was aus dieser verfahrenen Situation geworden ist…

Dienstag, 21. August 2012

Eine Reise ins unerhörte Indien



Peter Pannke: Sänger müssen zweimal sterben - eine Reise ins unerhörte Indien

Diesmal möchte ich Euch ein wundervolles Buch über eine sehr sinnliche Begegnung mit Indien schmackhaft machen und zugleich eine spannende Persönlichkeit vorstellen: Peter Pannke.
Der Titel zeigt es an: der Autor erfährt Indien zuallererst über das Hören. Peter Pannke ist Musiker und für ihn ist Indien eine einzige große Symphonie. Und danach ein Fest der Farben. Generell stehen die unglaublich vielfältigen Sinneseindrücke auf dem indischen Subkontinent im Fokus. 

Peter Pannke studierte Sinologie, Indologie und vergleichende Religions- und Musikwissenschaft. Seine Reisen haben ihn in den Nahen Osten, Nordafrika, Pakistan und Indien geführt. Bekannt ist er als Klangkünstler, Komponist, Musiker und Autor von Bildbänden (Indien - Fest der Farben; Troubadoure Allahs - Sufi-Musik im Industal"). 

Er interessiert sich besonders für die kulturellen Zusammenhänge zwischen Europa, Nordafrika, dem Nahen Osten und Indien und er sucht sie im Besonderen in der Musik. Im Mittelalter waren manche der kulturellen Bindungen in Eurasien enger als es heute scheint. Die „Seidenstraße“ war über zwei Jahrtausende hinweg die direkte Hauptschlagader zwischen Europa und China und verband dadurch auch alle dazwischen liegenden Länder miteinander. Über sie gelangten Waren, Philosophien und Neuerungen in Technik, Architektur oder Medizin von einem Kontinent zum anderen. Und Musik. Auf der Suche nach dem sagenumwobenen Reich des heiligen Thomas gelangte der Minnesänger Heinrich von Morungen im 13. Jahrhundert von der deutschen Wartburg über Prag, Istanbul und Jerusalem (Kreuzzüge) bis nach Indien. Von dort gelangten die "Lieder von der Liebe" als fertige musikalische Form zu den Minnesängern nach Europa.

Gut 800 Jahre später begab sich Peter Pannke auf ihre Spuren – begleitet von der türkischen Roma-Klarinettistin Barbaros Erköse, dem französischen Multiinstrumentalist Louis Soret, den indischen Vokalisten Premkumar und Anandkumar Mallik und dem syrischen Lautenspieler Iyad Haimour, um heute noch dieses gemeinsame musikalische Erbe zu offenbaren.
1993 gründet Pannke die„Troubadours United“, um mit einigen der genannten Musikern und weiteren aus dem Iran und der Türkei die Minnepoesie (Liebespoesie) neu zu vertonen.

Vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Kulturkreise entstand eine Musik, in der mittelalterlicher Minnesang, arabische Makams und indische Ragas wie verschiedene Facetten einer einzigen musikalischen Idee wirken. Ein beeindruckendes und außergewöhnliches Projekt.

Im vorliegenden Buch wagt er sich an eine Liebeserklärung an sein Sehnsuchtsland Indien und es gelingt ihm das Land auf eine ganz außergewöhnliche Weise zu beschreiben. Bereits als Student zog es ihn erstmals nach Indien, um indische Musik an ihrer Quelle zu studieren.  Damals lernt er die Familie Mallik kennen und wurde über die Jahrzehnte zu einer Art Familienmitglied. Als das Oberhaupt der Malliks stirbt, macht sich Peter Pannke auf die Reise, um dem Patriarchen die letzte Ehre zu erweisen. Noch heute stellt eine Reise in den abgelegenen Norden von Bihar zu den strapaziösesten in Indien. Seine Reise führt auch in die eigene Erinnerung: an seine Begegnungen mit dem Guru-ji, der nun im Sterben liegt, das immer tiefere Eintauchen in die indische Kultur, den Hinduismus und das Erlernen des Hindi.

Seinem Bericht von der Reise sind diese wundervollen Zeilen vorangestellt:

„Zuallererst ist Indien ein Geruch. Blitzartig findet er seinen Weg ins Stammhirn. Als nächstes ertönen Geräusche, dann flackern Bilder auf. Sehen kommt später, Denken zuletzt. Das Hirn folgt den Spuren der Erfahrung durch die Nasenlöcher, die Netzhaut, die Trommelfelle, über die Oberfläche der Haut, bis es alles in Erinnerung verwandelt.
Bei jeder  Ankunft erlebe ich das Gefühl, wie Indien in mich eindringt und sich schlagartig in mir ausbreitet. Beim ersten Atemzug ist der Schock am Stärksten; später, wenn ich selbst die Duftmarke dieses großen Tieres angenommen habe, werde ich diesen Geruch nicht mehr wahrnehmen. Kaum habe ich das Land wieder verlassen, zerfließt er zu einem vagen Schatten, den Nase und Hirn nicht mehr zu fassen vermögen. Ich versuche mich zu erinnern.“  

ein wundervoll sinnliches Buch, das ich Euch nur ans Herz legen kann!

Montag, 20. August 2012

Reisereportagen: Hampi




Bei meinem dritten Besuch in Goa habe ich es endlich zur Ruinenstadt Hampi geschafft. Transportmittel der Wahl war ein Nachtbus – eines dieser Ungetüme, die in unseren Breitengeraden längst von den Straßen verschwunden wären. Die Stoßdämpfer hatten längst ihre Funktion eingebüßt und gaben die unzähligen Schlaglöcher generös an die Fahrgäste weiter, was speziell Im Heck des Busses dazu führt, dass man immer wieder die Bodenhaftung verliert. Und so braucht der Bus für die etwa 200 km nach Hampi fabulöse neun Stunden – das überrascht aber eher den Indienneuling. Auf meiner ersten Tour durch Indien hatten mich die unendlichen Busfahrten von Kaschmir bis hinunter nach Goa ein wenig abgehärtet. Gewöhnung wäre aber ein zu starkes Wort. Es ist und bleibt ein Abenteuer auf indischen Straßen unterwegs zu sein…

Hampi ist heute eine sehr überschaubare Ortschaft im Herzen Karnatakas, dem südlich und östlich zu Goa angrenzenden Bundestaat Indiens. Es ist geprägt vom Tourismus; zahllose Gasthäuser, Restaurants und Souvenirläden bestimmen das Stadtbild; gleichzeitig ist Hampi noch immer ein wichtiger Pilgerort. In den Abendstunden ist der Virupaksha-Tempel im Zentrum der Stadt reich geschmückt, erfüllt von Trommel- und Glockenklängen und Kerzenschein – die spirituelle Atmosphäre überträgt sich unweigerlich auf den Besucher.




Hampi war die Hauptstadt des untergegangenen Vijayanagar-Reiches, einer hinduistisch geprägten Kultur von beachtlicher Größe. So gehen Schätzungen davon aus, dass alleine in der Hauptstadt zwischen 200000 und 500000 Menschen gelebt haben sollen. Mehrere Dynastien hatten hier in der  Zeit von 1336 bis 1564 ihre Hauptstadt. Hampi, das damals wie das Reich Vijayanagar hiess, stieg zum bedeutendsten Zentrum von Handel, Kultur und Religion in Südindien auf. Davon zeugen auch heute noch die verbliebenen Ruinen riesiger Bazare.
1564 fielen Moslemheere aus dem Norden Indiens ein und schlugen die Armee von Vijayanagar vernichtend und die Hochkultur verschwand vollständig von der Bildfläche. Die Überreste der riesigen Tempelanlagen wurden erst vor 100 Jahren von der Öffentlichkeit wiederentdeckt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Dschungel die Ruinen zurückerobert und die Tempel waren weitestgehend in Vergessenheit geraten. Seit 1986 gehören sie zum Weltkulturerbe der UNESCO.
Die unzähligen Tempel sind auf einem insgesamt 25 qkm großen Areal verstreut und von einer surrealen Felslandschaft aus Granit umgeben. Viele dieser Felsen sind von einer solchen Größe und so bizarr angeordnet, dass man leicht nachempfinden kann, warum dieser Ort zu einer Kultstätte wurde. Ein Ort, der die Phantasie beflügelt.






In der Umgebung finden sich Bananenplantagen, Reisfelder und Dschungellandschaften, die durch den Tunghabhadra-Fluss bewässert werden. Während meines Aufenthalts im März und bereits unglaublich heiß. So bot der Fluss eine willkommene Abkühlung für die Einheimischen und die Besucher.



 


Der Affengott Hanuman

Eine riesige Population von Makaken (Affen mit silbergrauem Fell) bevölkert Stadt und Tempelanlagen. Die Affen gelten als heilig und genießen eine besondere Verehrung in Indien. Dem Affengott Hanuman ist ein Tempel auf einer Anhöhe gewidmet. Im Epos Ramayana wird Rama im Kampf gegen den Dämonenkönig Ravana, von dem Affenkönig Sugriva und seinem Affenheer und dem weisen und tapferen Affen Hanuman unterstützt. Viele Hindus setzen die Kultbauten in Hampi mit dem legendären Affen-Königriech Kishkinda gleich.


Bildnis von Hanuman


Hanuman-Tempel

Besonders genoss ich die wunderbaren Sonnenuntergänge von den vielen Anhöhen der Umgebung. Man genießt einen Rundumblick über die Umgebung: endlose Steinformationen, die im Wiederschein der letzten Sonnenstrahlen leuchten. Dazwischen strahlen tropische Landschaften in verschiedenen Grünschattierungen. So kommt es auch, dass viele Reisende deutlich länger bleiben als ursprünglich geplant und wochenlang zu diesen Aussichtsplätzen pilgern.



Ein besonderes Erlebnis war für mich, als ich am Rande eines Tempels völlig unverhofft zu einer Puja (ein Hindu-Zeremoniell) eingeladen wurde. Eine etwa 40-köpfige Gemeinschaft war hier versammelt. Sie stammte aus einem 100km entfernten Dorf. Sie erzählten mir, dass sie alle 3-4 Monate nach Hampi kommen, um drei Tage lang die Götter zu ehren, zu essen, zu reden, zu feiern und draußen zu übernachten. Ich wurde sogleich „adoptiert“, neugierig ausgefragt und zum Essen eingeladen. Eine ältere Dame ließ es sich nicht nehmen, mir in viel zu kurzen Intervallen große Portionen direkt in den Mund zu schieben - unter großem Gelächter der Anwesenden. Ein Zeichen von großer Sympathie.Ein Ort, den ich gerne einmal wiedersehen würde...