Freitag, 15. Juni 2012

Sehnsuchtsorte: Kaschmir



Dieses Bild ist aus einer Shikara heraus aufgenommen - einem Boot, das entfernt an venezianische Gondeln erinnert. Aus dem einfachen Holzboot wird durch ein Podest, bunte Tücher und sanfte Kissen ein gemütliches und farbenfrohes Gefährt, mit dem man Fahrten über den Dal-See im indischen Bundesstaat "Jammu & Kaschmir" unternehmen kann. Auf der Wasseroberfläche leuchten die Blüten des Lotus. In der Mitte des Sees sind Hausbooten mit romantischen Holzschnitzereien festverankert.

Dieses Bild war die Vorlage für das Buchcover meines Buches "Reflexionen eines Suchenden" - ein Sinnbild:
durch die schmale Öffnung einer alten Brücke erkennt man die Ausläufer des Himalaya, die das Tal umschließen und sich auf der Wasseroberfläche wiederspiegeln. Die Öffnung symbolisiert die Odyssee, die vor mir liegen würde und in der sich immer wieder mein bisheriges Leben spiegeln würde.

Die Erfahrungen, die ich in der von Pakistan, China und Indien beanspruchten Region gemacht habe, waren keineswegs einfach zu verdauen und dennoch:
die Bilder des malerischen Kaschmirtals und aus den umgeben Bergen haben sich tief in mein Herz gebrannt.

Tizaino Terzani schreibt in einer Reportage unter dem Namen "Jeder Schatten ist verdächtig":

"Schöner kann eine Landschaft kaum sein. Das Kaschmir-Tal, ein Amphitheater des Himalaja, erscheint dem Besucher wie ein seltenes Beispiel natürlicher Vollkommenheit. Seine Berge verlieren sich in schimmernden Höhen, seine Flüsse sind klar wie Glas, und in den Seen spiegeln sich Pappeln und Weiden so majestätisch wie Kathedralen. Die Mogul-Kaiser, die im 16. Jahrhundert aus dem öden Zentralasien kamen und Indien eroberten, legten an den Ufern des Dal-Sees die schönsten Gärten Asiens an. Als Kaiser Jehangir, Vater und Erbauer des Taj Mahal in Agra, 1627 im Sterben lag und nach seinem letzten Wunsch gefragt wurde, flüsterte er nur: "Kaschmir, Kaschmir!" Ein berühmter Vers aus dem letzten Jahrhundert lautet: "Wenn es ein Paradies auf Erden gibt - dann ist es hier."

zitiert aus: Tiziano Terzani: Asien, mein Leben - Die großen Reportagen

Wie der Titel dieser Reportage bereits vermuten lässt, geht es in der Reportage vorrangig darum, warum Kaschmir (zu Zeiten der britischen Kolonialherrschaft als „happy Valley“ bekannt) kein Paradies mehr ist und seit der Unabhängigkeit Indiens und Pakistans bereits drei Kriege um Kaschmir geführt wurden und die Menschen nicht mehr zur Ruhe gekommen sind. Auch in meinem Buch habe ich mich diesem Thema auseinandergesetzt - um zu verstehen, was mir eigentlich in den extrem intensiven Tagen, die ich dort verbracht habe, widerfahren ist. Schon die Mail, die ich damals an Freunde und Familie schickte, verrät einiges: "lost in Paradise". Weiter möchte ich an dieser Stelle noch nicht vorgreifen...

Im Moment lese ich das Buch "Mitternachtskinder" von Salman Rushdie. Ein faszinierendes Zeugnis über die indische Geschichte. Ausgangspunkt der Geschichte ist ebenfalls Kaschmir.
Vor allem aber der Stil Rushdies ist faszinierend: es gelingt ihm, politische und historische Zusammenhänge mit Poesie und Fantasie zu einem Epos zu verdichten. Definitiv kein einfach zu lesendes Buch. Es macht nur Sinn, das Buch mit höchster Konzentration zu lesen - sonst verliert man sofort den Faden. Der Humor von Rushdie ist köstlich und stellenweise ausgesprochen abgründig. Allein dieser lohnt schon die Lektüre. Rushdie geht keine Kompromisse beim Äußern seiner persönlichen Meinung ein. 

In seinem späteren Werk "die satanischen Verse" wurde auch das Leben des Propheten Mohammed satirisch dargestellt, was zu großer Empörung unter strenggläubigen Muslime führte. Der iranische Staatschef Khomeini nahm das zum Anlass, den provokanten Schriftsteller und jeden der die Verbreitung des Buches beteiligt war, in Abwesenheit zum Tode zu verurteilen und rief Moslems in aller Welt zur Vollstreckung dieses Urteils (Fatwa) auf, so dass sich Rushdie jahrelang versteckt halten musste. 1998 starb Khomeini und der Aufruf zum Mord aufgehoben.
Doch noch fühlen sich Fanatiker an die ursprüngliche Fatwa gebunden und so gehört Personenschutz für den in England lebenden Rushdie zum Alltag.
Ich kann den Mut von Salman Rushdie nur bewundern!

Aktuell wurde auch gegen den iranischen Musiker Shahin Nafaji von solch einem Todesurteil bedroht. Er lebt nach einer vorhergehenden Verurteilung im Iran schon längere Zeit in Deutschland und musste nun untertauchen, nachdem ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wurde.
Meinen Dank an Günter Wallraff für sein Engagement und meine uneingeschränkte Solidarität für Nafaji. Eine Schande, wie Religion instrumentalisiert wird!

Weiterführende Informationen zu diesem Fall finden sich hier.

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