Montag, 18. Juni 2012

Brückenbauer


Zunächst möchte ich eine Frage in den Vordergrund stellen, die ich mir immer wieder selbst stelle: „Warum nur zieht es mich immer in die Ferne?“ – schließlich habe ich bereits drei Reisen nach Asien hinter mir, die letztlich eine große war. Doch die Vorstellung das Reisen in fremde Länder würde die eigene Sehnsucht befriedigen, blieb ein Trugschluss. Zumindest gibt es einen Teil unter den Reisenden, deren Sehnsucht immer größer wird, die süchtig werden und verstehen wollen, was sich hinter der Oberfläche befindet und ihren Blick auf das Leben nachhaltig verändern. Die das Gefühl haben, nicht zurück zu können und wollen, irgendwo zwischen den Welten stehen. Ich bin einer von Letzteren.

Dabei war das Reisen keineswegs nur Wonne. Manchmal habe ich mich verflucht unterwegs. Manchmal fühlte ich mich extrem getrieben. Die eine Hälfte in mir wollte nichts anderes als eine Pause, an einem Ort an dem ich Frieden finden konnte, während der andere Teil immer weiter drängte ohne Rücksicht auf die anderen Bedürfnisse. Eine Höllenfahrt reihte sich an die andere und ich hetzte manchmal von Bleibe zu Bleibe. Die ureigene Geschwindigkeit, die man beim Reisen entwickeln muss, konnte ich lange nicht finden. Sicher, man wird im Laufe der Zeit erfahrener und das hilft ungemein. Dennoch gibt es immer wieder diese Phasen, in denen man sich fragt, was um alles in der Welt einen dazu treibt, sich so weit treiben zu lassen und zweifelt an seinem Verstand. Man hinterfragt die eigenen Motive. Jage ich nur einer Illusion hinterher oder hat das was ich tue Substanz, möglicherweise sogar einen tieferen Sinn, der mir noch verborgen bleibt?
Das Wort Reisefieber impliziert es bereits: Reisen kann wundervoll sein, voller bereichernder Impressionen und Sinneseindrücke; doch genauso kann man sich verloren fühlen, ausgeliefert oder so stark auf sich selbst zurückgeworfen, dass man am liebsten vor sich selbst  und den Fragen, was wohl nun aus dem eigenen Leben werden sollte, Reißaus nehmen würde…
Manchmal fühlte es sich an, als sei mein Erfahrungsschatz so randvoll, dass ich mich nach nichts anderem sehnte, als nach einer Oase, an der die Bilder des Erlebten noch einmal an mir vorbeiflimmern konnten, bevor wieder Platz und Sinn für neue Eindrücke frei werden konnte. 

Oft fühlte ich mich einfach fremd und dabei bin ich unweigerlich auch beim Thema Heimat. Was passiert nun, wenn man sich in der angestammten Heimat nicht wohlfühlt? Dieses Unbehagen sogar Grund für den eigenen Ausbruch war und die Distanz nun noch weiter gewachsen ist. Wenn man gleichzeitig Heimweh nach Sehnsuchtsorten hat, die man unterwegs gefunden hat - die einen existentiell berührt haben und gleichzeitig in der Erinnerung immer weiter verblassen? Orte zudem, die kaum jemand der eigenen Freunde oder Familie kennt, so dass man die Sehnsucht auch mit Niemanden teilen kann.
Mir ging es immer so, dass ich mich dann noch stärker getrieben fühlte und das Gefühl der Heimatlosigkeit stärker wurde. Würde es mir im Laufe der Zeit gelingen, mich überall heimisch fühlen zu können? Auch das habe ich schon erlebt. Leider hat dieses Gefühl nie dauerhaft angehalten.

Letztlich ist Heimat nicht nur ein Ort, an dem Erinnerungen hängen und Freunde und Familie sind, sondern vielmehr auch die Summe der Erfahrungen, aber auch der Sehnsüchte, ein stark idealisierter Raum. Ein Raum, in dem man sich geborgen fühlt. Es muss also kein Ort sein. Auch Kultur, Musik oder Literatur können Heimat sein. Für mich sind das in erster Linie Bücher. Beim Lesen kann ich mich geborgen fühlen und gleichzeitig innere Reisen unternehmen.

Fremde Kulturen prägen und mit der Zeit erscheinen sie einem nicht mehr so fremd – lässt man sich richtig auf sie ein, kann man in ihnen sogar ein stückweit heimisch werden und somit die eigene Heimat erweitern – und so wird man auch selbst zum Kulturträger – nun trägt man verschiedene Kulturen in sich – eine Erfahrung die Emigranten zwangsläufig machen.
Zurzeit leben wir in einer Zeit, in der das Potential zum Kulturaustausch so groß ist, wie nie zuvor. Gleichzeitig erleben wir, dass „Globalisierung“ sehr einseitig verläuft. Die Angst vor Überfremdung ist hoch und die Anziehungskraft der gewaltbereiten Fanatiker in allen Religionen (ganz gleich ob nun Evangelikale, Anhänger des Dschihad oder fanatische Hindu-Nationalisten) symbolisiert nichts anderes.

Samuel Huntington hat in einem einflussreichen Buch sogar den Kampf der Kulturen heraufbeschworen: „The Clash of Civilizations“. Eine gefährliche Zuspitzung. Viel wichtiger ist die Frage, wie wir das unvermeidliche Zusammenwachsen der Welt gestalten wollen – vor allem jenseits der globalen Konsumgesellschaft, die vor allem eins auszeichnet: Gleichförmigkeit.
Doch gerade in dem Schwinden von Vielfältigkeit liegt wohl die größte Gefahr. Leider ist in der westlichen Welt ein geradezu imperialistischer Kulturbegriff häufig anzutreffen und die Bereitschaft, sich auch von anderen Kulturen beeinflussen zu lassen, zu gering.
Dem stehen Brückenbauer entgegen, die versuchen Kulturaustausch global und in alle Richtungen offen zu verstehen. Ich hoffe einmal selbst solch ein Brückenbauer sein zu können.

Die Fragen, die ich hier aufstelle sind nicht neu für mich. Doch ganz eindeutig ist mein aktueller Blog stark von einem Buch inspiriert, das ich bislang nur angelesen habe, aber jetzt schon Einfluss auf mich ausübt. Es stammt von zwei Autoren. Der eine - Ilija Trojanow - gehört schon seit längerem zu meinen absoluten Lieblingsautoren und ich werde mich ihm noch einmal an anderer Stelle widmen.

Gemeinsam mit Ranjit Hoskoté, einem indischen Kulturkritiker, hat er das Buch „Kampfabsage – Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen“ verfasst. Bereits der Titel zielt auf den oben genannten Titel „The Clash of Civilizations“. Schon allein die Bibliographie ist beeindruckend. Hier finden sich Quellenangaben aus vielen Kulturen, Religionen und Epochen und versprechen eine fundierte Recherche.
Bereits die Einleitung verrät mit viel Sachkenntnis, warum Europa sehr wohl eine muslimische Tradition hat und wie unsinnig es ist, die gegenseitige Beeinflussung der Kulturen in Frage zu stellen.

Die Widmung verrät außerdem, dass das Buch seinen Weg nicht zufällig zu mir gefunden hat:
„to the Inhabitants of the In-between - Für jene, die das Dazwischen bewohnen”
Nach der Lektüre des Buches werde ich noch einmal ausführlicher Stellung beziehen.

Schon jetzt habe ich mir vorgenommen, mehr von Autoren aus anderen Kulturkreisen zu lesen. Wohin mich meine (inneren) Reisen führen werden? Ich weiß es nicht, aber ich weiß dass ich diese Reise bis zu ihrem Ende gehen muss. Ob ich dabei wohl irgendwann als Journalist, Reisereporter, Inhaber eines kleinen Bücher-Cafés oder gestrandet aufwachen werde? In jedem Fall habe ich Träume, denen ich folge und wenn ich wüsste, wohin sie mich führen würden, wäre wohl auch alle Spannung verloren…

Freitag, 15. Juni 2012

Sehnsuchtsorte: Kaschmir



Dieses Bild ist aus einer Shikara heraus aufgenommen - einem Boot, das entfernt an venezianische Gondeln erinnert. Aus dem einfachen Holzboot wird durch ein Podest, bunte Tücher und sanfte Kissen ein gemütliches und farbenfrohes Gefährt, mit dem man Fahrten über den Dal-See im indischen Bundesstaat "Jammu & Kaschmir" unternehmen kann. Auf der Wasseroberfläche leuchten die Blüten des Lotus. In der Mitte des Sees sind Hausbooten mit romantischen Holzschnitzereien festverankert.

Dieses Bild war die Vorlage für das Buchcover meines Buches "Reflexionen eines Suchenden" - ein Sinnbild:
durch die schmale Öffnung einer alten Brücke erkennt man die Ausläufer des Himalaya, die das Tal umschließen und sich auf der Wasseroberfläche wiederspiegeln. Die Öffnung symbolisiert die Odyssee, die vor mir liegen würde und in der sich immer wieder mein bisheriges Leben spiegeln würde.

Die Erfahrungen, die ich in der von Pakistan, China und Indien beanspruchten Region gemacht habe, waren keineswegs einfach zu verdauen und dennoch:
die Bilder des malerischen Kaschmirtals und aus den umgeben Bergen haben sich tief in mein Herz gebrannt.

Tizaino Terzani schreibt in einer Reportage unter dem Namen "Jeder Schatten ist verdächtig":

"Schöner kann eine Landschaft kaum sein. Das Kaschmir-Tal, ein Amphitheater des Himalaja, erscheint dem Besucher wie ein seltenes Beispiel natürlicher Vollkommenheit. Seine Berge verlieren sich in schimmernden Höhen, seine Flüsse sind klar wie Glas, und in den Seen spiegeln sich Pappeln und Weiden so majestätisch wie Kathedralen. Die Mogul-Kaiser, die im 16. Jahrhundert aus dem öden Zentralasien kamen und Indien eroberten, legten an den Ufern des Dal-Sees die schönsten Gärten Asiens an. Als Kaiser Jehangir, Vater und Erbauer des Taj Mahal in Agra, 1627 im Sterben lag und nach seinem letzten Wunsch gefragt wurde, flüsterte er nur: "Kaschmir, Kaschmir!" Ein berühmter Vers aus dem letzten Jahrhundert lautet: "Wenn es ein Paradies auf Erden gibt - dann ist es hier."

zitiert aus: Tiziano Terzani: Asien, mein Leben - Die großen Reportagen

Wie der Titel dieser Reportage bereits vermuten lässt, geht es in der Reportage vorrangig darum, warum Kaschmir (zu Zeiten der britischen Kolonialherrschaft als „happy Valley“ bekannt) kein Paradies mehr ist und seit der Unabhängigkeit Indiens und Pakistans bereits drei Kriege um Kaschmir geführt wurden und die Menschen nicht mehr zur Ruhe gekommen sind. Auch in meinem Buch habe ich mich diesem Thema auseinandergesetzt - um zu verstehen, was mir eigentlich in den extrem intensiven Tagen, die ich dort verbracht habe, widerfahren ist. Schon die Mail, die ich damals an Freunde und Familie schickte, verrät einiges: "lost in Paradise". Weiter möchte ich an dieser Stelle noch nicht vorgreifen...

Im Moment lese ich das Buch "Mitternachtskinder" von Salman Rushdie. Ein faszinierendes Zeugnis über die indische Geschichte. Ausgangspunkt der Geschichte ist ebenfalls Kaschmir.
Vor allem aber der Stil Rushdies ist faszinierend: es gelingt ihm, politische und historische Zusammenhänge mit Poesie und Fantasie zu einem Epos zu verdichten. Definitiv kein einfach zu lesendes Buch. Es macht nur Sinn, das Buch mit höchster Konzentration zu lesen - sonst verliert man sofort den Faden. Der Humor von Rushdie ist köstlich und stellenweise ausgesprochen abgründig. Allein dieser lohnt schon die Lektüre. Rushdie geht keine Kompromisse beim Äußern seiner persönlichen Meinung ein. 

In seinem späteren Werk "die satanischen Verse" wurde auch das Leben des Propheten Mohammed satirisch dargestellt, was zu großer Empörung unter strenggläubigen Muslime führte. Der iranische Staatschef Khomeini nahm das zum Anlass, den provokanten Schriftsteller und jeden der die Verbreitung des Buches beteiligt war, in Abwesenheit zum Tode zu verurteilen und rief Moslems in aller Welt zur Vollstreckung dieses Urteils (Fatwa) auf, so dass sich Rushdie jahrelang versteckt halten musste. 1998 starb Khomeini und der Aufruf zum Mord aufgehoben.
Doch noch fühlen sich Fanatiker an die ursprüngliche Fatwa gebunden und so gehört Personenschutz für den in England lebenden Rushdie zum Alltag.
Ich kann den Mut von Salman Rushdie nur bewundern!

Aktuell wurde auch gegen den iranischen Musiker Shahin Nafaji von solch einem Todesurteil bedroht. Er lebt nach einer vorhergehenden Verurteilung im Iran schon längere Zeit in Deutschland und musste nun untertauchen, nachdem ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wurde.
Meinen Dank an Günter Wallraff für sein Engagement und meine uneingeschränkte Solidarität für Nafaji. Eine Schande, wie Religion instrumentalisiert wird!

Weiterführende Informationen zu diesem Fall finden sich hier.

Mittwoch, 13. Juni 2012

Der "Banana-Pancake-Trail"


Mir ist es ein Anliegen auf diesem Blog auch den Humor nicht zu kurz kommen zu lassen. Dazu eigent sich die Besprechung dieses Buchs vorzüglich. Wie heißt es so schön über die Erleuchtung – sie soll sich mit einem Lachanfall einstellen. Doch die Erleuchtung verspreche ich an dieser Stelle nicht…

In jedem Fall ermöglichen in meinen Augen unterschiedliche Blickwinkel ein vollständiges Bild. Über eine (gerne auch zynische) Satire oder ironische Zuspitzung versteht man oft besser den Kern eines Themas als mit einer ernsten Beschreibung, die gerade wichtigen Themen zunächst angemessener erscheint. Ein vollständiges Bild ergibt sich aus beidem.

Damit sind wir auch schon mitten in der Beschreibung des Buches Der Banana-Pancake - Untwergs auf dem vollsten Trampelpfad der Welt. Denn gerade die verschiedenen Blickwinkel, die der Autor Philipp Mattheis aufzeigt, gefallen mir besonders gut. Es geht in seinem Buch um die Spezies der Backpacker. Ich habe bislang noch kein Buch gelesen, das diese Gruppe so stark in den Fokus stellt. Der Autor war einer von ihnen. Einerseits berichtet er also von eigenen Erfahrungen, andererseits zeichnet seine Beschreibungen auch eine angenehme Distanz aus. Stellenweise mutet das fast wie eine soziologische Studie mit hochgezogener Augenbraue an. Gerade dieser leichte Spott und Zynismus verleiht dem Buch viel von seiner Frische. Dennoch hat man nicht das Gefühl, dass der Autor die Sympathie oder sein Verständnis für andere Backpacker gänzlich verliert.

Doch was ist eigentlich dieser „Banana-Pancake-Trails“?

Im klassischen Sinn wird so eine Route in Südostasien bezeichnet, die sich durch die Staaten Thailand, Vietnam, Kambodscha und Laos zieht und im Wesentlichen aus einer touristischen Infrastruktur besteht, die auf die Backpacker zugeschnitten ist.
Der Name dieser Route spielt darauf an, dass viele Backpacker ein süßes Frühstück bevorzugen. Darauf haben sich die Einheimischen, die an den Backpackern verdienen wollen, eingestellt - obwohl es ihnen selbst nie in den Sinn käme, mit etwas Süßem in den Tag zu starten.
Je nach Betrachtungsweise zählen auch bestimmte Regionen von Malaysia, Indonesien oder auch China hinzu und die Netze dieses Pfades dehnen sich immer weiter aus. Philipp Mattheis bezieht außerdem den „Gringo Trail“ in Mittelamerika und seine Erfahrungen in Indien und Marokko in seine Geschichten mit ein. Sicher kann man auch über Routen in Südamerika Ähnliches erzählen.

Gleich zu Beginn des Buches stellt er stellvertretend die Fragen, die wohl die meisten Backpacker beschäftigen. Da wären die großen, metaphysischen Fragen:

„Was ist der Sinn des Lebens? Wer bin ich? Was ist eigentlich wirklich wichtig?“

Aber auch die weniger Subtilen:

„Muss ich unbedingt studieren, arbeiten und Geld verdienen? Kann ich nicht einfach nur rumhängen? Wenn ich nicht der bin, der ich sein will, kann ich dann nicht einfach vor mir selbst wegrennen?“

Damit ist man gerüstet für das, was er im Laufe seiner Erzählung ausbreitet.
Zu Beginn geht es um die Zweifel, die mit der Entscheidung einhergehen, die Heimat hinter sich zu lassen und sich ins Unbekannte zu begeben. Erst als der Autor von den USA gen Mexiko aufbricht ändert sich das schlagartig:

«Ich fuhr Richtung Süden. Von nun änderte sich alles. Luft und Klima wurden warm, die Hotelzimmer billig, und vor allem: Ich traf Menschen. Sie alle waren zwischen 18 und 30. Sie trugen einen Rucksack. Sie reisten mit einem Buch. Sie gaben wenig Geld aus und trugen T-Shirts, die schon sehr lange keine Waschmaschine mehr gesehen hatten. Diese Menschen wollten alle das Gleiche: Pyramiden fotografieren, Vulkane besteigen, Bier trinken und am Strand herumliegen, Sex haben und weiterfahren. Ich war auf dem „Banana-Pancake-Trail“ angekommen. Das folgende Jahr über verließ ich den Pfad nicht mehr. Nun lernte ich jeden Tag junge Engländer, Schweizer, Schweden und Israelis kennen: in billigen, aber sehr gemütlichen und auf unsere Bedürfnisse zugeschnittenen Hotels, in klapprigen Reisebussen, auf den Stufen alte Tempel und am Strand. Wir staunten, feierten, liebten uns. Wir tauschten E-Mail-Adressen aus und vergaßen uns dann genauso schnell wieder, wie wir uns kennengelernt hatten. Wir schwammen zusammen im Mekong, schliefen in mexikanischen Hängematten und besuchten Haschischbauern in den Bergen Marokkos. Diese Leute waren überall, es gab kein Entkommen, ich war nie wieder allein.»

Im Laufe des Buches erfährt man die essentiellen Unterschiede zwischen Touristen und Backpackern, warum man für esoterische Abgründe empfänglich wird, wieso viele US-Amerikaner ihre Herkunft verleugnen oder welche Reiseziele und Aktivitäten besonders beliebt sind.

Die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen stehen aber im Vordergrund. Mit manchen fühlt sich der Autor offenbar tief verbunden; andere betrachtet er fasziniert, aber auch ironisch aus der Distanz. 

Auch die Schattenseiten werden beleuchtet: der Sextourismus, die Armut in den bereisten Ländern und die negativen Auswirkungen von einseitiger Globalisierung und wachsenden Touristenzahlen. Hier am Beispiel des perfekten Strandes:

„Der Strand ist der Zustand, der dem Paradies nahekommt. Der Strand ist die Verheißung des Reisens überhaupt.
(…)Nur ist Strand nicht gleich Strand. Ein Strand mit Strandkorb, Supermarkt und Friseursalon ist ein gentrifizierter Strand. An solch einem Ort gewesen zu sein ist ungefähr so speziell, wie im Hard Rock Café Paris eine Cola mit Vanilleeis getrunken zu haben. Wichtig am perfekten Strand ist, dass erstens kaum Menschen und zweitens die richtigen dort sind. Einen solchen Strand zu finden ist eine Mission.
(…)Der perfekte Strand ist nämlich wie eine angesagte Bar oder eigentlich wie alle coolen Dinge: Sie zerstören sich selbst. Je einsamer, perfekter, abgelegener der Strand ist, desto mehr Leute wollen dahin. (…)Ist man dort angelangt, wird man sofort zum Teil des Problems. Die eigene Anwesenheit trägt dazu bei, den perfekten Strand zu zerstören.“

Außerdem erfährt man ausführlich, welche Rolle für diese Entwicklung die „Bibel“ der Backpacker spielt: Der „Lonely Planet“. Darüber hinaus deckt er auch die unfreiwillige Komik mancher Regeln im „Ehrenkodex“ der Backpacker auf: 

„Echte Backpacker fliegen nicht. Sie legen Strecken über Land zurück. Wer fliegt, ist ein Weichei, ein reiches noch dazu. Nur Drei-Wochen-Touristen mit viel Geld und wenig Geld leisten sich Inlandsflüge. Solche Reisende unterscheiden sich nur noch oberflächlich von den Rollkoffermenschen. Backpacker fahren. Was zählt, ist die Bewältigung der Distanz in einem möglichst unbequemen Gefährt. Ab zwölf Stunden wird die Fahrt für erzählenswert gehalten. Ab 24 Stunden wird sie zu einem abstrakten Orden, einer Auszeichnung, die – im richtigen Kreis erwähnt – zahlreiche „Oh my God“-Ausrufe seitens der Zuhörer provoziert und diese dazu einlädt, ebensolche Anekdoten zu erzählen.“

Hauptthema bleibt der Mythos der Individualität, die man längst nur noch dann findet, wenn man die ausgetretenen Pfade verlässt:

„Den Drifter(…), den unabhängigen Globetrotter, der in fremde Kulturen eintaucht, gibt es nicht mehr. Es kann ihn nicht mehr geben, weil es zu viele von seiner Sorte gibt. Sie sammeln und kumulieren sich allerorten. Sie rotten sich zusammen und bilden eigene kleine Gemeinschaften. Und weil sie es genießen, mit einem Buch zu reisen, das ihnen die Reise so leicht macht wie einen Strandurlaub in Griechenland, landen sie alle in denselben Hotels, fahren mit denselben Bussen, lungern an denselben Stränden herum, besichtigen dieselben Pyramiden und Tempel und wandern durch denselben Dschungel. Dort, wo einmal kein Weg war, ist heute eine Autobahn.“

Er schreibt über das Alleinreisen, die Langzeitbackpacker und wie man langsam aus dem von zuhause gewohnten „Belohnungssystem“ aussteigt. Schließlich geht es auch um den erneuten Kulturschock bei der Heimkehr in die gewohnten Gefilde und wie schwierig es ist, sich wieder auf die Mentalität daheim einzustellen.

Das ganze Buch ist geprägt von einem lockeren Erzählstil, so dass der Leser – ein Grundinteresse an der Thematik vorausgesetzt - das Buch schnell verschlungen hat.

Da ich mich persönlich an viele eigene Erlebnisse erinnert fühlte, werde ich in einem weiteren Blog darauf eingehen, wie sehr sich manche Erfahrungen gleichen, aber auch, wie unterschiedlich Bücher über diese Erfahrungen ausfallen können. Dort werde ich auch weitere Zitate vorstellen.

Wer gleich noch ein bisschen tiefer einsteigen möchte, findet hier eine Leseprobe.

Dienstag, 5. Juni 2012

Sehnsuchtsorte: Istanbul


"Mit Abstand am besten gefiel mir, am Bosporus entlang zu laufen; vor allem
der Blick von Asien auf die untergehende Sonne über Europa beeindruckte
mich nachhaltig. Von Asien auf Europa zurückzuschauen war für mich
Sinnbild. Ich würde kurz nach Europa zurückkehren, aber dann würde ich tief
nach Asien vordringen und Europa hinter mich lassen."
Das ist die einprägsamste Erinnerung an meinen Besuch in Istanbul, der den Übertritt auf meiner ersten Reise von Europa nach Asien symbolisierte. Das Bild samt Zitat stammt aus meinem Buch. Über 70 Bilder befinden sich darin - jeweils an der passenden Textstelle und nicht - wie sonst üblich - in einem Block in der Mitte des Buches. Sie sind häufig mit kleinen Textpassagen versehen, die die Verbindung von Text und Bildern unterstreichen.


Sonntag, 3. Juni 2012

Tiziano Terzani und seine innere Reise


Im dritten Blog über Tiziano Terzani geht es um seine Begegnung mit Indien, seine Krebserkrankung, seine Suche nach Spiritualität und sein Vermächtnis.
In Teil 1 ging es um seine Hoffnungen auf den Kommunismus, die in einer bitteren Enttäuschung endet: Tiziano Terzani: Der Traum von China

Teil 2 beschäftigte sich mit der Globalisierung und dem Wandel der asiatischen Kulturen und dem zunehmenden Einfluss materieller Werte, die die traditionellen Kulturen an den Rand drängen: Tiziano Terzani: Asien und die Globalisierung

Zwei Zitate sollen noch einmal diese Entwicklung spiegeln:


„Durch die Harmonie der Gegensätze bleibt die Welt im Lot; durch sie pflanzt sie sich fort; durch sie bleibt sie in Spannung, durch sie lebt sie. Insofern hat es eine gewisse Berechtigung, den Niedergang des Kommunismus zu beklagen, nicht den Kommunismus als solchen, sondern als Alternative, als Gegengewicht. Seit es diesen Gegenpol nicht mehr gibt, befindet sich die Welt in einem großen Ungleichgewicht, und denjenigen, die sich heute auf der Siegerseite wähnen, fehlt nun die Spannung, die letztlich ihre Kreativität befruchtet hatte.“


„Die Entwicklung ist ein Dogma; der Fortschritt um jeden Preis ein Befehl, der keinen Widerspruch duldet. Selbst der leiseste Zweifel an der Marschrichtung, an seiner Moralität, seinen Konsequenzen ist in Asien unmöglich geworden.
Hier gibt es nicht einmal die Hippies, die bei uns begriffen hatten, dass am „Fortschritt“ etwas nicht stimmte, und deshalb riefen: „Haltet die Welt an! Ich will aussteigen!“ Und doch ist das Problem da und geht uns alle an. Alle sollten wir uns fragen, ob das was wir gerade tun, unser Leben verbessert und bereichert. Oder haben wir alle durch eine unnatürliche Deformation den Instinkt für das verloren, was das Leben sein sollte, nämlich hauptsächlich eine Gelegenheit zum glücklich sein?“ – beide Zitate aus: Tiziano Terzani - Fliegen ohne Flügel


Folgerichtig wendet sich Terzani der inneren Veränderung zu. Fortan ist er überzeugt, dass die „Revolution“, die in einem selbst stattfindet, die einzig zielführende ist. Seine letzte Station als Korrespondent ist Indien. 1994 eröffnet er ein weiteres Auslandsbüro für den Spiegel in Delhi. Die Möglichkeit in Indien tätig zu werden, empfindet Terzani als Erlösung. Das stark mystisch geprägte Land lässt ihn wieder aufblühen. Er schreibt:

"eine Schatztruhe der Menschheit, (...) vollgestopft mit Geschöpfen aus allen Epochen und Kulturen, die noch nicht vom Leben in der Stadt geschwächt, die noch nicht vom Fortschritt gezähmt und verbogen sind."
Er verliebt sich sofort in das Land, stellt aber klar, dass jeder der Indien wirklich liebt, nicht genau sagen kann warum er es liebt. Terzani verklärt dabei Indiens Probleme wie Korruption und fundamentale Ungerechtigkeiten keineswegs. Seine Liebe zu Indien ist instinktiv, unerklärbar und bedingungslos. Vor allem ist er fasziniert von den Weisheiten des alten Indiens:

„Schon vor einigen Jahrtausenden haben die Weisen des Landes, die Rishis, jene große Eingebung formuliert: Das Leben ist eins. Und diese Erfahrung, in der Religion von Generation zu Generation erneuert und weitergegeben, ist der Kern des großen indischen Beitrags zur Zivilisation des Menschen und zur Entwicklung seines Bewusstseins. Jedes Leben, mein eigenes genauso wie das eines Baumes, ist Teil eines Ganzen, das uns in Tausenden von Formen begegnet: Es ist das Leben. In Indien braucht dieser Gedanke nicht mehr gedacht zu werden. Jeder Inder hat ihn verinnerlicht. Er liegt in der Luft, die man in diesem Land atmet. Es reicht, dort zu sein, und schon stellt sich ein unbewusster Gleichklang mit dieser antiken Lebens-anschauung her. Mühelos schwingt man mit in neuen Klängen, tritt ein in neue Dimensionen. In Indien ist man anders als sonst irgendwo in der Welt. Man fühlt anders, denkt anders.“

Er lernt Hindi. Das Erlernen der jeweiligen Landessprachen war für ihn schon immer Türöffner in fremde Kulturen. Er trifft Mutter Theresa, von der er nachhaltig beeindruckt ist und reist im Land umher – immer auf der Suche nach besonderen Geschichten.

1996 erfährt Terzani, dass er an Krebs erkrankt ist. Diese Hiobsbotschaft bewirkt endgültig eine tiefe Veränderung in seinem Leben. Terzani reagiert kühl und radikal - er bricht alle Kontakte außerhalb seiner Familie ab und nimmt den Kampf gegen den Krebs auf. Er wendet sich an eine weltberühmte Krebsklinik Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York, eine Kultstätte der modernen westlichen Medizin. Terzani kommt sich vor wie in einer erstklassigen Reparaturwerkstatt. So nennt er seine Ärzte „meine Instandsetzer“. Sie operieren seinen Krebs – mit Erfolg.
Auf der einen Seite ist er überzeugt, dass die westliche Medizin ihm am besten bei der Bekämpfung des Krebses helfen kann. Andererseits sieht er auch sehr klar die begrenzte Sichtweise der westlichen Medizin: der Mensch wird als reine Materie betrachtet und nicht als eine Einheit aus Leib, Seele und Geist und dementsprechend behandelt.

Terzani erholt sich von Strahlen- und Chemotherapie und kehrt nach Asien zurück. Er macht sich auf die Suche nach einer Heilkunst, die den ganzen Menschen einbezieht – nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele. Anfangs glaubt er daran, ein Heilmittel zu finden und vollständig zu genesen. Dabei sucht er Heiler, Wahrsager, Yogalehrer, Gurus, Schamanen und Ärzte auf. Terzani begegnet ihnen mit unvoreingenommener Neugierde und Respekt. Er probiert Qi-Gong, Reiki, Ayurveda, Darmspülungs- und Fastenkuren, sucht philippinische Wunderheiler auf und probiert Medikamente aus wundersamen Heilkräutern. Er lässt keinen Versuch aus, Geist und Körper zu reinigen. Er ist hin- und hergerissen zwischen westlicher Schulmedizin und alternativen Heilmethoden. Einerseits weiß er, dass ihm der „Realismus der Vernunft nicht mehr genügt“ - andererseits sind ihm Mystizismus und Spiritualität noch immer unheimlich, weil sie ihm „zu undefiniert, zu subjektiv und zu parteiisch“ erscheinen: „Ich hatte das Gefühl, mich auf schwankendem Boden zu bewegen.“
Wie immer lässt er sich von seiner Neugier leiten – immer skeptisch aber ohne seinen Humor zu verlieren – teilweise amüsiert er sich auch über sich selbst. Er erkennt die Schwächen der östlichen Medizin und Religion. Vor allem deckt er die Oberflächlichkeit und Scharlatanerie nebulöser New-Age Vorstellungen auf, in welche östliche Elemente einfließen, um damit im Westen Geschäfte zu machen. Sogar die spirituellen Traditionen werden zunehmend für kommerzielle Zwecke ausgeschlachtet, stellte er resignierend fest.

Als er zur Nachuntersuchung nach New York zurückkehrt, entdecken seine „Instandsetzer“, dass der Krebs Metastasen gebildet hat und die Ärzte nichts mehr für ihn tun können. Sie schlagen eine erneute Chemotherapie vor, um die Ausbreitung des Krebses zu verzögern. Das lehnt Terzani entschieden ab. Doch er ist keineswegs verbittert und verzweifelt. Bereits im Laufe seiner Suche nach einem Heilmittel ist ihm mehr und mehr klar geworden, dass es für ihn keine Heilung mehr gibt, aber diese Hoffnung auch gar nicht die entscheidende Triebfeder seiner Suche war. Er möchte sich nun seiner Sterblichkeit stellen und sich auf den Tod vorbereiten. Er erkennt, dass seine Suche seinem inneren Gleichgewicht galt.
Terzani sucht seinen „inneren Frieden“. Das Abenteuer beginnt mit der klassischen Frage aller spirituellen Sucher: „Wer bin ich?“ – „Mein Name, mein Beruf, meine Herkunft, all das, was ich einst herangezogen hätte, um mich zu beschreiben, gehörte nicht mehr zu mir“. Und er fragt sich bang: „Was bleibt von mir ohne meinen Namen, ohne all das, woran ich mein ganzes Leben lang so hartnäckig gearbeitet habe?“

Auf der Suche nach einer Antwort tritt er als ein shisha (einer, der zu lernen würdig ist) in den Aschram eines Swamis ein, den er in New York kennen gelernt hatte und von seinen Anhängern als Guru verehrt wird.
Beim ersten Treffen war der Swami umringt von Anhängern und Terzani fragte ihn später, wie es ihm gelinge, allen gegenüber stets so geduldig und zugänglich zu sein. Der Swami antwortete: 

"Ich brauche keine Zeit mehr für mich, denn ich habe schon alles getan, was ich im Leben tun wollte. Die Zeit, die mir bleibt, ist ein öffentliches Gut. Auch du kommst langsam in das Alter, in dem du die Zeit, die dir gegeben ist, anderen widmen kannst. Hast du einmal entdeckt, dass du das Ganze bist, kann dir nichts mehr genommen werden. Das ist ein Frieden, der nicht außerhalb des Körpers ist, sondern allein im Inneren."

Der Swami gibt ihm den Namen Anam (der Namenlose). Der Gedanke beginnt Terzani zu gefallen: Nach einem Leben, in dem er bestrebt war, sich einen Namen zu machen, fühlt sich Terzani befreit. Er ist glücklich, keine Verpflichtungen mehr zu verspüren. Drei Monate lang lässt er sich in Heiligen Schriften unterweisen, singt alte vedische Gesänge und Mantras und schweigt. Das Leben im Aschram ist spartanisch. Die Überwindung von Begierden ist Hauptziel seines Aufenthalts. Doch am Ende fällt Terzani der Abschied vom Aschram nicht schwer. Das Gerangel der Jünger um die besten Plätze und ihre Eifersüchteleien irritieren ihn. Er verehrt seinen Swami, aber Hingabe kommt für ihn nicht infrage. Er zieht sich lieber in die Einsamkeit einer abgelegen Hütte im Himalaja zurück, in der er mit Unterbrechungen 3 Jahre verbringt.

Ein letztes Mal wird er 2001 journalistisch aktiv. Nach dem 11. September 2001 reist er nach Afghanistan und Pakistan und schreibt seine „Briefe gegen den Krieg“. Vor allem hat er seinen Enkel im Blick – er ist überzeugt, dass auch er sich eines Tages zwischen Krieg und Frieden entscheiden muss. Eigentlich hat er sich bereits vom Journalismus verabschiedet, doch er ist überzeugt, dass er zu diesem einschneidenden Ereignis nicht schweigen darf – das hätte er als Verrat an seinen Überzeugungen und seinem Lebenswerk verstanden. Anfangs hofft er, dass die schreckliche Dimension dieses Terroranschlags, den Menschen bewusst macht, wie fragil das Leben auf diesem Planeten geworden ist und zu einem grundlegenden Diskurs darüber führen muss, wie wir in Zukunft miteinander leben wollen. Er hofft auf einen grundlegenden Wandel. Als Pazifist ist er überzeugt, dass es keinen „gerechten Krieg“ geben kann. Außerdem tritt er tumben Rassismen gegen den Islam entschieden entgegen. Er warnte den Westen vor dem Aufgeben aller moralischen Prinzipien (wie den Einsatz von Folter) im Krieg gegen den Terrorismus.

Anschließend zieht er sich wieder in seine Einsiedelei zurück. Er ist umgeben von einer erhabenen Kulisse mächtiger und schneebedeckter Berge, dem Gesang exotischer Vögel und eine pralle Farbenpracht. Er ist der Ursprünglichkeit der Natur so nahe wie nie zuvor. Er ernährt sich von Reis, Bohnen, Gemüse und Obst und dem Wasser einer nahen Quelle.
Bereits um fünf Uhr morgens beginnt er zu meditieren. Danach wandert er zu einem Felsen und begrüßt vor erhabener Kulisse die aufgehende Sonne. Er fährt fort mit seiner Suche nach Weisheit, nach Frieden, nach einem Leben in Einklang mit sich und der Welt. Manchmal begegnet er einem anderen Einsiedler, einem alten Inder, der ein zweites Haus in der Nähe bewohnt. Mit der Zeit wird er zu seinem spirituellen Lehrer. Er gibt ihm folgenden Rat, wie er sich auf seine letzte Reise vorbereiten soll: 

“Indem du dich erforschst und nach und nach allen Zierrat deiner Persönlichkeit und deines Wissens über Bord wirfst. Indem du zum Wesen deines Seins vorstößt. Dazu gehört Mut, denn es handelt sich darum, eine Sache nach der anderen wegzugeben, bis du nichts mehr hast, woran du dich festhalten kannst. Aber dann entdeckst du, dass es da etwas gibt, das dich festhält. Erst dann verstehst du, dass dieses Etwas all das in sich vereint, was du gesucht hast.”

Dort schreibt er "Noch eine Runde auf dem Karussell – vom Leben und Sterben". Ein heiterer, unsentimentaler Abgesang auf die materialistische Welt. Entspannt, ironisch, engagiert und lebensklug. Ein Vermächtnis, das zum Nachdenken anregt: über Globalisierung und Grundlagen unserer Zivilisation, über die rechte Weise zu leben und über den Tod.
Terzani sah mit Abscheu die Hast der Amerikaner und Europäer, ihren Konsum- und Karrierewahn, ihre tief verwurzelte Lebensangst:
„Warum haben wir bloß solche Angst vor dem Sterben, wo es doch alle schon getan haben vor uns?“ – „Im Grunde ist die Erde ein riesiger Friedhof“. Und doch ein wundervoller Ort. 
Inzwischen sieht er seine Krebserkrankung als „Glücksfall“ – sie hat ihn gezwungen, sich mit sich selbst und seiner Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Dabei verklärt er weder Schmerz noch Angst. Er schildert die Krankheit als Reise zu sich selbst. Und er will anderen Mut machen:

"Von dieser Reise will ich erzählen, weil ich weiß, wie viel Mut Erfahrungen von Menschen machen können, die bereits ein Stück jenes Weges zurückgelegt haben, den andere erst angehen müssen."

Schließlich findet Terzani, wonach er gesucht hat: den inneren Frieden. Jetzt kann er in sein Haus in der Toskana zurückkehren und den Tod als Freund begrüßen. Er läßt sein Haar lang wachsen, er kleidet sich weiß. Er sieht aus wie ein Guru. Aber er will keine Schüler, er will überhaupt keine Besucher. Auf den Weg zu seinem Grundstück pflanzt er ein Schild: »Jede Art von Besuch ist unerwünscht.« Er schreibt: »Der Grund, warum wir so viel Angst vor dem Sterben haben, ist doch, dass wir mit dem Tod alles verlieren. Ich habe das hinter mir. In den letzten Jahren habe ich allen Ballast von mir geworfen.«

Er ist fasziniert von der indischen Vorstellung des Sterbens, zu der selbstverständlich gehört sich bereits vor dem Tod von der Welt abzunabeln. Doch alle Begierden und Menschen hinter sich zu lassen vermag und möchte er nicht. Er empfindet es sogar als frevelhaft, seine Familie hinter sich zu lassen. Er sieht sich selbst nicht als erleuchtet an. So bricht er in der „Wald-Phase“ ab – das Refugium im italienischen Appenin ist sein „toskanischer Himalaya“. Er schläft in einer Hütte direkt neben dem Haus. 

Er lädt seinen Sohn Folco zu sich ein. Er möchte ihm sein Wissen weitergeben und ihm von seinem Leben erzählen. Er ist sich bewusst, dass darin der Wunsch enthalten ist, unsterblich zu sein. Er möchte nicht, dass seine Ansichten mit seinem Tod verloren gehen und bedauert, dass er nicht mehr über seinen Vater weiß.

Er offenbart seinem Sohn Folco die Verzweiflung angesichts der bedrohten Schönheit der Welt, die in ihrer Vielfalt besteht und die er durch die einförmige Globalisierung bedroht sieht. Er ist überzeugt, dass die Natur beseelt ist. Enttäuscht ist er über das Wirken des Menschen. Doch er begreift die Welt inzwischen als eine „Harmonie der Gegensätze“. Wie es kein Licht ohne Dunkel, keine Freude ohne Schmerz, so gibt es auch kein Gut ohne Böse. Terzani erkennt diese Harmonie der Gegensätze in der chinesischen Darstellung von Ying und Yang: Die Gegensätze umarmen sich in diesem Symbol und im Mittelpunkt des Weißen ist ein schwarzer Punkt; und im Mittelpunkt des Schwarzen ist ein heller Punkt. Doch letztlich sieht er die Einheit der Welt – die Sichtweise der Gegensätze hilft dem Menschen lediglich die Welt zu interpretieren – letztlich hängt alles mit allem zusammen und bedingt sich gegenseitig. Inspiriert von Hinduismus und Buddhismus sieht er das Leben zyklisch: sein Kreis wird sich nun schließen und gleichzeitig von neuem öffnen. So heißt das Buch über seine Gespräche mit seinem Sohn: „Das Ende ist mein Anfang“.

Terzani starb mit 65 Jahren als freier Mensch. Er nimmt sich Zeit zum Sterben, wie er sich Zeit zum Leben genommen hatte. Es ist ein denkwürdiges Abtreten von der Bühne des Lebens: heiter, voller Neugier auf sein „letztes großes Abenteuer“, den Tod und in dem Bewusstsein sein Leben voll gelebt zu haben.

Tizano Terzanis Lebenswerk ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie wichtig unabhängiger politischer Journalismus in dieser Welt ist.
Seine Berichte zielen auf tieferes Verständnis. Als Pendler zwischen Kulturen, in Orient und Okzident bemüht er sich, Menschen und Verhältnisse von innen heraus zu verstehen.
Seine Anliegen bleiben aktuell angesichts eines entfesselten Kapitalmarktes, dem Missbrauch von Religion, einer Globalisierung die die Welt einförmig macht und ihre kulturelle Vielfalt bedroht. Sterben ist noch immer ein Tabu und unsere Welt so materialistisch wie eh und je. Der Kapitalismus unterhöhlt die Demokratie.

Terzani war ein Intellektueller und zugleich ein emotionaler Abenteurer, ein Draufgänger und doch sensibler Beobachter. Er war ein vor Vitalität berstender, begnadeter Geschichtenerzähler und sensibler Mahner, der bereit war seine Überzeugungen zu ändern.
Mir verbleibt, mich vor einem großen Mann zu verneigen, der ein erfülltes Leben geführt hat und gerade im Abschied von dieser Welt seine wahre, innere Größe bewiesen hat: humorvoll, reflektiert, würdevoll und ein wenig demütig seinen letzten Weg zu gehen. Ruhe in Frieden!