Montag, 28. Oktober 2013

Sehnsuchtsorte: Jenseits von Kibber



Kibber, das auf knapp über 4200 Metern liegt, war für mich die interessanteste Station auf meiner gut einwoechigen Reise durch das beschauliche Spitital. Kibber liegt in einem Seitental des Spitiflusses – der Lebensader der Region und ist in einer ausgesprochen kargen Landschaft gelegen. Dennoch betreiben die Menschen auch hier Ackerbau und Viehzucht, von denen die abgeernteten Gerstenfelder und eine staatliche Anzahl von Yaks zeugen. Mitte Oktober war es bereits bitterkalt in dem beschaulichen Dorf. Dennoch würde meine Gastfamilie noch bis Ende November hier bleiben, bevor auch sie in der Nähe des Kullutals überwintern würden.


Kibber erhebt wie einige andere Orte den Anspruch, die höchstgelegene Siedlung mit Straßenanschluss und Elektrizität weltweit zu sein.


Von Kaza sind es nicht einmal 20 Kilometer Fahrt, doch der Bus benötigte für diese Strecke über anderthalb Stunden. 



Unterwegs passieren wir das Kloster Ki, das auf einem Felsen liegt und einen wunderbaren Blick über das Tal bietet. In Kibber selbst war bis auf zwei Gasthäuser alles geschlossen. Es gab es nur einen kleinen Shop, der gelegentlich geöffnet war und ein minimales Warenangebot bereithielt. In der Umgebung liegen nur noch die Doerfer Comic, Gete und Tashigang, bevor die Landschaft in die noch kaergere Landschaft Rupshus uebergeht. Die meisten Haueser in Kibber sind aus Stein oder Lehm erbaut. Holz gab es kaum - was auch der Hauptgrund ist, warum keiner die kalten Winter ueber im Dorf bleibt.

Morgenstimmung
Ich hatte zuerst von der Ortschaft gehört, weil es sich um den Start- bzw. Endpunkt eines Treks zum TsoMoriri in Ladakh handelt, den ich gerne unternommen hätte, was aber nach meinen zwischenzeitigen Knieproblemen unmöglich geworden war, zumal diese Strecke über zahlreiche hohe Pässe führt und unterwegs keinerlei Dörfer liegen, so dass ein Führer für diese Strecke unerlässlich erscheint. Bevor die Straße ins Spitital gebaut wurde, stellte der Weg zum Bazaar in Leh (der Hauptstadt von Ladakh) eine besonders wichtige Route dar. Zumindest wollte ich den Ort in Augenschein genommen haben und vielleicht gab es einige kurze Wanderungen in der Umgebung. Den ersten Abend verbrachte ich in ausgesprochen relaxter Atmosphaere mit Felix, den ich schon in Kaza kurz kennengelernt hatte und einer Gruppe Inder aus Shimla. Nachts war es unglaublich kalt in dem ungeheizten Raum, doch abends am Feuer des Wohnbereichs und der Küche ließ es sich gut aushalten.

Zunaechst praesentierte sich die Umgebung reichlig neblig:



Nach einem relaxten Tag, marschierte ich auf gut Glück los und legte ein gutes Stück zurück, bis ich schließlich auf einem naheglegenen Gipfel auf knapp 5000 Metern stand. Allein diese halbe Stunde auf dem Gipfel mit dem Blick auf Berge in allen Richtungen, war die Anstrengung wert. Nachdem der Hinweg durch dichte Wolkenfelder fuehrte, wurde es auf dem Rueckweg richtig klar. Einige Impressionen von der Wanderung:









time to say goodbye - doch nur um irgendwann wieder zu kommen...

Sonntag, 27. Oktober 2013

Literatur auf Reisen





Zu Büchern habe ich von klein auf eine ganz besondere Beziehung. Ich bin in Tonnen von Büchern aufgewachsen und sie wurden früh mein Tor zur Welt, lange bevor ich physikalisch auf Reisen gehen sollte. Und Bücher vermitteln mir daher etwas von Heimat und es gibt kaum etwas Schöneres als einen schönen Platz zu finden, an dem man es sich mit ein paar Büchern gemütlich machen kann.  Immer wieder muss ich mir anhören, wie bescheuert es ist, mit etlichen Büchern unterwegs zu sein. Gerade im Zeitalter von Kindle will mich jeder von elektronischen Büchern überzeugen. Das mag praktisch sein, kommt aber für mich nicht in Frage. Ich will ein Buch anfassen können.  Und so waechst wenigstens nicht nur mein Bewusstsein...

Ich stelle mir gerne vor einer Reise eine Reihe von Büchern zusammen, von denen ich weiß, dass ich sie unterwegs nicht finden werde. Irgendwann ist dieser Vorrat erschöpft und danach finden sich an den ungewöhnlichsten Orten die schönsten Schätze.

Dieses Mal kam ich bereits in Delhi dazu, drei Bücher zu lesen, nachdem ich gleich krank wurde. So verschlang ich Hunter S. Thompsons Rum Diary, der Fremde von Albert Camus und Garp wie er die Welt sah von John Irving, das mich bereits in der Verfilmung begeistert hatte. Camus war ein wenig deprimierend, aber spannend zu lesen und Hunter zog mich einmal mehr in seinen Bann.

In Ladakh konnte ich das wunderschöne Taschenbuch Nomade auf vier Kontinenten von Ilija Trojanow studieren, in dem er von seinen Recherchen zu seinem Buch der Weltensammler erzählt, die ihn auf den Spuren von Richard Burton nach Indien, Pakistan, Saudi-Arabien, Ostafrika, die U.S.A. und Europa geführt hat. Dem gegenüber stehen die Orginaltexte Burtons – der Vergleich ist faszinierend. Manche Dinge haben sich vollstaendig verandert, andere hingegen praesentieren sich Trojanow fast wie zu Zeiten Burtons. Zudem ist das Buch aufwendig illustriert und gesetzt. 

In Turtuk kam ich endlich dazu, ein Buch von Bruce Chatwin zu lesen – der Traum eines Ruhelosen – eine Sammlung von Texten über eine alternative, nomadische Lebensweise aus aller Welt, die mich sehr angesprochen hat. Auch Rudyard Kiplings Kim hatte ich noch nicht gelesen und kam nun endlich dazu, die gute Geschichte ueber das Indien zu Zeiten der britischen Herrschaft zu würdigen. 

Eine Herausforderung war die Lektüre von Kushwant Singhs Train to Pakistan, eine berührende Geschichte über eine Siedlung am Schienenstrang der Bahnlinie Lahore – Delhi zu Zeiten der blutigen Teilung des Subkontinents nach der Unabhängigkeit. Packend schildert er, wie das Dorf, in dem Toleranz groß geschrieben wurde und die drei Heiligtümer von Sikhs, Moslems und Hindus friedlich beieinander lagen, von den schrecklichen Ereignissen in einen Sog der Gewalt hinabgezogen wurden. Ein starkes Buch! 

In Zanskar las ich am Vorabend meines Geburtstags Rum Diary erneut. Was hätte besser passen können als ein 31 jähriger, der auf der Suche ist und dabei diese Welt durchstreift und den amerikanischen Traum demaskiert. Am Tag drauf las ich to have or to have not, mein zweites Buch von Hemingway, nachdem ich schon the old man and the sea gelesen hatte. Ein Erlebnis ihn zu lesen - auch wenn die englischen Ausgaben sehr schwer zu lesen waren. 

Ganz zufällig fiel mir Jakob Arjouni in die Hände. Sein Buch Idioten. 5 Märchen war eine sehr lustige Zusammenstellung von Geschichten, in denen eine Fee dem jeweiligen Protagonisten drei Wünsche erfüllt.

Noch nicht beendet habe ich Naked Lunch von William Burroughs. Der Schreibstil ist genial und das Buch steckt voller Phantasie und Detailwissen über die verrücktesten Dinge, ist aber auch unglaublich derb – kein Wunder – handelt es sich um das homosexuelle Junkie-Milieu. Ich werde es aber sicher noch fertig lesen – allein der Schreibstil ist faszinierend.

Aktuell lese ich the age of Kali von William Dalrymple. Ein sehr fundiertes Buch ueber das heutige Indien und seine manigfaltigen Traditionen, das sich nicht ueber die massiven Probleme Indiens zwischen Tradition und Moderne ausschweigt.

In meinem Rucksack befindet sich noch – Ladakh – Ancient Futures von Helena Norbert-Hodge, von dem ich mir noch mehr Einblicke in den Wandel von Ladakh erhoffe.
Gerade kuerzlich bekam ich Dostojewskis Brüder Karamasov - schon alleine deshalb interessant, weil einer meiner Namen aus diesem Buch stammt - Aljoscha. Soeben habe ich mir noch Shame von Salman Rushdie und the great railway bazaar von Paul Theroux zugelegt und konnte mich nur schwer zurueckhalten, nicht noch mehr zu kaufen. 
So wird das nie was mit der Gewichtreduktion...


Was mich sonst im letzten Jahr besonders beeindruckt hat:



Erzählungen aus fast 50 Jahren aus allen Erdteilen. Ransmayr ist ein begnadeter Beobachter, der mit vollendeter Poesie einen ganzen Kosmos erschafft, der alle Facetten des Lebens spiegelt.

sechs ausführlich recherchierte und vielschichtige Reportagen über die Globalisierung, die Verheißungen des Fortschritts und ihre Schattenseiten.

Ngugi wa Thiong'o: Herr der Krähen

eine brilliante und messerscharfe Politsatire ueber die Weltbank und afrikanische Diktatoren – bruellend komisch geschrieben, aber gleichzeitig nahe an der Realitaet.

Ilija Trojanow – Der Saddhu an der Teufelswand

Fuer mich schreibt Trojanow die besten Reportagen ueber Indien.

Hunter S. Thompson: Die Rolling-Stone-Jahre

Reportagen und Briefwechsel aus seiner Zeit als Korrospondent für den Rolling Stone von 1970-2004. Ein guter Einstieg in die Welt von Hunter Thompson und seine literarischen und journalistischen Arbeiten. 

John Jeremiah Sullivan: Pulphead

Sehr lesenswerte Reportagen ueber den aktuellen Zustand und die Geschichte der U.S.A. 

Jörg Fauser: Rohstoff

Ein absoluter Klassiker, der erst kuerzlich wieder aufgelegt wurde. In der Tradition der us-amerikanischen Literatur-Rebellen – unter anderem mit den Schauplaetzen Istanbul, Frankfurt, Berlin. Fauser beschreibt die Realitaeten der Junkies, 68er, Hausbesetzer und Hippies. Unbedingt empfehlenswert.


Weitere Tipps:


Andreas Altmann: Gebruachsanweisung für die Welt

Jack Kerouac: Zen, Gammler und hohe Berge

Laurent Gounelle: Der Mann, der glücklich sein wollte

Wolfgang Herrndorf: Sand

Aldous Huxley: schöne neue Welt

Rafik Schami: Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte

Arno Haas: Verteidigung der Missionarsstellung 

Sten Nadolny: Weitlings Sommerfrische


Alle Literaturempfehlungen finden sich hier im Ueberblick