Freitag, 3. Oktober 2014

Reisereportage: Ans Ende der Welt - Turtuk und das Nubra-Tal



Meine Wanderung durch das Markha-Tal war gerade zu Ende gegangen. Ich war zurück in Leh. 








Eigentlich hatte die hohen Berge gar nicht wieder verlassen wollen und so zog es mich bald zu einem neuen Abenteuer: Ich wollte ins Nubra-Tal. Der Besuch von Diskit und Hundar ist schon länger kein exotisches Unterfangen mehr – viele von den zahlreichen Touristen, die sich in Leh aufhalten, zieht es dorthin. Ich hörte viel Gutes über das muslimische Dorf Turtuk, das im Seitental liegt, das sich nordwestlich von Diskit über Hundar hinaus zwischen Karakorum und Ladakh-Kette gen Pakistan zieht. Erst seit drei Jahren dürfen Touristen dorthin reisen. Eigentlich hatte ich geplant, mit meinem neugewonnen Freund Jacob gemeinsam zu reisen. Dann wäre ich in den Genuss gekommen, ihn auf seinem Abenteuer von Hundar zu Fuß zurück nach Leh zu begleiten. Seine Geschichte vom Unwetter auf einem der Pässe und der Rettung durch Helfer mit einer Schneeaxt, ohne die er in seinem einfachen Zelt bald davongeschwommen wäre, klang durchaus verlockend. Doch der Gute hatte es nicht pünktlich am frühen Morgen zum Treffpunkt geschafft und da ich selbst 10 Minuten zu spät dran war, wähnte ich ihn bereits unterwegs. Ich lief zu der Straßenkreuzung in der Nähe des großen Polofelds, um ein Sammeltaxi nach Diskit abzupassen. Der Busverkehr nach Turtuk war eingestellt worden und die Preise für die Jeeps lagen deutlich über meinem Budget. Zudem wollte ich unabhängig sein und in keiner Standardtour unterwegs sein, die mir vorschreib, wo ich wie lange bleiben konnte.

Es war bereits das dritte Mal, dass ich auf den Taglang La fuhr. Das erste Mal hatte ich zweieinhalb Jahre zuvor auf dem Pass gestanden. Damals war ich auf den letzten Drücker während des ersten Wintereinbruchs über den Manali-Leh-Highway nach Ladakh gereist. Ich hatte nur eine Woche in Ladakh verbracht. Dann hatten mich eisige Kälte und eingefrorene Wasserleitungen in wärmere Gefilde gezogen. Ich war mit einer kleinen Gruppe meines Gasthauses Richtung Nubra-Tal unterwegs. Plötzlich gab es einen unerwarteten, heftigen Wetterumschwung. Da zwei meiner Kompagnons bald darauf aus Ladakh ausfliegen würden und befürchteten im Nubra-Tal festzusitzen, hatten wir auf dem Kamm des Passes kehrtgemacht. 

 
Die Straße wird ganzjährig offengehalten, was in diesem unwirtlichen Terrain eine riesige Herausforderung darstellt. Die Paßstraße ist aufgrund von Steinschlag eine Dauerbaustelle:

 
Ganz am Anfang meines diesmaligen Besuchs hatte ich wieder oben gestanden. 

 
Gemeinsam mit meinem Freund Callum war ich auf dem Fahrrad den Pass bis nach Leh hinabgefahren. Das war so ziemlich das Touristischste was man machen konnte – Spaß hatte es dennoch gemacht. Vor allem hatte die wilde Fahrt über 25 Kilometer und 2000 Höhenmeter hinab Möglichkeit gegeben, viele Bilder zu schießen:










Nun würde ich endlich erfahren, was jenseits des mächtigen Passes lag. Unterhalb lag ein Gletschersee und dann tauchten die grünen Felder von Khardung auf:

 
Wieder war ich verzaubert von der Kulisse. An den Hochgebirgslandschaften des indischen Himalaya kann ich mich niemals sattsehen. Nach dem kargen Pass präsentierte sich das gewaltige Nubra-Tal wie ein paradiesischer Garten, eingerahmt von mächtigen Bergen. Kurz vor Diskit verzweigt sich das Tal in zwei Seitenarme. Nördlich führt der Fluß Nubra bis hin zum berüchtigten Siachen-Gletscher, an dem sich seit Jahrzehnten Pakistan und Indien mit schwerem Kreigsgerät auf 6400 Metern gegenüberstehen und regelmäßig mit Artilleriegeschützen aufeinander schießen. Ein irrwitziges Schlachtfeld um eine karge Hochgebirgswüste. 

In nordwestlicher Richtung führt die Reise am mächtigen Sheyok entlang nach Hunder und Turtuk. 

Diskit fand ich abgesehen von dem phantastisch gelegenen buddhistischen Kloster oberhalb des Ortes wenig einladen. An diesem Tag würde aber kein Bus mehr nach Turtuk fahren. Der Fahrer des Jeeps war bereit mich nach Hundar zu fahren, wo sein Bruder ein kleines Camp betrieb. Zwischen Hunder und Diskit gibt es eine kleine Sandwüste, in der baktrische Kamele leben. Sie sind Überbleibsel der Karawanen, die zwischen Zentralasien, China und Indien hin und hergezogen waren, lange bevor die Grenzen undurchlässig wurden. Heute gibt es keine passierbare Landgrenze zwischen China und Indien und auch der Zugang nach Pakistan oder Zentralasien ist von hier aus unmöglich geworden.

Auch Hundar sprach mich nur begrenzt an. Einzig das verfallene Kloster auf einem Felsen schien mir ein lohnenswertes Ziel. Hier würde Caspar bald seine Trekkingtour starten. 
Das Dorf Hundar war weitläufig und folgte keiner Struktur. Hunderte Meter lange Mani-Mauern zeugen von der Bedeutung des buddhistischen Glaubens. Sie sind mit in Stein gehauenen Mantras und mythologische Darstellungen geschmückt.

Ich machte mich auf, um in der Abendsonne einen Blick auf die Kamele zu erhaschen. Doch ich wurde enttäuscht. Weit und breit waren keine Kamele zu sehen.

Ich versuchte ein paar Zigaretten zu kaufen, doch das war ein hoffnungsloses Unterfangen. Erst vor einigen Monaten hatte man den Verkauf und Konsum von Zigaretten in der Öffentlichkeit verboten. Erst in Turtuk wurde ich wieder fündig. Da dort die kleinen Läden aber nur selten offen waren, beschränkte sich die Auswahl auf indiskutable "Black River", die aus China stammten. Die Schachtel "Gold Flake" am letzten Tag meines einwöchigen Aufenthalts dort war geradezu eine Sensation...


Zurück im Camp versuchte ich in Erfahrung zu bringen, wann und von wo aus der Bus nach Turtuk fahren würde. Zu meinem Erstaunen konnte mir keiner Auskunft geben.



Am nächsten Tag erwachte ich spät und lief zur Straße, um auf den Bus zu warten, der hoffentlich kommen würde. Vielleicht hatte ich ihn auch schon verpasst. Also konnte ich mich genauso gut zu Fuß auf den Weg machen und hoffte, unterwegs jemand zu finden, der mich mitnahm. Doch es waren nur sehr wenige Fahrzeuge unterwegs und Niemand hielt für mich an. Ich passierte eine ganze Reihe großer Militäranlagen. An diesen Anblick konnte ich mich beim besten Willen nicht gewöhnen. Zwar ist die Konzentration von Militär in Ladakh nicht ganz so extrem wie in Kaschmir, aber doch von einem verstörenden Ausmaß. Der Kontrast zwischen der friedlichen Kultur der Ladakhi erschien mir geradezu pervers. Auf einer anderen Tour zum Pangong-See hatte ich eine Inschrift vor einem Militärkomplex entdeckt, die poetisch beginnt und mir dann einen heftigen Würgereiz verschaffte:
 

Ich fürchte, dass dem Verfasser dieser Zeilen die Zynik seines kleinen Reims entgangen war. Ich fragte mich oft, was die Einheimischen wohl von dieser Militärpräsenz halten. Schließlich sind es hauptsächlich Hindus und Sikhs, die im Militär dienen. Vor vielen der gewaltigen Militäranlagen im Indus-Tal hatte man hinduistische Religion, Kitsch und Militär oftmals auf eine ekelhafte Weise vermengt, die den meisten Gotteslästerern die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte.

So lief ich seit zwei Stunden auf einer Straße durch eine Steinwüste an gewaltigen Berghängen, Militäranlagen und vereinzelten Flußoasen entlang, als mich doch noch jemand mitnahm.


Der Fahrer war sehr überrascht, mich zu Fuß anzutreffen – bis Turtuk waren es schließlich noch 80 Kilometer. Er nahm mich mit zu einem Teestall in Skuru, dort sollte ich auf den Bus warten, der angeblich am frühen Nachmittag fahren sollte. Unterwegs erzählt er mir vom Kulturwandel im Tal, den er keineswegs begrüßt. Er sprach sogar davon, dass seine Kultur im Verschwinden begriffen sei. Über die Militärpräsenz wollte er nicht reden. Dankbar ließ ich mich auf einem der Plastikstühle unter einem Zelt wieder.


Ein kleiner Bach floß direkt am Teastall vorbei – dem Teeverkäufer diente er als Kühlung für die unvermeidlichen Softdrinks. Der Bus kam ewig nicht. Seit Stunden saß ich nun schon hier. Ein alter Ganove ließ sich neben mir wieder. Verschmitzt rauchte er trotz Rauchverbot eine Bidi. Die drakonische Geldstrafe, die auf die Umgehung des Verbots droht, ließ ihn kalt. Verstohlen zeigte er mir die Schnapsflasche unter seinem Mantel. Ich konnte mich nicht beherrschen und zeigte ich ihm  verschwörerisch das Charras, das ich mir zur Unterhaltung meiner Nerven bei mir führe. Diese Art der Verbrüderung funktioniert überall.

Ich besuche das direkt benachbart liegende Kloster. 

 

Ein Bus von einer buddhistischen Schule in Leh hielt in der Nähe. Begeistert jauchzend stürzten sich die jungen Mönche in den Fluss. Mönche und die Soldaten, mit denen ich gerade Tee trank, begegneten sich freundlich lächelnd, es bleibt für mich ein ungewöhnlicher Anblick. 

Als ich schon fast nicht mehr an den Bus glaubte, kam er doch noch. Er war voll besetzt und ich hatte Schwierigkeiten, ihn anzuhalten. Voller Hoffnung fragte ich, ob ich auf dem Dach des Busses mitreisen konnte – darauf hatte ich heimlich gehofft. Innerlich jauchzte ich. Mit leuchtenden Augen kletterte ich mit meinem Rucksack nach oben. Dort saßen bereits eine Reihe junger Männer. Nun begann der schönste Teil meines kleinen Abenteuers. Ich machte es mir so gut wie möglich auf dem Dach des Busses bequem und blickte von dieser erhabenen Warte stundenlang auf die phantastische Kulisse. Es war eine kleine Ewigkeit.
Einmal mussten wir kurz vor einem Militärposten alle vom Dach klettern und uns in den hoffnungslos überfüllten Bus quetschen. Kaum wieder in Bewegung kletterten wir trotz der grimmigen Blicke der Soldaten schon wieder aufs Dach.
 


 





Ein junger Mann erzählt mir die Geschichte seiner Heimat. Einst war Turtuk ein wichtiger Haltepunkt auf einer Teilroute der Seidenstraße zwischen Ladakh und Xinjiang.

Nach der Teilung Indiens war Turtuk gemeinsam mit fünf anderen kleinen Dörfern bis 1971 Teil von Pakistan, als die Dörfer in einem Handstreich während des  dritten indisch-pakistanischen Krieges vom indischen Militär eingenommen wurden. Damals lag alle Konzentration auf Bangladesh, das zuvor als Ostpakistan aus der Partition Indiens hervorgegangen war. Indien schlug sich auf Seiten der Unabhängigkeitsbewegung verhalf Bangladesh so zur Unabhängigkeit. Niemand hatte damit gerechnet, dass Indien sich abseits vom Hauptgeschehen Turtuk einverleiben würde. Die Übernahme soll friedlich vonstatten gegangen sein. Ein Dilemma war die Übernahme der Dörfer für alle Bewohner, die sich zu dem Zeitpunkt im bis heute pakistanischen Baltistan aufhielten. Ihnen blieb die Rückkehr in ihre Heimat verwehrt. So wurden ganze Familien getrennt. Es gibt bis heute keine Möglichkeit für einen Grenzübertritt an dieser Stelle. Die Line of control macht Turtuk zu einem isolierten Paradies. Skardu liegt näher als Leh – doch die Reise dorthin ist nur mit einem Pakistan-Visum und einem gigantischen Umweg möglich. 

Die Militärpräsenz wurde immer stärker, je näher wir kamen. Das machte seine Schilderungen umso eindrücklicher. Wir passieren Militäranlagen, Geschützstände und schwer gesicherte Brücken. Es war geradezu irreal. Ich kam mir vor wie in einem Film. 


Nun durchquerten wir das erste Balti-Dorf. Fasziniert blickte ich in die hellhäutigen Gesichter, die sich vollständig von den aus Ladakh gewohnten unterschieden.


Am frühen Abend erreichten wir Turtuk. Ich fragte den jungen Mann nach einer guten Unterkunft und er führte mich über einen steilen Weg zu einem Gasthaus. Genaugenommen handelt es sich bei Turtuk um zwei verschiedene Dörfer, die von einem Fluss getrennt werden. Die meisten der Handvoll Unterkünfte befinden sich im vorderen Dorf. Im hinteren war ich im einzigen Gasthaus untergekommen. Dort waren gerade ein paar junge Israelis und ein südkoreanisches Pärchen abgestiegen, die sich aber am nächsten Tag wieder auf den Weg machen würden. Danach sollte ich für einige Tage der einzige Tourist in Turtuk bleiben.

Mit Abdullah verstand ich mich auf Anhieb blendend. Er studierte in Jammu und war in den Ferien zu seiner Familie zurückgekehrt, um im Gasthaus zu helfen. Gerade wurde der zweite Stock ausgebaut, um mehr Touristen Platz zu bieten. Auf meine Frage, ob er sich wünsche in Pakistan zu leben, war seine Antwort eindeutig: „Pakistan is not safe!“ 

Die Bewohner des Dorfes sind Balti und gehören der Nubakshia-Strömung des Islam an. Ursprünglich handelte es sich um einen Sufi-Orden, der sowohl sunnitische als auch schiitische Elemente aufweist. Man nimmt an, dass die Balti im 15. Jahrhundert aus Persien eigewandert sind. Sie sprechen einen tibetischen Dialekt. Ihre Häuser erbauen sie aus Stein und Holz erbaut. Inzwischen wird auch Solarenergie genutzt. Der Stolz des Dorfes ist aber das Kunstandwerk, die eigenständige Kultur und eine eigene Moschee.

Auch wenn es angesichts der völligen Abgeschiedenheit absurd scheint, so ist die Region von geostrategischer Bedeutung. Zwei Straßen führen unmittelbar zu scharf bewachten Grenzposten, der einzige Weg führt zurück ins Nubratal und von dort nach Leh. Erst diese Konstellation macht Turtuk zu einem der Enden der Welt.

Geschützstände und schwer einsehbare Militärstützpunkte machen deutlich, dass man hier trotz der aktuellen Entspannung immer für den Ernstfall bereit ist. 

Östlich des Nubratals liegt die Region Aksai Chin, die von China besetzt ist. In diesem Gebiet findet sich die wichtigste Militärroute die Tibet und Xinjiang verbindet. Als Indien unabhängig wurde, blieb die Grenzziehung zwischen Indien und China in dieser Region unzureichend geklärt und ist bis heute ein Zankapfel. 1962 kam es zu einem einmonatigen Krieg zwischen Indien und China, der die Überlegenheit des chinesischen Militärs unterstrich. Auch wenn über diesen Konflikt nie berichtet wird, so birgt er einige Brisanz und es kommt mehrmals jährlich zu Auseinandersetzungen. Während ich in Ladakh war, demonstrierten die Inder ihre Einsatzbereitschaft mit einem Militärhelikopterflug nach Aksai Chin, die Chinesen besetzten einen indischen Grenzposten am Pangong-See. 
Wirklich Sorge macht dieser Konflikt vor allem wegen der sich anbahnenden Wasserknappheit infloge schmelzender Gletscher.

Nördlich von Turtuk liegen die pakistanische Provinz Gilgit-Balitistan. Die Region ist zwischen Indien und Pakistan umstritten. Gleichzeitig gilt die Region als Rückzugsraum für radikale Islamisten. Auch hier mischen die Chinesen mit; das Shaksgam-Talwird von ihnen kontrolliert. So liegt Tutuk umgeben von geostrategisch wichtigen Regionen.

Ich verbrachte meine Tage mit Streifzügen durch Turtuk. Eingerahmt zwischen dem Gebirge von Ladakh und dem Karakorum liegen prächtig gedeihende Gerste- und Weizenfelder, Gemüsegärten mit Blumekohl, Spinat, Weißkohl und Karotten sowie Walnuss- und Maulbeerbäume und Aprikosenhaine. Ihre Früchte sind ausgesprochen delikat. Die Felder werden mit Kanälen bewässert, die das Gletscherwasser der umgebenden Berge durch die labyrinthartig verlaufenden Gassen führen. Anders als im höher gelegenen Ladakh sind hier zwei Ernten im Jahr möglich. Es gibt sehr viele Kinder im Dorf und auch die Zahl der alten Menschen ist außergewöhnlich hoch. Die Bewohner des Dorfes scheinen ein sehr gesundes Leben zu führen. Der Buchweizen ist Grundlage für die Küche der Balti. Ich muß zugeben, dass ich mit den extrem mehligen Speisen fremdelte. 

Turtuk ist eine blühende Oase und die Idylle umso erstaunlicher, wenn man sich die Lage vergegenwärtigt. Das Dorf liegt im Würgegriff von Bergen, der Sheyok ist ein rasender Strom und die Militärpräsenz schränkt die Bewegungsfähigkeit extrem ein und erinnert daran, was unter der Oberfläche liegt. Es ist schwer abzuschätzen, wieweit der einsetzende Tourismus das Dorf verändern wird. Es bleibt zu hoffen, dass durch die Abgeschiedenheit nicht zu viele Touristen kommen und die Kultur der Balti erhalten bleibt.












Auf dem Weg zum verlassenen buddhistischen Kloster, traf ich auf zwei junge Inder. Wir kamen kurz ins Gespräch. Die Tatsache, dass ich in Manali gewesen war, ließ sie aufhorchen. Und sie hatten Glück. Ich teilte mit ihnen den kleinen Rest an Rauchwaren, der mir verblieben war. Dafür luden sie mich auf Kaffee und Zigaretten ein. Außerdem reichten sie mir zum Kaffee ein kleines braunes Kügelchen. Als ich begriff, dass es sich dabei um Opium handelt, hatte sich die Wirkung bereits in meinem Organismus ausgebreitet. Der Sikh brachte sich derweilen mit Whiskey in Fahrt, während er im kleinen Fernseher die Zeremonie im Tempel von Amritsar beobachtete. Stundenlang wurde aus dem Adi Granth - dem heiligen Buch der Sikhs rezitiert. Dass Sikhs der Konsum von Alkohol verboten ist, kümmerte ihn wenig. Allerdings hatte er mein vollstes Verständnis.


 
Gemeinsam mit seinen zwei Freunden musste er zwei Jahre lang in Turtuk ausharren, um ihre Eignung für das indische Militär unter Beweis zu stellen. Nur ganz selten konnten sie für einige Tage nach Hause reisen. Besonders im Winter musste das eine extrem schwere Prüfung sein. Noch war es angenehm warm und sie vertrieben sich die Zeit mit Cricketspielen. Meine Fresbee brachte ein wenig Abwechslung ins Programm. 
Am Abend war ich dermaßen berauscht, dass ich von Glück sagen kann, dass die beiden mir ihre Taschenlampe borgten und ich so sicher ins Gasthaus zurückfand. Ich trug eine dunkle Versuchung in mir: sollte ich versuchen nachts über die Grenze zu schleichen? Glücklicherweise widerstand ich dem teuflischen Gedanken. Am Tag zuvor hatte ich mich dumm gestellt und versucht, die Grenze über einen Umweg zu umgehen - damit hätte mir wohl auch wenig Freunde gemacht. Bis zur 15 Kilometer entfernten line of control zu gelangen, war ohnehin utopisch. Eine Wildwasserfahrt auf dem Sheyok hätte man wohl keine zwei Minuten überlebt. Dennoch wollte ich unbedingt einen Berg besteigen, der mir zumindest einen Blick auf Pakistan ermöglichte. Das einzig sichtbare Zeichen war eine Felsnadel, die zum Massiv des K2 gehörte. Wie gerne wäre ich tiefer in den Karakorum vorgestoßen. Bis zum Nanga Parbat hätte ich wohl in wenigen Tagen vorstoßen können. Allein - es sollte nicht sein. Ohne Bergsteigerausrüstung blieb mir der Weg auf die Gipfel der Berge verwehrt. Ein toller Blick über Turtuk war allerdings dann doch Lohn meiner Aufstiege über verschiedene Steilhänge:







Turtuk zu verlassen stellte sich als schwierig heraus. Das lag nicht nur daran, dass ich den Ort und Abdullah lieb gewonnen hatte, sondern auch daran, dass kein Bus zurück fuhr. Mit etwas Glück fand ich aber eine Mitfahrgelegenheit. Auf dem Rückweg hatte ich Gelegenheit, die Kamele aus der Nähe zu bestaunen und schließlich kehrte ich über den Khardung-La zurück nach Leh:
 













Weiterführende Links:

andere Enden der Welt im indischen Himalaya:

Sehnsuchtsorte: Chitkul in Kinnaur an der tibetischen Grenze

Sehnsuchtsorte: Jenseits von Kibber im Spitital

mehr über Ladakh:





Dienstag, 30. September 2014

Sehnsuchtsorte: Camiguin


Camiguin liegt 10 Kilometer vor der Insel Minandao im Süden der Philippinen. Sieben Vulkane sind auf dem kleinen Eiland versammelt, dessen weiteste Abmessungen gerade mal 33 auf 14 Kilometer betragen. Besonders beeindruckt hat mich die Besteigung des Hibok-Hibok, dem aktivsten der Inselvulkane, die Fahrt um die Insel und der Blick vom Meer bei An- und Abfahrt.

Ich hatte keine leichte Zeit auf der Insel, was aber einzig an meiner mentalen Verfassung lag. Außerdem ist die Insel in meinen Augen nicht gerade für Alleinreisende prädestiniert. Das ändert nichts daran, dass ich die Menschen auf der Insel als ausgesprochen freundlich erlebt habe und die Insel ein kleines Pardies ist:




























Panorama vom Hibok-Hibok:



Sonntag, 13. Juli 2014

Reisereportagen: Lombok - unter Druck


Nachdem es im ersten Teil um meine wunderbaren Erfahrungen auf Lombok ging, geht es heute um Surferboys, Gewalt, einen Real-Estate-Boom und den Islam auf der Insel. Wie wird der Kulturwandel die Insel verändern?



Die Surferboys

Die erste Zeit im Homestay war irritierend. Das lag an den Surferboys, die hier mit ihren ausländischen Freundinnen für eine Woche abgestiegen waren. Sie stammten aus Lombok oder waren von Bali aus übergesiedelt. Dort sind die Kuta-Cowboys, die den völlig überlaufenen Kuta Beach bespielen, zu einem bekannten Phänomen geworden. Die Szene in Kuta auf Lombok war wesentlich überschaubarer.

Zunächst sah ich sie jeden Abend in großer Runde zusammensitzen und dachte mir nichts weiter dabei. Zu lauter Musik betranken sie sich in Windeseile. Billiger Reiswein als Getränk der Wahl. Alle teilen sich ein Glas – besser kann man Gruppendruck nicht erzeugen. Jeder wartet auf den nächsten Shot. Ex und hopp. Manchmal besorgen die Frauen Wodka oder Rum. Selten gehören auch Magic-Mushroom-Shakes zum Programm. Danach geht es zu einer der Bars im Ort. Irgendwo wird immer eine Party gefeiert.

Die Jungs arbeiten in Surfshops, verleihen Boards und bieten Touristen ihre Dienste als Surflehrer an, bevorzugt Frauen. In der näheren Umgebung finden sich eine ganze Reihe hervorragender Surfspots. Der Einstieg ist harmlos. Surfen ist für jeden eine intensive Erfahrung. Die Fahrten zu den Buchten sind von Traumkulissen veredelt, die Jungs sind total locker, reißen Witze. Sie kennen die schönsten Ecken der Insel. Am Abend sitzen sie zusammen. Viele Frauen lassen im Rausch alle Hemmungen fallen. Sie fühlen sich begehrt – die Jungs sind echte Männer. Viele sind tätowiert. Sie sind Outlaws. Tupac bombt aus den Bässen. Nichts erinnert an das Ghetto. Und doch ist ein tiefer Graben spürbar. Einige Jungs haben gelernt, selbst Musik zu produzieren. Stolz präsentieren sie ihre eigenen Kreationen. Es gibt gar eine eigene Hymne für die Reggae-Kultur der Insel: „Lombok I love you“.  Die Jungen fahren Skateboard. Die Alten geben sich hart. Jeder verfügt über ein Repertoire flotter Sprüche. Vom knallharten Typen bis zum romantischen Gitarrenspieler ist alles dabei. Die Frauen sitzen fasziniert in der Runde. Hier gibt es das Abenteuer, von dem sie gehört haben. Die Jungs setzen auf Komplimente, dann wieder auf laszive Anzüglichkeiten. Sie haben offenbar eine total lockere Einstellung zum Leben. Man lebt nur einmal. Sie erfüllen den Frauen jeden Wunsch. Im Partyrausch entwickelt sich oft mehr daraus. Manchmal bleibt es beim One-Night-Stand, nicht selten entsteht eine Beziehung für den Urlaub oder noch mehr.

Am Morgen warten wieder die Wellen. Am Abend die nächste Eroberung, die nächste Party, der nächste Rausch. Ein wildes, anstrengendes Leben. Ein schmaler Grat. Das war es, was mich mit ihnen verband. Auch wenn sich mein Drahtseilakt ganz anders ausdrückt. Sie strebten zur westlichen (Sub)Kultur; ich suchte nach dem, was sie hinter sich lassen wollten: einem einfachen, naturnahen Leben.

Gelegentlich folgte ich ihrer Einladung und setzte mich für eine Stunde dazu. So auch an diesem Abend vor einem Surfshop in Kuta. Was dann geschah, ließ mich auf Distanz gehen: Ein schmächtiger Junge tanzte völlig überdreht vor der Gruppe und machte seine Späße. Im nächsten Moment sackte er ohne Körperspannung in sich zusammen. Vermutlich war er völlig betrunken. Ich weiß nicht, ob er zuvor etwas Beleidigendes gesagt hatte. In jedem Fall hatte er die Wut eines finster dreinblickenden Kollegen auf sich gezogen. Der war deutlich älter und kräftemäßig haushoch überlegen. Der Muskulöse rannte auf ihn zu und rammte dem Wehrlosen brutal und mit voller Wucht die Faust ins Gesicht. Der Junge verlor sofort das Bewusstsein. Er blutete wie ein Schwein. Erst nach Minuten kam er wieder langsam zu sich. Der Schlag hätte ihm für immer die Lichter ausblasen können. Es kam zu einem Tumult. Unkontrolliert ergoss sich das Adrenalin. Rudelbildung. Archaische Gewalt lag in der Luft. Blut kochte hoch. Für einige gab es kein Limit. Sie würden sich totschlagen, wenn keiner dazwischenging. Es gab keine Chance für mich, als Außenstehender zu vermitteln. Hätte ich es weiter drauf angelegt, hätte ich nur alle Aggressionen auf mich gelenkt. Mit Mühe konnten die halbwegs Vernünftigen die Schläger davon abhalten, dass alles im Wahn versank. 

Ich hörte fortan immer wieder von Schlägereien. Meistens geht es dabei um Frauen. Denn die Jungs sind nicht so unschuldig, wie es manchmal scheint, wenn sie sich mit Bob-Marley-Floskeln die Zeit vertreiben.

Was als harmloser Spaß mit den Frauen beginnt, entwickelt sich oft zu gegenseitiger Abhängigkeit. Die Frauen kehren wieder, sie machen Geschenke, sie bezahlen Unterkunft, Essen, Alkohol. Sie haben Macht. Sie erzählen ihren Freundinnen von ihren Erlebnissen. Seit es Direktverbindungen aus Australien gibt, kommen manche nur für das Wochenende.

Die Jungs richten sich in diesem Leben ein. Es ist ein Leben im Jetzt. Was morgen ist, scheint egal. Ein Leben, das gierig macht.

Sie werden immer professioneller. Sie holen die Frauen am Flughafen ab, wenn sie wiederkommen. Sie fangen an, gezielt nach Frauen zu suchen, die ihnen dieses Leben ermöglichen. Bald sind es mehrere Frauen. Es wird schwieriger, die Besuche zu koordinieren, es entstehen verschiedene Identitäten. Sie lernen es, sich perfekt auf die jeweilige Frau einzustellen. Sie pflegen die Kontakte über Handy und soziale Netzwerke. Sie stehen in immer stärkerer Konkurrenz zueinander. Die Frauen auch. Zu Hause warten ihre Ehefrauen, mit denen sie häufig viel zu früh verheiratet wurden. Liebe spielte selten eine Rolle. Eine Scheidung würde für beide die gesellschaftliche Ächtung bedeuten.

Das Frauenbild auf der Insel unterscheidet sich massiv von dem, was die Frauen aus der westlichen Welt für sie verkörpern. Die Ehefrauen sind durch Tradition und Religion auf eine Rolle festgelegt, aus der sie kaum ausbrechen können. Sie können es sich gesellschaftlich kaum leisten, auf eine dieser Partys zu gehen. Ich habe nur eine einzige Frau kennen gelernt, die einen ähnlichen Lebenswandel pflegte wie die Jungs.

Die Touristinnen könnten gegensätzlicher kaum sein. Sie fühlen sich wie im Paradies. Sie haben Urlaub und sind auf individuelles Vergnügen aus. Sie können ihre Sexualität ausleben. Sie haben Geld. Sie sind unfassbar frei und selbstbewusst. Entsprechend groß ist ihre Attraktivität.

Den Ehefrauen geht es ganz anders: Sie müssen mitansehen, wie sie betrogen werden und können nichts dagegen tun. Sie erfüllen ihre Pflichten und wissen, dass sich ihre Ehemänner mit anderen Frauen austoben.

Natürlich kann man nicht alle in einen Topf werfen. Manchmal verlieben sich die Jungs tatsächlich. Das Gleiche gilt für die Frauen. Für viele ist es nicht mehr als ein Spiel, andere meinen es ernst. Eines dieser Paare konnte ich kennen lernen:

Sie kannte die Schattenseiten ganz genau. Sie war schon lange mit ihm zusammen. Sie hatte sich immer wieder erweichen lassen, immer neues Geld geliehen, Seitensprünge verziehen, neues Vertrauen geschenkt.

Auch er versuchte das Unmögliche – das Leben als Gigolo an den Nagel zu hängen. Zumindest ein Teil von ihm. Der andere sabotierte jeden Versuch. Es war unendlich schwer. Schließlich gab ihm die Gruppe Halt. In gewisser Weise war sie seine Familie, in der klare Hierarchien herrschen. Da gibt es keinen leichten Weg heraus. Er war kein schlechter Mensch. Ich fand ihn sogar sehr sympathisch, wissend, dass zwei sehr gegensätzliche Seiten in ihm steckten. Ich konnte beide verstehen. Er war so sozialisiert worden. Die Versuchungen lauerten überall: falsche Freunde, Drogen, Provokationen, Ex-Freundinnen, die sich nehmen was sie wollen. Die wissen, wie man manipuliert.

Daraus entstand eine Beziehung voller Extreme: furchtbare Enttäuschungen, bedingungslose Liebe, Zweifel, Wut, Hass, Trauer, Schmerz. Ich sprach viel mit ihr. Ich bewunderte ihren unbedingten Willen und die Kraft, wiederkehrende Enttäuschungen und Misstrauen auszuhalten und ihm immer wieder zu verzeihen; doch genauso unverständlich erschien mir, warum sie an ihm festhielt, nachdem er ihr so viel Schmerz zugefügt hatte. Hatte sie nicht etwas Besseres verdient? Aber sie liebte ihn.

Sie war seine Chance auf ein anderes Leben. Das jetzige würde er nicht mehr lange durchhalten können. Beide wurden ständig über ihre Grenzen hinausgeführt. Auch sie tat ihm weh. Manchmal waren beide richtig glücklich, doch oft befanden sie sich in einer sadomasochistischen Beziehung, die sie beide kaputt machte. Ruhephasen kannten sie kaum. Es ging vom Himmel in die Hölle und wieder zurück. Noch immer kämpfen sie – wer weiß, ob sie dafür belohnt werden.

Es gibt andere Jungs, die tief in Gewalt und Drogen abgerutscht sind und denen ich nicht zur falschen Zeit am falschen Ort begegnen will. Manchmal konnte ich kaum fassen, dass Frauen solch schäbige Typen aushielten. Ich will sie nicht als Täter oder Opfer stilisieren. Wahrscheinlich sind sie beides. Ich bin nicht in ihren Schuhen gelaufen. Ich kann nur erahnen, woher sie kommen und welchen Reiz die moderne Welt auf sie ausüben muss. Wer weiß, was aus mir unter ähnlichen Voraussetzungen geworden wäre. Ist erst mal eine gewisse Grenze überschritten, gibt es kaum ein Zurück. Sie haben mit den tradierten Regeln radikal gebrochen. Wer gehört hat, welche Strafaktionen Punks in Aceh erdulden mussten, bekommt eine Ahnung davon, welch mächtige Feinde man sich mit solch einem Lebensstil beim Staat und unter radikalen Muslimen machen kann. Und nicht zuletzt kamen die Verlockungen von außen. Drogen. Touristinnen. Rap. Lifestyle. Werbung. Geld. Das waren heimtückische Versuchungen. Bis heute will ich mir kein abschließendes Urteil anmaßen. Ich mag bedauern, dass Traditionen verlorengehen, aber ich kann die Jungs nicht verurteilen. Am Ende gibt es trotz aller Differenzen Züge an ihnen, die auch mich prägen. Sie wollen selbstbestimmt leben und lieben. Dass sie dabei oft völlig übers Ziel hinausschießen, ist ein anderes Thema.

Manchmal habe ich die Jungs gesehen, wenn die Frauen wieder abgereist waren und man ihre ganze Erschöpfung und Trauer sehen konnte. Viele waren nicht die harten Typen, als die sie sich gaben. Sie wollten glücklich sein und wussten nicht wie. Wie so viele von uns Jungen, die angesichts der rasanten Veränderungen unserer Zeit mehr denn je zwischen alter und neuer Welt zerrissen sind.


Unter Druck: real estate & Islamisierung

Sie waren nicht die einzigen Menschen auf Lombok, die unter einem gehörigen Druck stehen. Die Lebensbedingungen der Menschen verändern sich in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Mit dem Tourismus hat auch die Gier auf der Insel Einzug gehalten. Landbesitzer in den touristisch erschlossenen Gebieten können der Versuchung kaum widerstehen, ihr Land zu verkaufen. Die Preise haben sich vervielfacht – und ein Ende des Real-Estate-Booms ist nicht in Sicht. In Sengigi an der Westküste ist dieser Prozess weitgehend abgeschlossen. An der Südküste hat der Ausverkauf längst eingesetzt. Im Hinterland der Küste entstehen luxuriöse Villen. Auf meinen Erkundungsfahrten sind mir immer wieder reiche Russen, Japaner, Australier oder US-Amerikaner begegnet, die nach einem Ort suchen, um ihren Traum zu verwirklichen. Das schafft natürlich Neid bei denen, die nicht davon profitieren und sich diese Entwicklung aus der Ferne ansehen müssen.
Was für eine Ambivalenz: Die „Westler“ zerstören mittelfristig das, was sie suchen – ein erst vor Jahren erschlossenes Paradies; viele Einheimischen neiden genau das, was sie zerstört.

Die Preise für Baumaterialien haben deutlich angezogen. Besonders hart getroffen hat das die Besitzer der kleinen Restaurants und Geschäfte, die sich am Strand von Kuta angesiedelt hatten. Vor kurzem waren sie enteignet worden; man hatte ihre Existenz mit dem Bagger vernichtet und ihnen deutlich schlechteres Bauland zugewiesen – sonst gab es keine Entschädigung. Für viele war es schwierig oder unmöglich, die Kosten für ein neues Gebäude aufzubringen. Auch wenn es offiziell heißt, man wolle den Küstenabschnitt unbebaut lassen, so braucht man nicht viel Phantasie, um zu wissen, wie wertvoll das Bauland ist. Nur eine Frage der Zeit, wann es an Investoren verkauft wird. Angeblich existieren bereits detaillierte Pläne zur Erschließung.

Die Menschen wenden sich immer stärker materiellen Werten zu. Statussymbole werden immer wichtiger. Es ist kein Zufall, dass sich viele meiner jungen Freunde mit Geld und Handys auf ihren Profilbildern in sozialen Netzwerken zeigen.

Einmal besuchte ich einen Antique Shop am Rande von Kuta – angezogen von den schönen Exponaten vor dem Geschäft. Die Preise waren für vermögende Touristen und Aussteiger ausgelegt. Ich kam mit dem Besitzer ins Gespräch. Die Gier sprang ihm fast aus den Augen. In seinem Mund glitzerten Goldzähne. Ich wollte gerade gehen, als mir ein Bild über seinem Schreibtisch auffiel. Die Landschaft kam mir sehr bekannt vor. Und ich lag richtig. Es war in einer abgelegenen Region des Südwestens aufgenommen worden. Der Mann berichtete mir, dass sein australischer Chef dort vor 20 Jahren Land gekauft hatte, das jetzt ein Vermögen wert sei. Ich verwickelte ihn in ein Gespräch über die Folgen dieser Spekulation mit Land, die vielleicht einzelnen nutzen mochte, für die Inselgemeinschaft aber eine Katastrophe war. Den großen Reibach machten meist große Konzerne. Oft wurden dabei Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Die Chance wurde immer mehr verspielt, das Land im Sinne der nächsten Generation zu nutzen. Er erzählte mir, dass er selbst große Ländereien besaß, die er gerne verkauft hätte. Er war sich sogar schon mit einem Investor einig geworden. Eine Million Dollar hatte der geboten. Ich konnte die Dollarzeichen in seinen Augen aufblitzen sehen. Wie gerne hätte er verkauft und sich einen großen Jeep gekauft. All seine Träume verwirklicht. Doch seine Kinder hatten ihr Veto eingelegt und der Verkauf war nicht zustande gekommen. Ich lobte die Kinder für ihre Weitsicht. Er schaute ein wenig betreten drein, murmelte, dass sie vielleicht recht gehabt hatten, stieg auf sein edles Motorrad und brauste davon.

Ich führte viele solcher Gespräche. Das wirkte zwangsläufig ein wenig skurril. Da kam einer aus der dekadenten Ersten Welt, nach der so viele strebten, und kritisierte die Gier in der Dritten. Natürlich musste das absurd erscheinen. Aber wir haben bereits gesehen, wohin die Gier führen wird. Immer mehr Menschen erkennen, dass wir nicht glücklicher werden, sondern immer abhängiger vom schnellen Glück. Freilich noch immer nicht genug. Umso wichtiger schien es mir, dieser Haltung Ausdruck zu geben; ganz gleich, wo ich war. Schließlich geht es um globale Fragen. Zugleich interessierte mich das Schicksal der Insel und seiner Bewohner sehr. Immer wieder fragte ich mich, was ich und andere den Leuten, die überall das große Rad drehen, entgegensetzen können.


Eine andere Entwicklung betrifft den Islam. Die Insel war lange Zeit von einer ganz besonderen Mischreligion bestimmt: Ihre Anhänger sind die Waktu Telu. In dieser Religion, die es ausschließlich auf Lombok gibt, mischen sich Naturreligion, hinduistische Glaubensvorstellungen mit dem Sufismus, einer mystischen und toleranten Strömung des Islam. Sie sind am ehesten mit den Sadhus des indischen Subkontinents vergleichbar. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Religion immer stärker in Richtung Islam. Die traditionellen Waktu Telu wurden zunehmend als Kommunisten verunglimpft. Es entstanden die Waktu Lima, die wie alle Muslime fünfmal am Tag beten. Doch die Islamisierung ist noch lange nicht abgeschlossen. Auch die Waktu Lima stehen unter großem Druck, orthodoxer zu werden. Zum einen fließt viel Geld aus den Golfstaaten und Saudi-Arabien nach Lombok. Überall entstehen gewaltige Moscheen. Zum anderen spielen die kostenlosen Koranschulen eine bedeutende Rolle. Der Staat ist korrupt, die öffentliche Schuldbildung für viele Familien zu teuer. In diese Bresche springen die Koranschulen. Ich möchte mir keinesfalls anmaßen, zu behaupten, diese Schulen seien generell schlecht, aber die Gefahr einer massiven Einflussnahme auf die Wertebildung der Kinder ist gegeben. Gerade die Wahhabiten Saudi-Arabiens propagieren eine radikale Form des Islam. Sie wollen die Scharia als Rechtssystem. Sie lehnen die Vielfalt des Islam ab, insbesondere den Sufismus. Andersgläubigen wird kein Respekt entgegengebracht. Es wäre sehr bedauerlich, wenn den Menschen auf Lombok ihre Toleranz einbüßen sollten. Noch kann man davon freilich nicht sprechen. Doch es gibt andere Regionen Indonesiens, in denen sich der Islam radikalisiert hat. In Aceh herrscht die Scharia.

Mir steht die Vorstellung viel näher, dass es mehrere Wege zu Gott gibt – falls es ihn denn gibt. Diesen Gedanken vertreten auch die Sufis. Im Moment sehen wir stärker denn je, was radikales Gedankengut in allen Religionen anrichtet. Egal ob es sich um Evangelikale, Hindu-Nationalisten oder Islamisten handelt. Nur in Verständigung zwischen den Religionen kann Zukunft liegen. Häufig wurde ich wegen meiner muslimischen Kleidung gefragt, ob ich Moslem sei. Ich antworte, dass es für mich nur einen Weg zu Gott gibt – über das Herz. Der Mystiker sucht Gott in sich selbst.


die Schießerei

Ich hatte einen groben Fehler gemacht und vergessen, meine Kreditkarte aus dem Portemonnaie zu entfernen, als ich an den Strand fuhr. Ich war mit einigen Freunden auf einen nahen Hügel geklettert, um den Sonnenuntergang zu betrachten. Ich konnte mich nicht beschweren, als ich entdeckte, dass mein Portemonnaie aus dem Scooter gestohlen worden war. Gerade bei den Vario-Modellen ist es keine größere Kunst, unter den Sitz zu gelangen. Mit meiner Kamera hatte ich einige Male Glück gehabt. Ich war zu sorglos geworden. Da aber eine kleine Chance bestand, dass ich die Geldbörse auf dem Hügel vergessen hatte, beschloss ich, noch einmal hin zu fahren. Eigentlich sollte man Orte wie diesen nach Anbruch der Dunkelheit meiden. Aber ich fühlte mich sicher. Ich suchte den Hügel eine Stunde lang mit meiner Taschenlampe ab. Gerade hatte ich widerstrebend akzeptiert, dass ich die Karte abschreiben musste. Ich war schon wieder auf dem Weg hinab zu meinem geparkten Scooter. Von einer nahen Karaoke-Bar, die ausschließlich von Einheimischen frequentiert wurde, hörte ich plötzlich mehrere Schüsse – schweres Kaliber. Neben einem kleinen Strandrestaurant war es das einzige Gebäude in der Bucht. Nun ertönten aggressive Schreie. Ich stand wie erstarrt da. Etwas Schlimmes musste passiert sein. Ich trug einen Sarong, dessen Weiß im Dunklen leuchtete. Ohnehin hatte ich mit dem Lichtkegel meiner Lampe meine Anwesenheit dokumentiert. Nun war es totenstill. Vor der Bar war ein Auto geparkt. Seine Lichter gingen an und aus. Meine Gedanken rasten. Ich kam mir vor wie in einem schlechten Gangsterstreifen. Ein Teil von mir wollte hingehen, um rauszufinden, was sich dort abgespielt hatte. Dem anderen war bewusst, dass ich nichts Dümmeres tun könnte. Ich war zutiefst geschockt. In mir regte sich ein heftiger Fluchtreflex.
Von was war ich da Zeuge geworden? Und was würde man mit mir machen? Wie kam ich hier bloß wieder weg? Der einzige Weg führte in unmittelbarer Nähe an der Bar vorbei. Sollte ich mich verstecken und abwarten? Oder die Beine in die Hand nehmen und so schnell wie möglich Land gewinnen?

Ich verschanzte mich hinter einem kleinen Gemäuer und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Das Herz schlug mir bis zum Halse. Nach vielleicht 15 Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, fuhr das Auto davon. Es war kein Laut zu hören. Nun entschied ich mich zur schnellen Flucht. Ich rannte zu meinem Scooter und fuhr ohne Licht so schnell es ging über die tückische Sandpiste an der Bar vorbei. Ich erwartete geradezu, dass jemand auf mich schießen würde.

Ich raste zurück Richtung Homestay. Plötzlich stand dasselbe Auto mitten auf der Straße. Zwei Männer standen daneben. Ich konnte mich nicht beherrschen und blickte den beiden Männer direkt in die Augen. Ich wollte sehen, welche Absichten sie hatten. Trugen sie Waffen? Ich war panisch. Für einen Moment sah ich mein Ende gekommen.

Doch sie ließen mich unbehelligt passieren. Zurück im Homestay stand ich noch immer völlig neben mir. Egal mit wem ich darüber sprach, die Reaktionen waren auffällig abweisend. Entweder wollte man mir nicht glauben. Oder man ignorierte meine dringlichen Fragen, was dort vorgefallen sein musste; stattdessen erhielt ich Antwort auf Fragen, die ich gar nicht gestellt hatte. Selten schien mir Angst so greifbar. Keiner wollte involviert werden. Dasselbe Spiel, als ich am nächsten Tag in dem Restaurant in der Bucht nachfragte. Am Ende ließ ich weitere Recherchen ruhen. Ich wollte weder Jemanden in Gefahr bringen, noch mich selbst in eine Sackgasse manövrieren. Ich werde nie erfahren, was an diesem Abend passiert ist. Ob ich Zeuge einer massiven Drohung geworden war oder ob Jemand in dieser Nacht getötet wurde. In jedem Fall eine Erfahrung, die ich nie wieder machen will.

Es wäre dennoch völlig überzogen, von einer gefährlichen Insel zu sprechen. Gewisse Orte sollte man nach Einbruch der Dunkelheit einfach meiden. Die Gewalt auf der Insel hat zugenommen. Immer häufiger kommt es zu Raubüberfällen. Es geschehen Morde. Meist handelt es sich um Auseinandersetzungen unter Einheimischen. Doch auch ein Schweizer wurde kürzlich Opfer. Man hatte ihm an einer Steigung aufgelauert. Dort kommt man mit dem Scooter fast zum Stehen. Er hatte den Raubüberfall nicht überlebt. Als ich davon hörte musste ich schlucken; ich war öfter auf dieser Strecke unterwegs gewesen. 

Ich hoffe sehr, dass sich die Insel trotz all dieser bedrohlichen Entwicklungen etwas von ihrem Zauber erhalten kann. Vor allem den Menschen auf der Insel wünsche ich das!

Im ersten Teil finden sich die erfreulicheren Aspekte meines Aufenthalts. Dort finden sich auch alle anderen Links zu allen anderen Reisereportagen aus Indonesien: