Freitag, 1. Februar 2013

Reisereportagen: Everest-Trek II: Shurke - Kala Pattar


Auf dem ersten Teil meiner Wanderung hatte ich viel Einsamkeit erlebt und war meist ganz auf mich selbst zurückgeworfen. Das war eine zugleich anstrengende und bereichernde Erfahrung.  Die Intensität auf diesem Abschnitt war der Schlüssel zu den außergewöhnlichen Erfahrungen, die ich auf dieser Wanderung machen durfte. Auf dem letzten Teilstück traf ich mit Johannes einen kongenialen Partner. Das war ein weiterer Glücksfall. Wer den ersten Teil vorab lesen möchte, findet ihn hier: von Jiri nach Shurke. Der zweite Teil führt mitten ins Hochgebirge:

Der Ama Dablam

Shurke-Bengkar

Am Tag nach unserem feuchtfröhlichen Kennenlernen, stapften Johannes und ich mit schweren Köpfen auf den zweiten Teil unserer Wanderung. Die Schmerzen in meinem Knie hatten kaum nachgelassen, doch die Begleitung gab mir einen erheblichen Motivationsschub. Wir wählten eine Route, die an Lukla vorbeiführte, und betraten kurz danach die gut ausgebaute Hauptroute zum Everest Base Camp.

Wir waren geschockt. Erst angesichts des Kontrasts wurde richtig erfassbar, welcher Genuss in der Stille und der mangelnden Ablenkung auf unserem bisherigen Weg gelegen hatte und wie wenig die seltene Begegnung mit anderen Wanderern einen Verlust bedeutet hatte. Wir hatten uns Ganz auf das Wesentliche konzentrieren können – die Intensität der Sinneseindrücke hatte uns tief im Innern berührt. Ich hatte die Naturelemente noch nie so unmittelbar erlebt und das hatte einen intensiven Widerhall in meinen Gedanken- und Gefühlswelten gefunden.
Von einem Moment auf den anderen war es mit dem himmlischen Frieden vorbei. Wir kamen vor, als wären wir auf einem Rummelplatz gelandet: Der ungewohnte Lärmpegel war sehr befremdlich: Stimmen schnatterten durcheinander, grelles Lachen ertönte, die unvermeidlichen Teleskopstangen klackerten auf dem Boden im Takt und aus einem Gasthaus an der Kreuzung dröhnte grauenvolle Popmusik. Drinnen saß ein Mann von solch voluminösem Körperumfang, das wir uns fragten, ob man die Hütte um ihn herum errichtet hatte und wie er wohl hierhergelangt sein mochte. Ein Blick auf die Preistafel verdeutlichte, dass sich die Preise innerhalb weniger hundert Meter verdoppelt hatten. Wir tranken nur einen Tee.
Als wir wieder ins Freie traten, erblickten wir Wanderer, die aussahen als wären sie in ihrer Funktionskleidung kurz davor eine Mondmission in Angriff zu nehmen. Träger schleppten Unmengen an Gepäckstücken hinterher. Mancher Tourist mühte sich redlich, mit der Videokameras nur ja keinen Schritt für die Nachwelt undokumentiert zu lassen. Wir waren gerade einmal eine Woche am Rande der Zivilisation unserer Wege gegangen – und fühlten uns wie Autisten in einem 3D-Kino. Wie hatten wohl die Synapsen getanzt, als Mogli die Lichter der Stadt erblickt hatte?
 
In jedem Fall hatten wir einen Kulturschock – doch war das nicht unsere Kultur?

In der nächsten Ortschaft konkurrierten mehrere Läden mit Poolbillard. Seit einer Woche hatten wir keinerlei Kühlschränke gesehen – nun waren sie prall gefüllt mit den Verheißungen der Konsumindustrie – Softdrinks und Schokoriegel lachten uns von weitem an. Von einem klugen Mann las ich einmal den Satz, welch großer Unterschied zwischen Verzicht und einem erloschenen Verlangen besteht. Das traf es - die Konsumgüter reizten uns durchaus und wir delirierten scherzhaft über einen Überfall auf einen der prall gefüllten Kühlschränke. Auf dem ersten Teil der Wanderung hatte sich das Angebot an Luxusgütern meistens auf ein paar verstaubte Dosen Cola in einem Bretterschlag mit einem verwitterten Hinweis auf den SHOP beschränkt. Doch wir beschlossen bei unserem einfachen Leben zu bleiben und uns weiter in Verzicht zu üben. Wir schöpften weiterhin unser Wasser aus den Flüssen. Nach einer Desinfektion wurde es trinkbar. Das schien weitaus besser zu sein, als drei oder vier Plastikflaschen am Tag zu hinterlassen, was zu deutlich sichtbaren Folgen führte. Wir wollten der Gier, die uns die Suggestion der Werbung seit Ewigkeiten eintrichterte, auf dieser Wanderung bewusst entsagen. Es war tröstlich, dass wir das Befremden ob des Treibens um uns herum teilten. So schufen wir unseren eigenen Kosmos, orientierten uns weiter an der Natur und ignorierten die blinkenden Lichter so gut es ging oder machten unsere Scherze darüber.
Unsere Ernährung bestand aus verschiedenen Variationen aus Kartoffeln, Reis, Gemüse, Eiern und Schwarz-, Milch-, Ingwer- oder Pfefferminztee.


Johannes befand am Anfang seiner großen Reise. Er war in einem Selbstversorgerhof in der Steiermark aufgewachsen und war voller Energie und Abenteuerlust und besaß gleichzeitig ein sehr feines Gespür für Andere und kam schnell mit den Nepali in Kontakt. Es war sehr interessant, unsere Erfahrungen aus Nepal zu vergleichen. Nach Indien würde er erst noch reisen, doch er war vor Jahren in Sri Lanka gewesen. So konnten wir uns gut in die Geschichten des Anderen hineinversetzen. Gewisse Erfahrungen verbinden ungemein. Schnell schien es, als würden wir uns schon seit Ewigkeiten kennen. Unser Humor bewegte sich zwischen Lakonie, Schmäh und Abgrund. Am Abend fanden wir ein Gasthaus, dessen gemütlicher Aufenthaltsraum von einem Kamin beheizt wurde. Seit längerem wurden die Knochen mal wieder richtig warm. Das war nun wirklich Luxus.
 

Bengkar-Namche

Der Anstieg nach Namche am nächsten Tag war einer der anspruchsvollen. Die gerade in Lukla gestarteten Wanderer taten uns fast leid. Ich musste weiter auf die Zähne beißen, doch Johannes drosselte sein Tempo ein wenig, so dass ich Schritt halten konnte. Immerhin waren die Schmerzen bergauf besser zu ertragen. Unterwegs begegnete uns eine ausgesprochen ungewöhnlichste Person. Da liefen wir schwer atmend den Berg hinauf und wurden plötzlich von einer jungen Frau überholt, die locker an uns vorbeischwebte. Am nächsten Rastplatz vollführte sie ein Aerobic-Programm, das mich an unsägliche Videos aus den 80`ern erinnerte. Trotz der Kälte trug sie ein bauchfreies Top und wir bemerkten boshaft, dass ihr Gepäck nur aus einem Vorrat an Lippenstift zu bestehen schien. Ich hätte sie mir ohne weiteres an einem Partystrand oder in einer Diskothek vorstellen können. In dieser Umgebung wirkte sie reichlich deplatziert - so als käme sie von einem anderen Stern. Sie war einfach unübersehbar und war sich dieser Wirkung durchaus bewusst. Ein späterer Begleiter war mit ihr im selben Flugzeug in Lukla gelandet. Er erzählte wie sie nach der Landung völlig gedankenverloren in ihn hineingestolpert und ihm dann in einer segnenden Geste ihre Hand auf den Kopf gelegt und ihn großmütig angelächelt hatte. Sie erschien seltsam entrückt.
Kurz vor unserem Ziel hatten wir eine weitere Erscheinung – ein junger Wanderer tauchte aus dem Nichts auf – bekleidet mit einer Badehose, Badelatschen und einer Zipfelmütze – ein amüsantes und durchaus unerwartetes Bild. John kam aus Schweden und war ein lustiger Bursche. Gemeinsam bezogen wir ein Gasthaus. 


Namche Bazaar

 
Namche ist wie ein Amphitheater in den Hang gebaut und liegt auf 3400 Metern. Der Ort ist das Nadelöhr für alle Trecks in der Everest-Region. Die spezielle Lage verleiht dem Ort einen natürlichen Charme. Gleichzeitig bestätigte sich, was wir gehört hatten: Der Ort war auf eine Wiese kommerzialisiert, das uns schlecht wurde. Neben zahllosen Ausrüstungsläden, Restaurants und riesigen Lodges, waren es die Supermärkte mit ihrer beachtlichen Auswahl an Luxusgütern, die uns am meisten irritierten.
Ab Namche mussten wir zwecks weiterer Höhenanpassung langsamer werden. Dennoch beschlossen wir in Namche keinen Rasttag einzulegen – wir wollten so schnell als möglich diesen Ort hinter uns lassen. Die Nacht hier zu verbringen, war jedoch das Allermindeste für die Akklimatisierung. 

Sehr ärgerlich war, dass der dortige Geldautomat nur ein Phantom ist. Er wird in allen Reiseführern beschrieben und daher hatten wir nicht genug Geld für den ganzen Trip mitgenommen, um hier unsere Devisen aufzufrischen. Ich war bis auf umgerechnet 10 Euro blank. Doch wie wir erfuhren, funktioniert dieser Geldautomat fast nie. Es gibt einige Anhaltspunkte, dass dieser Umstand kein Zufall ist. Denn seine Dysfunktion schafft ein ganz eigenes Geschäftsfeld. Wir hörten, dass es die Möglichkeit gäbe, über eine Kreditkarte an Geld zu kommen. Eins solche besaß ich notgedrungen, da sich Flüge oft nur mit ihrer Hilfe buchen ließen.

Bevor wir uns näher informieren wollten, streiften wir durch ein Ausrüstungsgeschäft. Ich bat den Verkäufer einige Kleinigkeiten zurückzulegen, da wir zunächst Geld besorgen müssten. Doch er wusste selbst Rat. Er könne uns gegen die hier übliche Servicegebühr von 10 Prozent eine überhöhte Rechnung schreiben und uns die Differenz auszahlen. Da wir schon wussten, dass diese Bedingungen überall galten, erklärten wir uns einverstanden. Und so nahm das kuriose Schauspiel seinen Lauf: Der Mann tätigte einen kurzen Anruf und keine zehn Minuten später betrat ein Mann mit zwei Plastiktüten den Laden. Aus der einen zog er einen abgezählten Stapel nepalesischer Rupien, aus der anderen ein Kreditkartenlesegerät. Wir staunten nicht schlecht. Ein hübscher Nebenerwerb. Im Nachhinein fragten wir uns, wo wohl der geheime Ort liegen mochte, an dem all die Barreserven lagerten. Eine regelrechte Mafia musste dahinter stecken.

Da ich zur Sicherheit über eine aufladbare Kreditkarte verfügte und nur Geld für den Rückflug von Lukla nach Kathmandu einkalkuliert hatte, würde es für mich sehr eng werden. So kaufte ich mir nur einen Teleskopstock - von dem erhoffte ich mir etwas Unterstützung für das Knie. Eine einseitige Unterstützung war aus finanziellen Gründen durchaus sinnvoll, aber aus Balancegründen nicht wirklich vertretbar.


Namche-Tengboche

Am nächsten Tag verabschiedeten wir uns von John, der sich vernünftig akklimatisieren wollte. Johannes und ich stiegen die steilen Gassen des Orts hinauf und ließen ihn schließlich hinter uns. Der Blick auf die Umgebung weitete sich, doch der Himmel verfinsterte sich nach kurzer Zeit wieder.


Eigentlich war mein Ziel nicht das Everest Base Camp. Stattdessen wollte ich zu den Bergseen bei Gokyo ausweichen, um den größten Touristenströmen zu entkommen. Außerdem sollte der Blick von dort noch imposanter sein, da man ein ganzes Panorama von Bergen überblicken konnte. Doch als die Weggabelung immer näher rückte, fragte ich mich, ob ich wirklich wieder alleine meiner Wege gehen wollte. Schließlich entschied ich mich, gemeinsam mit Johannes nach Tengbotsche weiter zu laufen und nach einem Ruhetag über einen Umweg auf meine Route zu gelangen.

Das Wetter wurde immer trostloser und schließlich begann es in Strömen zu regnen. Wir retteten uns in eine Lodge. Der Besitzer wollte uns unbedingt davon überzeugen, dort abzusteigen. Wir wollten erst einmal abwarten, ob sich das Wetter nicht besserte. Die Tür öffnete sich und ein völlig abgehetzter und schwer nach Luft schnappender Japaner erschien auf der Bildfläche. Da wir gerade über eine Landkarte gebeugt waren, zeigte er uns, welche Route er in den letzten Tagen absolviert hatte. Er hatte riesige Strecken in kürzester Zeit zurückgelegt und an eine Höhenakklimatisation wenig Gedanken verschwendet. Stattdessen setzte er prophylaktisch auf die Einnahme von Diamox – einem Medikament, das die Produktion von roten Blutkörperchen beschleunigt. Das mochte das Risiko zwar ein wenig senken, dennoch war es sehr befremdlich sich in der Freizeit zu dopen. Zumal es ein Spiel mit dem Feuer bleibt. Die Höhenkrankheit kann extrem gefährliche Auswirkungen haben und bis zum Tode durch ein Hirnödem führen.
Die Symptome treten mit Verzögerung auf und wenn man sie bemerkt ist es oft schon zu spät, zumal sie mit schwerer Verwirrung und Gleichgewichtsstörungen einhergehen. Doch wir hörten Geschichten von Touristen, die sich mit Hubschrauber direkt in die Nähe von Namche einfliegen lassen, um sich dann auf einem Pferd noch höher bringen zu lassen. Gerade Japaner, die ihre kurzen Urlaube optimal ausnutzen wollen, tun sich dabei hervor und riskieren alles. Es verging nun kein Tag mehr, an dem wir nicht mehrere Helikopter hörten, die Touristen in Lebensgefahr in tiefere Lagen ausfliegen mussten. Höher, schneller, weiter…

Als wir erfuhren, dass in Kürze eine größere Gruppe von Koreanern erwartet wurde und die Inhaber der Lodge damit begannen Schirme aufzuspannen und teure Souvenirs auszulegen, ergriffen wir die Flucht. Jene Reisegruppe hatten wir schon in Namche gesehen. Sie filmte ihren ganzen Trip ununterbrochen. Rette sich wer kann!

So stiegen wir bei sehr schlechtem Wetter nach Tengbotsche auf. In scheinbar endlosen Serpentinen schraubte sich der Weg nach oben. Ich fühlte mich wie eine altersschwache Dampflok, die Kette rauchte. Unterwegs begegneten wir einem Russen, der uns schon zuvor aufgefallen war. Er schleppte einen 120l-Rucksack (!) auf seinem breiten Kreuz und war mit einer Videokamera bewaffnet, die – wie wir bei der letzten Begegnung registriert hatten – benutze, um wahllos in Gasthäuser aber auch Privathäuser herein zu stolpern und darin zu filmen. Womöglich wähnte er sich in einer Fassadenstadt und hatte nicht verstanden, dass hier wirklich Menschen wohnten. Eine schwer zu schlagende Ignoranz. Er wirkte merkwürdig unbeteiligt und es schien ein wenig, als wolle er sich mit der Kamera die Realität auf Distanz halten. Als er außer Hörweite war, klagte uns sein Führer sein Leid. Es war sicher kein Zuckerschlecken mit diesem kantigen und wortkargen Brummbär unterwegs zu sein. Laut seinen Schilderungen besaß er die Empathie eines Stahlrohrs. Am nächsten Morgen trafen wir seinen Führer erneut und waren erstaunt zu erfahren, dass er seinen ungeliebten Auftraggeber unter einem Vorwand stehen gelassen hatte. Er verzichtete lieber auf das Geld anstatt in den Wahnsinn getrieben zu werden… 

Als wir schon ziemlich weit aufgestiegen waren, riss plötzlich die Wolkendecke auf, die Sonne brach durch und gab innerhalb weniger Augenblicke den Blick auf die Umgebung frei, die man zuvor nicht mal erahnen konnte. Staunend standen wir vor dem Panorama. Meine Versuche, das was sich vor uns abspielte in Worte zu fassen, versandeten in sinnlosem Geplapper. Die Zeit stand still. Der Moment erschien umso intensiver als wir ihn teilen konnten. 


Nachdem wir die letzten hundert Meter hinter uns gebracht hatten und das mit Dämonen in schrillen Farben bemalte Tor durchschritten hatten, war es endgültig um uns geschehen. Der Wind hatte die Wolken fast vollständig davongeblasen. Vom Plateau, das wir erreicht hatten, bot sich ein Blick in alle Himmelsrichtungen und zum ersten Mal konnten wir die ganze Majestät der Berge vor uns liegen sehen. Wir genossen den Anblick so lange bis die Sonne untergegangen war und die Kälte unerträglich wurde.


 

Tengboche

Auf diesem Plateau auf 3800 Metern Höhe, befindet sich das buddhistische Kloster Tengboche. 


Außerdem gibt es eine Handvoll Gasthäuser. Wir fanden in einem angenehm abseits stehenden Gasthaus das letzte freie Zimmer. Als wir im Gastraum saßen, betrat ein kleinwüchsiger Mann die Szene, der einen für seine Körpergröße völlig überdimensionierten Rucksack trug. Sein Kopf war hochrot, als würde er gleich platzen, und er japste dermaßen nach Luft, dass man sich nur um ihn sorgen konnte. Doch anstatt sich hinzusetzen, lief er wie Rumpelstilzchen aufgeregt durch den Raum und seine Unruhe schien nicht kleiner zu werden. Manchmal fragten wir uns, ob die Leute wirklich wussten, was sie hier oben taten. Als ich ihn Tage später fast tausend Meter höher wieder sah, war ich verwundert, dass er durchgehalten hatte. 
 
Im Raum saßen außerdem zwei Liverpooler, die ein wenig durchgeknallt wirkten. Als wir ihnen auf dem Anstieg nach Tengboche begegnet waren, hatten sie uns stolz und fröhlich verkündet, sie seien die langsamsten Wanderer aller Zeiten. Das hing wohl nicht unwesentlich mit ihrem erheblichen Marihuanakonsum zusammen. Es schien, als seien sie direkt aus den 60`ern hierher teleportiert worden und rein optisch hätten sie sofort bei den Beatles mitspielen können. Ich habe noch nie Menschen zugehört, bei denen „dude“, „Hey, man“ und ähnliche Floskeln so wesentliche Bestandteile der Kommunikation waren…

Kurze Zeit später saßen wir wieder draußen auf einer Holzbank hinter dem Gasthaus. Sie stand ganz am Rande eines jähen Abgrunds. Wir betrachteten die vom Mondlicht silbrig erleuchteten Berge, die in ihrer konturenhaften Zeichnung noch eindrücklicher wirkten. Über uns zeigten sich tausende Sterne in ihrer ganzen Pracht. Die Milchstraße war deutlich zu erkennen. Selten war uns der Himmel so nah erschienen.

In Tengboche mussten wir eine Pause einlegen; ein schnelleres Aufsteigen wäre gefährlich gewesen. Ich kann gar nicht sagen, wie froh ich über diesen Rasttag war. Inzwischen war ich 12 Tage am Stück gelaufen. Vom späten Vormittag bis in die Dunkelheit. Johannes hatte das erste Teilstück wesentlich schneller absolviert. Generell war er in besserer Kondition und als leidenschaftlicher Kletterer weitaus besser vorbereitet. Doch auch er freute sich über die Pause.
Unser Hippieleben hatte auch ihre Schattenseiten. Heißes Wasser für eine Dusche kostete hier 3 Dollar, die wir uns sparen wollten. So baten wir den Hausherrn um einen Eimer kaltes Wasser. Er war ausgesprochen amüsiert - das kam wohl auch nicht alle Tage vor. Ich bestieg den klapprigen Bretterverschlag in dem mir schon ohne das Wasser arschkalt war. In dem Bottich schwammen Eisklumpen, die mir signalisieren sollten, das ich den Verstand verloren hatte. Während sich Johannes im Anschluss mit 3 Litern Wasser für die Körperwäsche begnügen würde, verstand ich das als Wettbewerb zweier Idioten und jagte mir 40l des eiskalten Nass Becher für Becher über den Körper. Ich fühlte mich, als müsste ich sterben. Das eisige Wasser über den Kopf und Rücken zu gießen, war mehr als grenzwertig. Ich fühlte ein fürchterliches Ziehen am Hinterkopf und mein Körper versuchte verzweifelt, die Körperoberfläche zu verringern. Wenigstens schien seit einer gefühlten Ewigkeit wieder die Sonne, so dass wir gleich wieder trocken waren. Die warme Höhensonne war eine Wohltat. Als wir uns ein wenig die Beine vertraten, stießen wir auf John, der gerade Tengboche erreichte. Auch er fand einen Platz in unserem Gasthaus. Ich informierte mich beim Hausherrn über die Verbindungsstrecke zur Route nach Gokyo. Offenbar handelte es sich um ein extrem anstrengendes Teilstück mit heftigem Ab- und Aufstieg und so beschloss ich schließlich doch Richtung Base Camp des Everest weiterzulaufen und in Gesellschaft von Johannes und John zu bleiben, der sich uns ebenfalls anschließen würde.
 
Da wir dringend unsere Wäsche waschen mussten, suchten wir nach einem geeigneten Waschplatz. Im Ort ließ uns keiner sein Wasser benutzen und so mussten wieder den Berg absteigen. Dort wuschen Johannes, John und ich wie die Waschweiber unsere Sachen an einer offenen Wasserleitung. Die Nepali, die als Teil verschiedener Reisegruppen, an uns vorbeikamen amüsierten sich prächtig und setzten sich feixend zu uns. In den organisierten Trecks musste man sich um nichts kümmern und Männer, die ihre Wäsche selbst wuschen, hatten sie offenbar noch nicht gesehen. Zurück beim Gasthaus, hängten wir unsere Kleider in die Sonne. Dummerweise begann es kurze Zeit später wieder zu regnen und so blieben unsere Sachen klatschnass. 

Den Rest des Tages verbrachten wir mit einer kleinen Wanderung, die uns auf einem schmalen Pfad durch ein dichtes Astgeflecht eines Rhododendronwaldes führte.


Tengboche-Dingboche

Am nächsten Tag packten wir die nassen Klamotten wieder ein und machten uns auf den Weg. Johannes lieh mir seine Fleece Jacke. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, in den nächsten Tagen einige harte Routen zu wählen und wollte sich für die harten Pässe abhärten. Ich war sehr dankbar und hätte ansonsten erbärmlich gefroren. Nachdem wir die nächste Ortschaft durchquert hatten, überquerten wir die Baumgrenze. Fortan sollten nur noch einzelne Sträucher am Wegesrand stehen und schließlich ging die Landschaft in karge Geröllfelder über. Es wurde extrem neblig, so dass wir gerade die Hand vor Augen erkennen konnten. Es war als tasteten wir uns auf einem Terrain entlang, das jenseits dieser Welt lag. Wir hatten bald keine Ahnung mehr, ob wir noch in die richtige Richtung gingen. Schließlich wurde es wieder klarer und wir erreichten Dingboche, das auf 4400 Metern lag. Dort mussten wir dann einen weiteren Ruhetag einlegen. Wir spielten schließlich kein japanisches Roulette…


Dingboche


Wir lernten Hughan kennen, der aus Schottland stammte und seit einiger Zeit in Abu Dhabi lebte. Auch er wollte sich uns anschließen.

Inzwischen fiel es mir schwer, etwas Vernünftig niederzuschreiben. Oft fühlte ich mich benommen und ein wenig verwirrt. Bisweilen empfand ich das als unangenehm, doch zumeist fühlten sich meine Gedanken so leicht wie selten an. Ich konnte mich ganz auf die unmittelbare Naturerfahrung einlassen. Auch am zweiten Ruhetag auf der Wanderung schien die Sonne. Während sich Hughan und Johannes aufmachten, und einen nahen Aussichtspunkt zu besteigen, saß ich mit John in der heißen Bergsonne und las. Über uns thronte der imposante Ama Dablam. 
 
Endlich wurden meine Kleider wieder richtig trocken. An beiden Abenden in dem kleinen Gasthaus aßen Johannes und ich Daal Bhat - das Nationalgericht der Nepali – das aus Reis und Linsensuppe bestand, sowie je nach Zubereitung auch mit Kartoffeln oder Gemüse serviert wurde. Es war das einzige Gericht bei dem man eine zweite Portion erhielt und wir aßen bis wir zu platzen drohten. Wir verbrannten Unmengen an Energie – entsprechend groß war der Hunger nach Kalorien. John hingegen hatte sich für die Wanderung eine Großpackung Schokoriegel mitgenommen und hatte auf seiner Wanderung eine regelrechte Sucht entwickelt.
Johannes hatte große Pläne: am nächsten Morgen würde er nach Chukung aufzubrechen, um dort den Chukung Ri zu besteigen. Dann wollte er über einen höllischen Pass auf die Everest Route zurückgelangen und nach dem Besuch des Base Camps über einen weiteren kernigen Pass nach Gokyo gelangen. So gerne ich mitgekommen wäre – das lag jenseits meiner Möglichkeiten. Mit den Schmerzen konnte ich einfach nicht schnell genug gehen. Ohne High-Tech-Ausrüstung war eine Übernachtung auf einem Pass lebensgefährlich. So würde ich mit Hughan und John gemeinsam den Kala Patar ansteuern, eine Anhöhe in der Nähe des Base Camps.
Johannes und ich waren uns in der Kürze der Zeit richtig ans Herz gewachsen. Wir hatten viel zu lachen und ganz besondere Momente miteinander geteilt. Wer weiß wie anders diese Wanderung ohne diese Begegnung verlaufen wäre! Es kommt selten vor, dass man sich in so kurzer Zeit so intensiv kennenlernt. Er drückte mir einen 50-Euroschein in die Hand, damit ich auf jeden Fall zurande kam. Ich bat ihn, auf sich aufzupassen und hoffte, wir würden uns bald wieder sehen.


Dingboche-Lobuche

Am nächsten Tag brach Johannes in die eine, John, Hughan und ich in die andere Richtung auf.  

John war zuvor einige Monate durch Südostasien gereist, war auf den modernen Backpackerstrassen in Thailand, Laos, Kambodscha und im malaysischen Teil von Borneo unterwegs gewesen. Mit seinen 20 Jahren war er ein unbekümmerter, offener und lockerer Typ - ein angenehmer und lustiger Reisebegleiter.
 
Hughan war ein völlig anderer Typ. Er war wohl Mitte 30, ernsthafter, aber nichts weniger an Abenteuern interessiert. Er gehört zu den Reisenden, die in möglichst kurzer Zeit möglichst viel sehen möchten. Außerdem war er ein passionierter Gleitschirm-Flieger. Wie er erzählte, boten die Wüsten um Abu Dhabi dafür perfekte thermische Bedingungen.
Nachdem wir den Grat hinter Lobuche erklommen hatten, bot sich hinter uns ein imposanter Anblick auf den Ama Dablam. 


Nach einem flacheren Abschnitt wurde der Weg extrem steil. Wir erreichten einen weiteren Pass, an dem aufgetürmte Steine und ein kleines Mahnmal an die in dieser Region verunglückten Menschen erinnern sollten. Manche tote Körper wurden nie entdeckt und so stellt dieser Ort für manche Angehörige der Ort dar, an dem sie sich den Verstorbenen nahe fühlen können. Im dichten Nebel hatten die aufgespannten tibetischen Gebetsfahnen über den Geröllfeldern etwas Gespenstisches und es schien ein wenig, als wollte das Wetter unterstreichen, wie ungeeignet dieser Ort für uns Menschen war. 


Immer wieder kam man sich angesichts der übermächtigen Kulisse wie ein Eindringling in eine fremde Welt vor. Das hatte etwas Furchteinflößendes und zugleich etwas zutiefst tröstliches. Dies war ein Ort, den wir uns niemals untertan machen würden. Das rückt die Verhältnisse ein wenig zu recht und angesichts der alles beherrschenden Natur wird man sich der eigenen Winzigkeit unmittelbar bewusst.

Natürlich gibt es auch hier Menschen, die meinen, sie könnten die Natur bezwingen und das Besteigen des Mount Everest gilt Manchem als reine Mutprobe. Als Heldentat. Doch was man wirklich lernen kann, ist Demut. Vielfach wurde der Hochmut in dieser Umgebung bitter bestraft. Das Buch „in eisigen Höhen“ von Jon Krakauer zeichnet die Katastrophe von 1996 nach. Krakauer hatte den Auftrag, eine Reportage über eine Expedition zu schreiben und hinterfragt in seinem Buch die zunehmende Kommerzialisierung des Bergsteigens deutlich.

Am letzten Aufstieg nach Lobuche schien die Luft mit jedem Schritt dünner zu werden und selbst während der vielen Pausen, die ich beim Aufstieg einlegte, schlug mir das Herz bis zum Hals. In der Tat sinkt zwar nicht der Sauerstoffgehalt in der Luft, aber der Luft- und damit der Sauerstoffdruck. Auf 5000 Metern wird der Sauerstoff nur noch mit halbem Druck in die Lungenbläschen gepresst. Daher braucht man mehr Atemzüge, um den notwendigen Sauerstoff aufzunehmen. Man wird leicht kurzatmig. Die Sherpas, die noch immer die meisten Träger stellen und die Bevölkerungsmehrheit in der Region ausmachen, haben den Vorteil, dass sie von Geburt an die Verhältnisse gewöhnt sind und in ihrem Körper mehr rote Blutkörperchen produzieren. Das schmälert meine Bewunderung für die Träger in keiner Weise. Fasziniert betrachtete ich wie sie auf dem Steilstück schwere Holzelemente in die Höhe trugen. Die Lasten sind mit Stirngurten befestigt und die Träger beherrschen eine ganz besondere Tragetechnik, die ein hohes Gleichgewicht voraussetzt – so wirkt ihr Gang einem ständigen Balanceakt. Viele tragen Badelatschen. Ihr Alter scheint oft unmöglich zu schätzen. Deutlich sieht man ihnen den ständigen Kraftakt an; ihre Statur erscheint nicht einmal kräftig - aber sie besitzen eine unglaubliche Zähigkeit und ihre Sehnen müssen aus Stahl sein. Die meisten tragen einen kurzen Holzstab bei sich auf den sie sich immer wieder stützen und viele kurze Pausen einlegen, dafür den ganzen Tag marschieren. Die Konzentration und Anstrengung steht ihnen ins Gesicht zu schreiben und dennoch habe ich sie oft lächeln sehen. Sie werden meist anhand des Gewichts bezahlt, das sie tragen. Bei einigen sind das über 100 kg. Einmal durfte ich das Gepäck eines Sherpas einige Meter tragen und es schien mir unglaublich, wie man dauerhaft ein solches Gewicht stemmen kann. 


Längst hatte sich die Landschaft in eine einzige Steinwüste verwandelt. Nur der Schnee und das bläulich schimmernde Eis boten eine farbliche Abwechslung. Schließlich erreichten wir Lobuche auf etwa 4900 Metern. Der Ort war geradezu abstoßend und bestand im Wesentlichen aus riesigen Lodges. Ein wahres Touristen-Ghetto. Wir fanden ein Dreibettzimmer. Unsere russischen Zimmernachbarn vertrieben sich den Abend mit Wodka und Krakeelen. Nach der Ankunft bestieg ich den Grat hinter der Lodge und wurde mit diesen Bildern belohnt:



Nach der Rückkehr bekam ich heftige Kopfschmerzen – eine eisige Kralle hatte sich in mein Hirn gebohrt. Hughan hatte vorausschauender Weise Diamox dabei und ich nahm vorsichtshalber eine Tablette. Sie brachte Linderung, hatte aber den Nachteil, dass ich nachts noch öfter in die Eiseskälte hinaus musste. Ohnehin fühlte man sich angesichts der Flüssigkeitsmengen, die man sich hineinschütten musste, wie ein nierenkrankes Pferd.


Lobuche-Gorak Shep

Am Morgen fühlte ich mich deutlich besser, dafür fühlte sich John, als wäre er über Nacht seekrank geworden. Er war sehr kurzatmig und bekam ebenfalls starke Kopfschmerzen.
Die letzte Etappe lag vor uns. Wir fühlten uns zunehmend berauscht angesichts des nahen Ziels. Von den Kuppen der auf- und absteigenden Geröllfelder sahen wir immer wieder die mächtigen Berge wegen derer wir uns auf den Weg gemacht hatten. Wir konnten es kaum noch erwarten. Schließlich erreichten wir die letzte Ortschaft - Gorak Shep auf etwa 5100 Metern. Der Ort besteht aus einer Handvoll Lodges und einem Internetcafe. Ich frage mich bis heute, welche Idioten sich hier bei Facebook einloggen, um der Welt zu verkünden, dass sie nun den Everest sehen können. In Tengbotsche hatte das Internetcafe gar mit „Buisiness Conferencing“ geworben. Dekadenter geht es wohl nicht mehr.

Da das Wetter ziemlich gut war, deponierten wir unsere Rucksäcke in einer Lodge und machten uns gleich daran, den Kala Pattar zu besteigen. Aus der Ferne erscheint er nur wie ein kleiner Hügel, doch das stimmt nur in der Relation…

Angesichts des mächtigen Pumo Ri im Hintergrund erscheint der Kala Pattar winzig...
John fühlte sich inzwischen richtig mies und wir mussten ihn ein wenig motivieren. Hughan schien die Höhe weniger auszumachen. Ich selbst war ziemlich am Limit. Es erschien mir, als wäre der Sauerstoff fast vollständig aus der Luft gewichen. Es war kaum noch möglich, sich auf den Weg zu konzentrieren, da die Kulisse mit jedem Meter eindrücklicher wurde. Endlich erreichten wir den Gipfel auf 5675 Metern. All die Strapazen waren in diesem Moment vergessen; der Blick auf die in gleißendes Sonnenlicht getauchten Berge umwerfend. Wir hatten ein gutes Zeitfenster erwischt und konnten eine halbe Stunde lang einen fast ungetrübten Blick auf das Everest-Massiv und die umgebenden Berge genießen. Der Wind wehte in kräftigen Böen und sein Pfeifen übertönte alle anderen Geräusche. Nun waren wir schon so hoch gestiegen und noch immer blickten wir auf Giganten, die wie Wände vor uns standen. Da lagen sie vor uns – Lotse, Everest, Nuptse (von links nach rechts).

 
Es war leicht vorzustellen, warum die umliegenden Berge als Wohnsitz der Götter gelten. Der Everest heißt bei den Nepali Sagarmantha – „Stirn des Himmels“ – die Tibeter nennen ohne Qomalangma – „Mutter des Universums“. 


Doch leider ist Respekt nicht allen Menschen eigen. Trotz der Gebetsfahnen, die auch diesen Ort als heilig kennzeichnen, nutzte ein vielleicht 50-jähriger Russe die Gelegenheit, um seine entblößte und deutlich jüngere Freundin vor dieser Kulisse abzulichten. Sichtbar stolz auf die Reize seiner Gefährtin, erklärte er mir, dies wäre sein Hobby und sie hätten ähnliche Fotos auf allen Kontinenten gemacht. Manche Leute wissen wohl wirklich nicht, was sie mit ihrem übermäßigen Reichtum anfangen sollen!

Ich war glücklich, dass ich bis zum Schluss durchgehalten hatte. Da saß ich nun, umgeben von beängstigenden Abgründen auf allen Seiten, blickte auf Gletscher und Seen und versuchte die Atmosphäre tief in mich einzusaugen. Ich war berauscht. Viel höher würde ich in meinem Leben nicht oft kommen – meine Höhenangst hatte ich auch mit einer Reihe von Rosskuren nicht verringern können. Im Gegenteil.
 
Schließlich war es besonderes Schauspiel zu beobachten, wie sich die Wolkenwände blitzschnell aus dem Tal nach oben bewegten und die Berge verhüllten.


Auf dem Weg zurück ins Tal, schwebte ich fast.

Hughan und John brachen gleich nach der Rückkehr zum Basecamp auf. Das reizte mich nicht so sehr und ich wollte mich ein wenig ausruhen und lesen. Schließlich zog ich doch noch los, um zumindest einen Blick auf den Khumbu-Gletscher zu werfen, der sich vom Everest hinabzieht. Der Weg führte am Gletscher entlang. Sehr eindrücklich war der tosende Lärm, wenn Spalten vom Gletscher abbrachen. An manchen Stellen hatten sich kleine Seen gebildet und das schimmernde Hellblau mancher Eisschichten wirkte geradezu unwirklich. Einige hundert Meter vor dem Basecamp machte ich kehrt und marschierte die letzten Kilometer zur Lodge im Dunkeln. Nachts war es drinnen deutlich unter dem Gefrierpunkt. Im Bart setzte sich Eis fest.


Rückweg

Am nächsten Morgen hatten wir sehr klares Wetter. Nach der Kälte der Nacht es in der Sonne richtig heiß. Gerne wäre ich noch einen weiteren Tag geblieben, aber John und Hughan wollten absteigen. Außerdem hatte ich kaum noch Geld. Ich genoss einen letzten Anblick auf das unglaubliche Naturschauspiel um mich herum und dann machten uns wieder an den Abstieg. Doch schon nach wenigen Kilometern war offensichtlich, dass ich den beiden nicht folgen konnte. Sie hatten sich vorgenommen den ganzen Weg bis nach Namche in einem Stück zu laufen. Gerade bergab kam ich nur sehr langsam voran. So verabschiedete ich mich herzlich von den beiden. Auch wenn ich gerne weiter mit ihnen unterwegs gewesen wäre und mir einen Moment sehr verloren vorkam, so war ich auch ein wenig erleichtert. Ich musste Niemanden mehr hinterherhecheln und konnte mein eigenes Tempo gehen. Ich hielt es ohnehin für unsinnig, die Wanderung nicht gemächlich ausklingen zu lassen. So blieb ich immer wieder stehen, um das Panorama zu genießen. Für Eile gab es keinen Grund. 


So endete der Treck  wie er begonnen hatte – alleine. Nach sieben Stunden Abstieg waren die Schmerzen nicht mehr auszuhalten; aber ich quälte mich weiter bis Tengboche – den letzten Anstieg dorthin kroch ich fast. Nach elfeinhalb Stunden fühlte ich mich wie tot. Nur noch Wille war es, der es mir ermöglichte, einen Fuß vor den anderen zu setzen. In Tengboche stieg ich in derselben Lodge ab. Ich war tief zufrieden mit mir und der Welt. Am nächsten Tag gönnte ich mir den Luxus bis mittags zu schlafen und nahm ein ausgiebiges Frühstück ein. Ich setzte mich noch einmal auf die Bank hinter dem Gasthaus, lies die letzten Wochen Revue passieren und machte mich nach einem letzten Blick auf den Ama Dablam auf den Weg nach Namche, um mir ein Flugticket zu besorgen.

Leider konnte ich nur ein ziemlich überteuertes Flugticket erstehen. Das Geld von Johannes war die Rettung. Gerne hätte ich noch einen Tag in dem Gasthaus mit dem warmen Kamin und den freundlichen Menschen verbracht und noch einmal einen Tag nichts anderes zu tun, als zu schauen. Aber ich war fast pleite. Also musste ich den ganzen Weg bis nach Lukla in einer Tour antun. Ich hatte auf dem Hinweg für diese Strecke zwei Tage zur Verfügung gehabt und das steile Stück bergab brachte mich fast um. Unterwegs machte ich noch zweimal Pause, um ein Bier zu trinken und die letzten Blicke auf die Berge zu genießen. Nach einem letzten tückischen Anstieg nach Lukla war meine Wanderung endgültig zu Ende.

Am nächsten Tag flog ich von Lukla zurück nach Kathmandu. Der Flughafen zählt zu den gefährlichsten der Welt. Die Landebahn ist so kurz, dass die Flugzeuge bei der Landung um die Ecke fahren müssen. Beim Abflug hingegen steht das Flugzeug mit vollem Schub und voller Bremskraft an der abschüssigen Landebahn und man trudelt die ersten Meter in den Abgrund, bevor die Propellermaschine wirklich ins Fliegen kommt. Zeitgleich befindet sich das nächste Flugzeug einige Meter höher bereits im Landeanflug. Nichts für schwache Nerven!
Auf dem Flug konnte ich noch einmal die schneebedeckten Gipfel sehen und den ganzen Weg, den ich von Jiri aus hierher gewandert war aus der Vogelperspektive nachvollziehen. Ein großartiges Gefühl. Die 20 Tage waren zu einem guten Ende gekommen. Zwei Tage später würde ich in Pokhara Hughan und John wiedertreffen und schließlich auch ein fröhliches Wiedersehen mit Johannes feiern.

Fazit:


Diese Wanderung gehört sicherlich zu meinen Schlüsselerlebnissen und ich werde sie an anderer Stelle wiederholen. Es kam mir vor, als hätte ich Monate in den Bergen verbracht. Ich habe fast vollständig im Moment gelebt. Selten habe ich mich der Natur so nahe gefühlt, war mir so lebendig vorgekommen und hatte das Glück auf die richtigen Menschen zu treffen. Die andauernden Schmerzen haben den Trip schnell zu einer besonderen Herausforderung und zu einer Frage des Willens gemacht. Es tat mir gut, dass ich durchgehalten hatte. Ich ging definitiv gestärkt aus der Erfahrung und war im Reinen mit mir. Gerade vonseiten der Einheimischen ist mir auf meiner Wanderung viel Gastfreundschaft und Herzlichkeit zuteil geworden.
Es sind Erfahrungen wie diese, die mich tief geprägt haben und mich immer bestärken auf meiner Suche nach neuen Wegen.

Aber  ich habe viele beobachtet, die sich zu wenig Gedanken machen. Denen der Müll, den sie hinterlassen, völlig egal ist. Die Luxusgüter an jedem Ort der Welt voraussetzen. Die offensichtlich nicht begriffen haben, in welch fragilem Ökosystem sie sich befinden. Für die das ein Abenteuer ohne Verantwortung darstellt.
So werden die Lodges immer komfortabler, das Warenangebot immer größer und die Hinterlassenschaften immer unübersehbarer. Ich hatte meine Wanderung ganz am Ende der Saison angetreten. Ich will mir nicht ausmalen, wie viele Wanderer auf dem Weg von Lukla zum Base Camp in der Hochsaison unterwegs sind! Sehr fragwürdig finde ich auch Fluggesellschaften, die Flüge anbieten, die einmal von Kathmandu aus um den Everest herumfliegen. 
 
Im Mountaineering Museum in Pokhara waren Aufnahmen einiger bedeutender Gletscher zu sehen – gegenübergestellt waren Aufnahmen von vor 40 Jahren mit aktuellen Bildern. Schockierend zu sehen, das beispielsweise der Kumbhu-Gletscher am Fuße des Mt. Everest in diesem Zeitraum bereits die Hälfte seiner einstigen Größe eingebüßt hat. Wenn man bedenkt, dass der Himalaya mit seinen Gletschern das Wasserreservoir für große Teile Asiens und Lebensgrundlage für Milliarden Menschen darstellt, muss man sich große Sorgen machen. An wenigen Orten kann man so deutlich die Klimaveränderungen erkennen, die sich gerade vollziehen.

Die Wanderwege in Nepal werden zurzeit weiter erschlossen und es macht sicher Sinn, den Tourismus besser zu verteilen. Heute führt der Weg von über 90% der Trecker auf die Routen am Everest, dem Annapurna und dem Langtang. Mustang (ein ehemaliges Königreich in Nepal) und Sikkim gehen andere Wege und bieten Treckingpermits nur gegen hohe Tagespauschalen an. In jedem Fall bedarf es einer deutlichen Steigerung des Bewusstseins, damit auch folgende Generationen die Wunder der Natur in dieser Weise erleben können.


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Kommentare:

  1. Das Erleben der Natur in Stille reinigt das innere Gefäß, es wird so leer, so weit und offen, dass es gefüllt werden kann - vom Moment der Gegenwart, vom Göttlichen, von mir, von meinen Gefühlen, von bedingungsloser Liebe zum Umgebenden and so on. Dieses Meditieren, diese Sensibilität macht die Achtsamkeit in völliger Aufmerksamkeit der unbeschreiblichen Erfahrung aus, die Du versuchst in deinen Reisebeschreibungen zu teilen, ich denke, Dich zu verstehen. – Dann den Absturz als „Kulturschock“ zu bekommen, wenn sich das offene Gefäß jäh durch den Lärmpegel mit Ungewolltem füllt und sich dessen Hals wie übersäuert zuzieht... ist vielleicht genau der Gegenpol, den Du brauchtest (auch gesucht hast?), um den vorangegangenen himmlischen Frieden auf ewig in Deinem Herzen zu tragen?
    In jeder Kultur gibt es vermutlich Stille und Krach, selbst in dem, was wir in uns kultiviert haben, oder? Spannend, wieder von den Extremen Deiner Reise zu lesen, wenn auch der Everest nichts für mich gewesen wäre, wie Mumbay, Delhi oder so, da folge ich meinem Gefühl - "monkey mind" ist genug an Lärm, der in meinem Leben ist ;-)

    Am Rand bemerkt – Deine tollen Fotos, gerade die von diesem Artikel, helfen meiner Phantasie auf die Sprünge mit zu reisen. Bisher habe ich mein Fernweh nur mit diesen unzähligen Dokumentationen im TV und dem Cursor in google earth gestillt – es ist eine erfrischende Erfahrung, Deine Zeilen zu lesen; und gerade wieder herzlich gelacht, von wegen der 40 Liter Eiswasser und all der anderen extremen Gefühle, die Du unbedingt mitnimmst.

    Sehr interessant, dass Du Dir auf Deiner ganz besonderen Reise – die auch zu Dir selbst und zu gewissen gefühlten Verbindungen führen soll, wenn ich Dich richtig verstanden habe – Gedanken machst, die eigene Grenzerfahrung bedeutet, Dir Abgrenzung bringt, wenn Du an die Koreaner mit eingebauter Kamera, an den russischen Aktfotografen oder an den Business-Facebook-Idioten vom dekadenten Everest-Business-Conferencing denkst. Auf der Suche nach (bedingungsloser?) Liebe und zu Dir selbst, empfindest Du wahrlich Trennendes. Spannend, Deine Reise ist wie das Leben an sich, um´s mal bewusst einfach herunter zu brechen. Das macht die Lebendigkeit beim Lesen aus, auch wenn man über das Verurteilen Anderer streiten kann.

    Danke, dass Du mich mitgenommen hast, auf diesen Teil Deiner Reise. Denke wieder daran, mir doch Dein Buch zu geben – noch bin ich aber mit Deinem Blog ausgelastet.

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    1. Ein leeres Gefäß ist eine stimmige Metapher. Für mich ist Wandern bis zu der Erschöpfung die (bislang) wirksamste Form der Meditation. Und ich bin gerne abseits des Lärms der Zivilisation. Als Jemand mit einem Talent zum Grübeln, empfinde ich es als befreiend, diesem Wirrwarr zu entfliehen. Generell ist diese Überbetonung des Verstands eine allzu westliche Errungenschaft. Sie verhindert Achtsamkeit.

      Auf den Kontrast mit dem Lärm hätte ich gerne verzichtet; das wäre auch so früh genug wieder auf mich zu gekommen. Stichwort: Kathmandu..

      Was die Abgrenzung angeht; sicher bin ich bisweilen nicht frei von Spott und grenze mich auch gerne mal ab; allerdings geht es mir nicht so sehr ums Verurteilen anderer; ich kenne meine eigenen Schwächen und habe auch auf meinen Reisen viele Fehler gemacht; mir geht es aber um Bewusstsein; Respektlosigkeit, zu hohe Ansprüche und mangelndes kulturelles oder ökologisches Bewusstsein hat eben Folgen, die über die eigene Person hinausgehen; deswegen schreibe ich darüber. Abgesehen davon soll jeder nach seiner Fasson glücklich sein.

      Eine Reise spielt sich für mich gerade im Wechselspiel zwischen innerer und äußerer Veränderung ab – das macht sie für mich so spannend!

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