Sonntag, 9. Dezember 2012

Reisereportagen: Gili Trawangan






Einleitung:

Diesmal möchte ich Euch auf die Insel Gili Trawangan entführen. Meine psychedelischen Erlebnisse finden sich unter diesem Blog; ich möchte jedoch meinen Bericht von der Insel voranstellen. Denn diese Insel in erster Linie als Ort für psychedelische Reisen zu präsentieren, hätte einen äußerst faden Beigeschmack und würde mein Hauptanliegen dieses Blogs Ad Absurdum führen; schließlich möchte ich mit meinen Reisereportagen Interesse an und Respekt für andere Kulturen wecken. Meine eigenen Erlebnisse sind in erster Linie Mittel dazu und illustrieren, wie ich zu meinen Ansichten gekommen bin.


Ausgangspunkt:

Nach wundervollen Tagen in Ubud, die mich nach dem ersten schockierenden Begegnung mit dem Massentourismus in Kuta mit Bali versöhnt und dem kulturellen Erbe Balis näher gebracht hatten, zog es mich wieder ans Meer. In Ubud hatte ich meinen Rückflug nach Europa gebucht und so lagen weniger als zwei Wochen vor meiner Abreise. Es war keineswegs so, dass ich Asien verlassen wollte; es war vielmehr eine Notwendigkeit. Ich war nahezu pleite; meine Versuche dies Einheimischen zu erklären, scheiterten kläglich; man glaubt sehr wohl, ein Europäer möge töricht sein, fernab der Familie nach sich selbst zu suchen, aber er ist per se reich. Diese Vermutung ist nicht weiter verwunderlich. Es ist auch kaum von der Hand zu weisen, dass allein die Flugkosten für die meisten Menschen der Länder, die ich bereist habe, unbezahlbar sind. Und trotz Billigflügen sind es in der Regel die Menschen, die es sich leisten können, die den Tourismus prägen. Im Übrigen ist das Ansinnen, solange zu reisen, bis – abgesehen vom Geld für den Rückflug – alles aufgebraucht ist, auch in westlichen Breitengraden nicht übertrieben salonfähig. Um es freundlich auszudrücken. Mit einigem Recht: bei der Rückkehr steht man vor dem Nichts. Aber ich bleibe dabei: für mich ist wahres Reisen davon geprägt, jederzeit alle Pläne über den Haufen zu werfen, kein Rückflugticket zu besitzen, sich treiben zu lassen und immer dort länger zu bleiben, wo es einem gefällt oder man eine interessante Witterung aufgenommen hat. Aber in gewisser Weise war mein Erfahrungshorizont ein wenig erschöpft und ich freute mich darauf die bekannten Gesichter in der Heimat zu sehen.


Ubud - Padangbai:

Auf der Fahrt im Bus an die Ostküste Balis, kam ich mit meinem Nachbarn Paul ins Gespräch. Er war einer dieser raren Reisegefährten, denen ich mich auf Anhieb nahe fühle. Es reichten wenige Worte, um zu erkennen, dass uns gemeinsame Erfahrungen verbanden – unabhängig davon, wo wir diese gemacht hatten. Ich hatte mir offengehalten in Padangbai einen Zwischenstopp einzulegen; doch da der kleine Küstenmeiler an diesem trüben Tag keinerlei Charme versprühte, beschloss ich gleich mit dem Boot nach Gili Trawangan weiterzufahren. Dieses Ziel war mir mehrfach empfohlen worden. Ich muss gestehen, dass die Aussicht dort Marihuana und psychedleische Pilze kaufen zu können, nicht abschreckend waren (so viel zu meinen guten Vorsätzen…). In Kuta hatten mir sogar die Beachboys abgeraten, Marihuana zu kaufen und das wollte etwas heißen. Die Angebote, die mir in finsteren Gassen entgegenschallten, waren mir eindeutig zu heikel. Die Chancen standen nicht schlecht, nach dem Deal direkt einem Polizisten in die Arme zu laufen. Eine Hand wäscht die andere. Ich wäre nicht der Erste, der für ein wenig Gras für einige Jahre in indonesischen Gefängnissen gelandet wäre. Gleiches gilt für Goa und vielen anderen Orte der Welt, an denen Gras scheinbar toleriert wird. Von Malaysia und Singapur ganz zu schweigen! Wer sich zu sicher fühlt, lebt gefährlich. Freilich sollte ich schön ruhig sein: ich hatte mich auf meinen Reisen auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Aber man muss ja nicht jede Dummheit ausplaudern…


Überfahrt:

Schon lange freute ich mich auf eine Schiffpasssage in Indonesien. Die letzte musste die Fahrt auf der Adria von Venedig nach Patras gewesen sein. Das war lange her. Eigentlich empfinde ich Schifffahrten als die angenehmste Art der Fortbewegung. Ich liebe den Fahrtwind an Deck, die Gemächlichkeit des Reisens (sofern nicht gerade ein Sturm tobt…) und die Bewegungsfreiheit unter freiem Himmel. Das tiefdunkle Blau des Meeres, das in das Hellblau des Himmels übergeht. Ich kann stundenlang am Heck des Schiffes stehen und zusehen, wie sich die Wellen rechts und links der Fahrrinne ausbreiten. Am Horizont zeichnet sich die Landmasse ab, die man hinter sich gelassen hat. Pure Freiheit. 


Leider existieren viele klassische Schiffsrouten heute nicht mehr und wurden komplett vom Flugzeug ersetzt. Tiziano Terzani beschreibt in seinem Buch „Fliegen ohne Flügel“, wie schwierig es war, nach seiner Bahnfahrt von Bangkok über Peking, Moskau und Berlin (!) von Italien aus eine Schiffspassage nach Singapur zu finden - trotz seiner Bekanntheit. Er geriet bei manchen Unternehmen sogar in den Verdacht, terroristische Aktivitäten zu verfolgen - so ungewöhnlich schien sein Ansinnen. Wer kam schon auf die Idee mit dem Schiff zu reisen, wenn die Reise mit dem Flugzeug so viel schneller ans Ziel führte. Schließlich fand er über Kontakte einen Platz auf einem Containerschiff. Das war 1997…
Heute gibt es zwar die Möglichkeit, Frachtschiffreisen als Passagier zu buchen, aber die Preise sind horrend; auch hier hat sich eine eigene Industrie gebildet. Weltweit werden die meisten Besatzungsmitglieder inzwischen von den Philippinnen rekrutiert – über die Bezahlung muss ich wohl kein Wort verlieren. Sich die Überfahrt mit Arbeit zu verdienen, fiel also flach. Zumindest, wenn man nur von A nach B wollte. Blieben Kreuzfahrtschiffe, um die Welt zu sehen. Doch abgesehen davon, dass ich kaum jemals das nötige Kleingeld haben werde, bescherte mir der Lebenstraum vieler Menschen – einige Wochen auf einem dieser Giganten mit einem durchgeplanten und steril-luxuriösen Programm zu verbringen – Alpträume. Ich würde die Luxus- und Vergnügungssucht nicht ertragen. Das Traumschiff fährt ohne mich. Das wunderbar ironisch-sarkastische Buch „unendliches Vergnügen“ von David W. Forster bringt gekonnt auf den Punkt, was mich auf so einer Kreuzfahrt in den Wahnsinn treiben würde; sehr empfehlen möchte ich auch die Geschichte von Sibylle Berg mit ähnlichem Tenor.
Der Zyniker in mir, hätte womöglich einen morbiden Spaß an solch einer „Vergnügungsreise“; der Rest von mir, bräuchte allerdings lange um sich von einem schweren Schub von Misanthropie zu erholen…

Mein erster Eindruck von Paul bestätigte sich. Wir fanden uns in kürzester Zeit in intensiven Gesprächen über Asien, seine Entwicklung und Gegensätze von Armut und der boomenden Wirtschaft, die in den 90`ern zum Tigersprung angesetzt hatte, wieder. Er bereiste Asien seit einem Jahrzehnt immer wieder. Während der Überfahrt kamen wir nach und nach vom hundertsten ins Tausendste. Wir tauschten uns über Spiritualität, Glauben und Philosophie aus. Inzwischen gaben das meine Englischkenntnisse her. Ziel seines aktuellen Aufenthalts in Asien, war die Vollendung eines Buches. Die erste Version meiner Reiseberichte lag zuhause in der Schublade; es scheint bisweilen so etwas wie ein blindes Verständnis zu geben, dass Menschen intuitiv zueinander führt, die sich etwas zu sagen haben. Das funktioniert aber nur, wenn das Bewusstsein hellwach ist.  Bisweilen finden solche Begegnungen an den merkwürdigsten Orten statt, was aber auch ihren speziellen Reiz ausmacht. Die ungewöhnliche Umgebung und die Flüchtigkeit verleihen der Begegnung eine seltene Intensität. Irgendwann kamen wir auf die Frage nach der Zeit; darüber ob das Zeitkonzept, mit dem wir aufgewachsen waren, in dieser Form wirklich existierte. Eine Verschiebung des Zeitgefühls, gehört für mich zu den intensivsten Erfahrungen beim Reisen. Spätestens, wenn man einige Monate aus dem Hamsterrad ausgestiegen ist, entwickelt man eine völlig andere Beziehung zu Zeit. Sie büßt ihre beherrschende Bedeutung ein und ihre systematische Einteilung erscheint wider die menschliche Natur. Speziell, nachdem sich unsere Gesellschaften weitestgehend vom Rhythmus der Natur abgekoppelt haben. Für Paul stellt Yoga und Meditation ein Mittel dar, vollständig im Moment zu leben und sich so weitestgehend unabhängig von Vergangenheit und Zukunft zu machen. Ich widersprach ihm nicht; auch ich sehe in der Meditation einen Schlüssel für viele Probleme in meinem Innern, die ich noch lösen möchte. Meine bescheidenen Erfahrungen mit dem Yoga hatte ich als bereichernd empfunden. Es steht außer Frage, dass es nur einen Zeitpunkt gibt, in dem man handeln kann: die Gegenwart. Das sollte aber nicht davor bewahren aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Im Übrigen gibt es einen Unterschied zwischen Spiritualität und Esoterik. Aber das möchte ich an dieser Stelle nicht weiter vertiefen.
Langsam ging die Sonne über dem sich immer weiter entfernenden Bali mit dem beherrschenden Vulkan Gurung Agung - dem heiligen Berg Balis – unter und ließ unser Gespräch verstummen. Sprache hat ihre Grenzen und die Magie ist ein scheues Wesen, das man mit törichtem Geplapper schnell vertreibt…




Gili Trawangan:

Als wir Gili Trawangan erreichten, war es bereits dunkel, was der Umgebung etwas Schemenhaftes und Geheimnisvolles verlieh. Der Zauber hielt allerdings nur kurz an: die Straße die sich an der Küstenlinie entlang zog, war gut ausgebaut und beleuchtet und an Unterkünften und Bars herrschte wahrlich kein Mangel. Nach einigem Rumfragen, fanden wir in einer dunklen Seitenstraße eine günstige Unterkunft. Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass wir in den späten eine gute Entscheidung getroffen hatten. Die acht Zimmer des Guest House waren in einem Viereck um einen gemütlichen Innenhof angelegt. Dahinter befand sich das Haus der Familie, die das Guest House bewirtschaftete. Mehrere Generationen lebten unter einem Dach. Der Trubel der abendlichen Musikbeschallung reicht nicht bis hierher. Stattdessen waren es die Alltagsgeräusche der Familie und ihrer Tiere und der Lautsprecher der nahe gelegenen Moschee, die die Geräuschkulisse bildeten. Im Gegensatz zu den Geschäften, Bars, Restaurants und Hotels der „Hauptstraße“, war das Inselinnere, in dem sich das Gasthaus befand, noch immer eher dörflich geprägt. Der Onkel der Familie hatte unmittelbar einen Narren an mir gefressen und saß gerne auf meiner Veranda, drehte riesige Zigaretten aus selbstangebautem Tabak und fragte mich aus. Auch mit der Tochter des Hauses unterhielt ich mich gerne. Der Großvater hatte sich seinen Lebensabend verdient und saß den Tag über entspannt in seinem Garten und betrachtete in aller Ruhe und Weisheit das Leben um ihn herum. Die Betonpfeiler auf meiner kleinen Veranda standen im richtigen Abstand, um meine in Ubud erstandene Hängematte aufzuhängen. Einem entspannten Abschluss meiner Reise stand nichts im Wege.

 
Gili Trawangan liegt mit seinen beiden Nachbarinseln Gili Meno und Gili Air etwa 30 km östlich von Bali. Bei ungetrübtem Wetter wird der Anblick auf die nahe gelegenen Insel Lombok vom 3726 Meter hohen Rinjani beherrscht – einem aktiven Vulkan. Für die drei Gili-Inseln drängt sich der Vergleich mit Perlen in der Südsee geradezu auf. Gili T., wie die Insel von vielen Touristen schlicht genannt wird, ist seit Jahrzehnten Anziehungspunkt für Backpacker und hat sich inzwischen zu einer Partyinsel entwickelt, die integraler Bestandteil vieler Südostasienreisen junger Backpacker geworden ist. Mit deutlich sichtbaren Spuren. Allerdings verbietet sich der Vergleich mit Inseln wie Ko Samui und ich hoffe das bleibt auch so…
Die Insel war zunächst ruhiger, als ich befürchtet hatte – die Saison hatte erst begonnen. Im Laufe meines Aufenthalts wurde die Insel mit jedem Tag voller. Was auf den ersten Blick sehr auffällig war: die Straße direkt am Meer, die so etwas wie die Hauptschlagader der Insel darstellte, war von exklusiven Bars und Clubs gesäumt, von denen einige genauso gut in eine europäische Metropole gepasst hätten. Das schlug sich auch deutlich im Preisniveau nieder. Ich kann mit diesem Neo-Schick überhaupt nichts anfangen. Nicht, dass ich die Orte per se hässlich finde, aber ich kann nicht ausstehen, wofür sie stehen: für eine globale Vereinheitlichung des Lebensstils, für eine Dekadenz, die die ursprüngliche Kultur zunächst nur beeinflusst, dann korrumpiert und am Ende bisweilen ganz verschwinden lässt. Das war der Profit am Tourismus nicht wert. Aber ich habe leicht reden. Ich bezweifle nicht, dass ich ähnlich angezogen wäre vom westlichen Lebensstil. Das Fatale dabei: man erkennt die Auswirkungen der Veränderungen erst dann, wenn sich viele Entwicklungen nur noch schwer oder gar nicht mehr aufhalten lassen.
Besonders skurril wirkte, dass zu der Zeit die Fußball-WM in Südafrika stattfand und in mehreren Bars auf Großleinwänden übertragen wurde. Unwirklich, Bilder eines so weit entferntes Ereignis in dieser abgeschiedenen Umgebung zu sehen. 


Doch die Insel hatte auch einiges von ihrem Charme bewahrt. Allein die Blautöne des Meeres mit seinem glasklaren Wasser und den strahlendweißen Sandstränden waren betörend. Außerdem war die Insel autofrei und so gab es zur Fortbewegung nur die eigenen Füße, Fahrräder und Pferde-Kutschen. Herrlich. Die Insel war von Kokoshainen bewachsen und das Spiel der Gezeiten, veränderte das Bild der Insel unaufhörlich. Die nächsten Tage verbrachten wir mit einer Inselumrundung und einem Schnorcheltrip und waren fasziniert von der prallbunten Unterwasserwelt mit ihrem atemberaubender Artenreichtum - Sepias, Muränen, Seepferdchen, Clownfische oder Schildkröten und unzählige andere Lebensformen waren im glasklaren Wasser gut erkennbar. Paul war schon oft getaucht, für mich war dieser Anblick neu. 25 Prozent aller Riffe der Erde liegen in Indonesien. Die Artenvielfalt übersteigt auch die des Great Barrier Reef um mehr als das Doppelte. Unübersehbar war jedoch auch, wie sehr die Riffe Schaden genommen hatten - durch den Anstieg der Wassertemperatur infolge des El-Nino-Phänomens, dem überbordenden Tourismus und den Folgen der jahrzehntelangen Dynamitfischerei. Weite Teile der Korallen sind inzwischen tot. Doch es gibt einige Reviere, die noch immer in Farben und einer Vielfalt leuchten, dass es einem die Sprache verschlägt. Außerdem hat man begonnen, Riffe zu rekultivieren. Man trägt abgebrochene Korallen zusammen und bringt sie mithilfe von elektrischen Impulsen wieder zum Wachsen.

Weiterhin führten wir unsere philosophischen, gesellschaftskritischen und politischen Unterhaltungen. Da hatten sich mal wieder zwei gefunden. Schon merkwürdig: ich hatte den Ort gefunden, an dem ich zum Abschluss meiner Reise relaxen wollte und nun debattierte ich mit Paul, anstatt am Strand zu liegen. Aber es war eine tolle Begegnung und es lagen einige Wochen hinter mir, in denen ich die Meiste Zeit einsam gewesen war. Generell waren meine Reisen viel vom Alleinsein geprägt. Für mich standen immer die Begegnungen mit Einheimischen im Vordergrund und wenn ich mich mit anderen Reisenden zusammentat, dann waren sie in aller Regel ebenfalls an Kultur und Menschen vor Ort interessiert. Bisweilen war die Einsamkeit nur schwer zu ertragen und trieb mich in den Wahnsinn; oft habe ich das Alleinsein aber auch sehr genossen. Man ist den Eindrücken ganz anders ausgeliefert. Das ist sehr anstrengend, aber auch unheimlich bereichernd. Die Erfahrungen sind unmittelbarer und man kommt erst so wirklich in Kontakt mit fremden Menschen. Der Wehrmutstropfen ist, dass es keinem gibt, mit dem man diese Erinnerungen nach seiner Rückkehr teilen kann. Darin steckt aber auch ein gewisser Reiz: Es sind einzigartige Erfahrungen, die einen für immer prägen werden und man weiß, warum man sich auf den Weg gemacht hat. Nichts wird so sein, wie es einmal war. 


Inzwischen hatte sich mein Englisch soweit verbessert, dass ich auch Ironie und schwarzen Humor einstreuen konnte. Die lange ungeliebte Sprache war mir nach und nach zum Freund geworden. Auch sie hatte mir ermöglicht, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Plattitüden, die sich im Deutschen eingeschliffen hatten, waren glücklicherweise nicht übersetzbar. 


Nach einigen Tagen zog es Paul weiter, um den Rinjani auf Lombok zu besteigen und dann nach Flores und Komodo zu reisen. Das war ursprünglich auch mein Ziel gewesen und ich hätte große Lust gehabt, mit zu kommen. Ich entschied mich jedoch dazu, die letzten Tage meiner Reise mit ein paar entspannten Tagen ausklingen zu lassen. Und nun tat ich das, weswegen ich gekommen war: Ich lungerte am Strand, sonnte mich, schwamm und las Bücher. Wenn ich hungrig war, zog es mich zu einem sehr leckeren Imbiss am Marktplatz der Insel und ließ mir verschiedene Reis- und Nudelvariationen oder frischen Thunfisch schmecken. Es gab auch Art Büffet mit Köstlichkeiten der indonesischen Küche. Der Inhaber lebte eigentlich auf Lombok und betrieb sein kleines Restaurant nur während der Saison. Die etwa zweistündige Umrundung der Insel wurde zu einem täglichen Ritual. Diese Wanderungen waren eine Wohltat. Nur die Ostküste mit Blick auf Lombok war vollständig bebaut, während die Westseite an vielen Stellen naturbelassen war. Es zeichnete sich jedoch ab, dass sich das ändern würde. Lediglich im Inselinnern gab es ein Leben jenseits der Touristen. Ich bekam zunehmend das Gefühl, ich sei der geborene Inselbewohner. Gegen Ende wollte mich meine „Gastfamilie“ gar nicht mehr gehen lassen - sie wollten unbedingt mit mir ein Business aufziehen – dass ich selbst wenn ich gewollt hätte, keinerlei Startkapital hatte, glaubte mir keiner.

Fazit:

 
Die meisten Touristen kommen nach Trawangan um hemmungslos zu feiern und/oder die Unterwasserwelt zu erkunden. Ich ließ das Partyleben hingegen links liegen. Dafür musste ich nicht um die halbe Welt reisen. Die beiden anderen Gili-Inseln sind ruhiger. Die wenigen Male, die ich mit Paul am Strand saß, blickten wir auf die Nachbarinsel Meno, an deren Westküste abgesehen von ein paar einzelnen Holzhütten nur menschenleere Strände warten. Es wurde mit der Zeit zu einem running gag: Alle sprachen davon, am nächsten Tag auf die nächste Insel zu wechseln, aber kaum Jemand tat es. Auf Trawangan war es auch nicht übel. Ich weiß nicht, wie oft ich mir überlegt habe, ob es möglich sei, gegen die extrem starke Strömung die Nachbarinsel schwimmend zu erreichen oder ob einen die Strömung aufs offene Meer treiben würde. Vielleicht war es nicht schlecht, es nicht drauf ankommen zu lassen. Man muss sich immer was fürs nächste Mal aufheben…

Für Gili Trawangan gilt dasselbe wie für viele andere Orte. Erst sind sie ein Geheimtipp, dann werden sie hipp und es gibt einen Punkt, an dem alles kippt. Ein Sinnbild für die Ignoranz vieler Touristen war für mich die „EGO-Bar“ – der Name schien Programm – ich werde nie den Reiz von dicht an dicht stehenden Liegen verstehen, an denen man sich bedienen lassen kann, während der warme Sand direkt daneben lockt. Individuelle Erfahrungen und ein wirkliches Interesse an anderen Kulturen sind nicht die Triebfedern der meisten Touristen. Sie wollen unverfänglichen Spaß und Sicherheit - „another egoist joint venture“ kam mir in den Sinn – für mich spiegelt sich wieder einmal die ungleiche Verteilung auf der Welt und der überbordende Egoismus, der viele befallen hat. Ich möchte damit Niemanden das Recht auf Muße und Genuss absprechen – ich schätze beides. Aber wo ist die Horizonterweiterung? Aber ich will nicht ungerecht sein – natürlich braucht es Zeit, um den state of mind zu verändern und den haben die meisten nicht. Zeit ist ein Luxusgut geworden und darunter leiden die meisten – was bleibt also um den kurzen Urlaub in Zeiten der Leistungsgesellschaft zu nutzen, um die eigene Seele zu streicheln? Doch insgeheim wünschen sich viele einen Wandel – ich wünsche ihn uns allen. Fest steht jedenfalls eins: Reisen allein macht Niemand zu einem besseren Menschen. Viele machen mental da weiter, wo sie zuhause aufgehört haben Ich kann nur empfehlen, nach eigenen Wegen zu suchen und die ausgetretenen Pfade zu verlassen. Ohne Lonely Planet – Dieses Versprechen von einsamen, individuellen Wegen hat sich längst in sein Gegenteil verkehrt…



Wer noch nicht genug hat, dem sei die Lektüre folgender Blogs ans Herz gelegt:

Reisereportagen: Nebel über dem Riff  - eine psychedelische Reise


Bali - Kuta und der Massentourismus

Bali - Ubud und die Kultur Balis


Rezension zu Philipp Mattheis: Banana-Pancake-Trail

lustiges, treffendes und bisweilen zynisches Buch über die internationalen Backpacker...


Tiziano Terzani - Asien und die Globalisierung

Tiziano Terzanis Aufenthalt in Japan und der Wandel in Asien - 
enthält auch einen Bericht über die im Blog angesprochene Reise...

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Reisereportagen: Bali II - Ubud





Trotz meiner - abgesehen vom Wellenreiten - deprimierenden Erfahrung mit dem Massentourismus in Kuta und einer indiskutablen Lungenentzündung (resultierend aus dem Wellenreiten…) verließ ich Kuta gutgelaunt. Es konnte nur besser werden. 

Auf dem Weg nach Ubud hatte ich das Gefühl, wieder zu mir zu kommen und mich wieder auf einem Weg zu begeben, der mir stärker entsprach. Auf der Fahrt im Minibus rauschten die Impressionen an meinem Auge vorbei: bunt geschmückte Tempel und Kunsthandwerkbetriebe - vor allem Steinmetze mit riesigen Götterbildern - säumen die Straßen. Zwischendurch eröffnen sich Blicke auf betörende Dschungel- und Reisterrassenlandschaften. Ich hatte das Gefühl, dem Bali meiner Vorstellung mit jedem Kilometer ein wenig näher zu kommen. Am liebsten wäre ich endlos weiter gefahren. Selten gelingt es mir auf Reisen besser abzuschalten als „on the road“: den einen Ort hinter sich zu wissen und die Erlebnisse Revue passieren zu lassen und gleichzeitig noch nirgendwo angekommen zu sein – ein offener Raum, der sich mit purer Existenz füllt. Das was vor dem Fenster passiert, erscheint wie ein Theaterstück – ein wenig unwirklich und doch berstend vor Leben. Befreit davon, irgendetwas werten oder einordnen zu müssen, lasse ich mich treiben und Phantasie vermischt sich mit Wahrnehmung. In solchen Momenten steht die ganze Welt offen. Nichts scheint unmöglich. Was hinderte einen schließlich davon, dorthin zu gehen, wo es einem gefiel. Natürlich gibt es Hindernisse, doch in diesem Moment zählen sie nichts; entscheidender ist, dass man ihnen begegnen kann, wann immer man das will. Nur der Moment zählt. Die Fahrt gewinnt etwas Meditatives, Zeit und Raum verschwimmen. Völlig befreit von den Anforderungen einer ständig neuen Umgebung und immer neuen Kulturen und den elenden Vergleichen. Niemand will etwas verkaufen. Niemand zwingt mich, eine Haltung einzunehmen. Es gibt nichts zu tun, als aus dem Fenster zu sehen, die Impressionen aufzunehmen und ausschweifenden und ziellosen Gedanken und Träumen nachzuhängen. Ich fühle mich unverwundbar. Die tatsächliche Gefahr des asiatischen Straßenverkehrs trübt dieses Gefühl in keiner Weise. Im Gegenteil; das Adrenalin sagt mir, dass ich am Leben bin. Tiefenentspannt lege ich mein Leben in die Hände der Karma Police. Was passieren sollte, würde geschehen. Das nennt man wohl Fatalismus…

In Ubud nahm ich – entgegen meiner üblichen Gewohnheit - das Angebot eines wartenden Schleppers an und schwang mich auf den Rücksitz seines Motorrollers. Solchen Angeboten folge ich selten an, doch der junge Mann war mir auf Anhieb sympathisch und sein Angebot entsprach meinen Vorstellungen. Die Entscheidung sollte ich nicht bereuen. Ich bewohnte fortan einen kleinen Bungalow in einem kleinen, aber umso schöneren Garten. Jeden Morgen (ich gebe es zu: Mittag) bekam ich einen frisch gebackenen und mit Bananenscheiben gefüllten Pfannkuchen und saß ein wenig auf meiner Veranda, um dem Gezwitscher der Vögel zu lauschen und die vollkommene Ruhe zu genießen. Bislang hatte ich Bali meist mit bedecktem Himmel und wiederkehrenden Regengüssen erlebt; in den nächsten Tagen zeigte sich zunächst zaghaft die Sonne und schließlich wurde es tropisch heiß. 

 
Ubud entpuppte sich trotz großer Geschäftigkeit als ausgesprochen einladende Kleinstadt. Das Leben geht einem beschaulichen Gang nach und die Bewohner wirken ausgesprochen entspannt. Man kommt sich vor wie in einem Freilichtmuseum: Ubud gilt als künstlerisches Zentrum Balis. Bekannt sind vor allem die Malerei, Holzschnitzereien und die Textilkunst. Seit den 1920`er Jahren ließen sich immer wieder europäische und amerikanische Künstler hier nieder (z.B. der Maler Walter Spies oder die Musikerin und Schriftstellerin Vicky Baum: „Liebe und Tod auf Bali“), was zur Mythenbildung beitrug.




Zahllose Tempelanlagen laden zum Schauen und Verweilen ein und selbst die Häuser wirken wie kleine Tempel. Immer wieder blieb ich vor den zahllosen Galerien stehen, um mir die Kreationen anzusehen. Farben, Formen und Materialien aller Art. Die Kreativität schien an diesem Ort kaum Grenzen zu kennen. So schlenderte ich durch den Ort und sog den Duft der allgegenwärtigen Räucherstäbchen in mich auf. Überall lockten Restaurants mit den Küchen aus aller Welt. Von Ubud aus unternahm ich herrliche Wanderungen durch kleine Dörfer, Reisterrassen und Palmenhaine.

An dieser Stelle möchte ich einen Einblick in das Bali geben, das bis heute die Menschen magisch anzieht. Mein Aufenthalt auf Bali war einfach zu kurz und ich möchte mich nicht in Banalitäten verlieren. So lass ich hier die Geschichte Balis und einige meiner Bilder aus Ubud und von einer Fahrt zu den Sehenswürdigkeiten Balis für sich sprechen:

Die meisten Balinesen bekennen sich zum Hinduismus. Das erscheint zunächst ungewöhnlich; schließlich ist der Hinduismus heute vor Allem mit Indien assoziiert. Nepal war bis 1991 sogar ein hinduistisches Königreich - den verworrenen politischen Verhältnissen Nepals werde ich mich demnächst zuwenden. Neben diesen beiden Ländern existiert lediglich auf der Inselgruppe Mauritius und auf Bali eine Mehrheit von hinduistischen Gläubigen.

Der kulturelle Einfluss Indiens auf Südostasien war früher jedoch weitaus größer. Indische Händler und Bramahnen (vereinfacht: Angehörige der höchsten indischen Kaste, zu denen Gelehrte und Priester zählten) brachten die hinduistischen Glaubensvorstellungen nach Indonesien. Man muss sich diese Ausbreitung in vielen Wellen vorstellen. So lässt sich wohl auch erklären, wie es dazu kam, dass sowohl hinduistische als auch buddhistische Vorstellungen - schließlich beziehen sich beide Religionen auf die Veden als Quelle und streng genommen ist der Buddhismus als Reformbewegung des Hinduismus entstanden - nach Indonesien gelangten und sich immer wieder gegenseitig und mit den bereits etablierten Weltanschauungen und Glaubensvorstellungen vermischten – die auf dem Glauben an Geister und Dämonen und der Verehrung der Ahnen und der Natur beruhen, was einer schamanischen Tradition entspricht. Sowohl polynesische Nomaden (Seefahrer aus der Südsee), die sich hier sesshaft gemacht hatten als auch der frühe Zuzug von Siedlern aus dem Süden Chinas (um dreitausend vor Christus) werden diese Vorstellungen mitgeprägt haben. Der Kulturraum Indonesiens war lange Zeit mit dem des restlichen Südostasien verbunden, als während der Würmeiszeit (115.000 bis 10.000 v.Chr.) eine Landbrücke vom Festland bis nach Bali reichte. Höhepunkt dieser Eiszeit war die Periode nach dem Ausbruch des Supervulkan Toba, infolge dessen ein vulkanischer Winter folgte und eine Abkühlung des Weltklimas um 3-5 Grad (manche Modelle gehen sogar von einer Abkühlung von 8-17 Grad aus. Es handelte sich offenbar um den größten Vulkanausbruch der letzten zwei Millionen Jahre. Noch heute zeugt der Tobasee auf Sumatra (mit einer dreifachen Größe des Bodensees) von der gigantischen Explosion.

Der Hinduismus jedoch kam über den Seeweg nach Indonesien. Die Veden als Ursprungstext sind wohl um 1000 v. Chr. Entstanden; es gibt allerdings auch Verfechter der These, sie stammten aus der Zeit um 5000 v. Christus. Googelt man danach, findet man sich mittendrin im den Heilslehren der Pseudowissenschaft. In jedem Fall ist es extrem unwahrscheinlich, dass die Veden vor dem Ende der Würmeiszeit entstanden. In den letzten vorchristlichen Jahrhunderten strömten Siedler aus dem heutigen Südindien nach Indonesien. Sie begründeten das Srivijaya-Reich im südöstlichen Sumatra. Neben der Religion brachten die Siedler auch das Wissen über funktionierende Staatswesen mit sich. Der Einflussbereich dieses Reiches reichte bis nach Malaysia, Borneo, Java und Bali. Unter diesem Einfluss entstand wohl auch im siebten Jahrhundert das Bewässerungssystem Balis mit seinen Kanälen und Terrassen. Schnell verlagerte sich das Zentrum des Srivijaya-Reiches nach Java. Hier entstanden Bauwerke wie Borodpur (buddhistisch) und Prambanan (hinduistisch). Das nachfolgende Majapahit-Reich (13. Bis 16. Jahrhundert) breitete seine Herrschaft über große Teile des indonesischen Archipels aus.
Im 15. Jahrhundert breitet sich wiederum über Kaufleute aus Indien der Islam aus und etablierte sich auf Sumatra und Java. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts verfiel daraufhin das Majapahit-Reich und auf Java entstanden die Sultanate Bantam und Demak. Die hinduistische Oberschicht floh ins benachbarte Bali.

Dieser Ausflug in die frühe Geschichte soll unterstreichen, wie vielfältig die Entstehung der hindu-balinesischen Religion (Agama Hindu Dharma) ist, die bis heute auf Bali überdauert hat und noch heute von einer unglaublichen Vitalität und Anpassungsfähigkeit geprägt ist. Die religiösen Vorstellungen sind weiter prägend für die Kultur und das Alltagsleben der meisten Balinesen. Sie regeln Zusammenleben in Familien und Dorfgemeinschaften. Selbst die traditionellen Gehöfte sind nach Glaubensvorstellungen angelegt. Jeden Tag werden den Göttern Opfergaben dargebracht: auf einem Bananenblatt werden Blumen, Reiskörner, Früchte, Süßigkeiten oder Zigaretten drapiert und vor dem Haus oder dem Geschäft den Göttern und den Dämonen dargebracht. Auch der Duft von Räucherstäbchen ist omnipräsent. Die Tempel werden jeden Tag reich geschmückt. Zahllose Riten, Prozessionen und Feste prägen den Alltag der Balinesen. Diese allgegenwärtige Spiritualität macht viel von der Magie Balis aus.


Das Leben befindet sich dieser Vorstellung nach im ewigen Kreislauf von Samsara – von Geburt bis zum Tod und der Wiedergeburt. Dieser Zyklus ruht im Hinduismus auf wiederkehrenden Phasen von Entfaltung und Vernichtung, die durch eine Phase des Verharrens in einem Ruhezustand voneinander getrennt sind. Aufgrund der vulkanischen Landschaft kann ich mir leicht vorstellen, wie sinnig dieses zyklische Weltbild für die Bewohner erscheinen muss: Die vulkanischen Böden sind im tropischen Klima ausgesprochen fruchtbar und ermöglichen ein reiches Leben. Gleichzeitig droht jederzeit Zerstörung durch eine Eruption – dazwischen liegen Ruhephasen, in denen sich das Leben entfalten kann.






Diese Phasen werden von den wichtigsten Göttern des Hinduismus Brahma, Vishnu und Shiva repräsentiert. Eine Besonderheit auf Bali ist der Glaube an den Gott „Sangyang Widi“ (der alles umfassende Gott), der für eine Reinkarnation aus diesen drei Göttern steht und somit den Kosmos repräsentiert. Hinduismus und Buddhismus trafen also auf Bali auf eine bereits sehr ausgeprägte Glaubensvorstellung und somit ergänzten sich verschiedene Glaubensvorstellungen anstatt sich gegenseitig zu verdrängen.

Aufgrund der außergewöhnlichen Natur von Bali mit seinen bis heute feuerspeienden Vulkanen, der Urgewalt des Meeres, dem einst undurchdringlichen Dschungel und dem unwirklichen Grün der Reisfelder kurz vor der Ernte, kann ich mir gut vorstellen, wie die Ehrfurcht vor den Naturelementen entstanden sein muss. Und mit ihnen der Glaube an eine beseelte Natur, an Dämonen, die sich im Meer tummeln und Schutzgeistern auf dem Lande. Die Berge werden von Göttern und Ahnen bewohnt, von denen man das Land geliehen hat. 


Der höchste Berg Balis, der heilige Gunung Agung, ist das Zentrum des Universums – entsprechend dem Weltenberg Meru. Nach balinesischer Vorstellung herrscht im Universum Ordnung. Die Welt ist nur vollkommen in einem dualen Gleichgewicht von Himmel und Erde, Sonne und Mond, Tag und Nacht, Götter und Dämonen, Leben und Tod, Hell und Dunkel, Rein und Unrein, Gut und Böse. Es ist erforderlich, beiden konträren Kräften zu gleichen Teilen Beachtung zu schenken und sowohl Göttern als auch Dämonen zu huldigen. Harmonie kann nur durch die Ausgeglichenheit der Kräfte erzielt werden. Zum Heil führen neben den Opfern an Götter und Dämonen, das Streben nach Wissen und Erkenntnis sowie der Respekt vor Trägern dieses Wissens (vor allem Brahmanen / Priester und alte Menschen) sowie die innere Einkehr durch Meditation. Durch gute und schlechte Taten beeinflusst man die Gestalt seiner Widergeburt – das Karma. Nur im nächsten Leben ist der Wechsel in eine andere Kaste möglich – Heiraten zwischen verschiedenen Kasten sind hingegen schwierig aber nicht unmöglich. Auf Bali sind nur die vier traditionellen Kasten bekannt: Brahmanen, Krieger, Handwerker und Knechte. Mag sein, dass dies archaisch anmutet, doch in Indien konnte auch ein Mahatma Gandhi nicht verhindern, dass es heute 4000 Kasten und Unterkasten gibt – ein ungleich stärker zementiertes Gesellschaftssystem – auch wenn sie offiziell nicht mehr bindend sind. 

Ziel der Existenz bleibt der Eingang in die Weltenseele Brahman (mit dem Nirwana als Entsprechung im Buddhismus). Die Verbrennung nach dem Tod ist eine der zentralen balinesischen Zeremonien. Es handelt sich dabei nicht um ein trauriges, sondern um ein freudiges, farbenprächtiges Ereignis.

Nachdem also die Oberschicht des hinduistischen Javas nach Bali ausgewandert war, gründeten sie zahlreiche Fürstentümer und Bali wurde weitgehend unabhängig vom Rest Indonesiens. Im 17. Jahrhundert weitete sich der Herrschaftsbereich auch auf Lombok und Ostjava aus. In dieser Zeit bildete sich eine weitere Besonderheit aus: die Bauern eines oder mehrerer Dörfer (Banjar) schlossen sich zu Organisationen (Sekaha) zusammen, die stark an Genossenschaften erinnern. Verschiedene Gruppen waren für die Bepflanzung und für die Bestellung der Felder zuständig. Das Pflügen wurde in gegenseitiger Nachbarschaftshilfe organisiert. Der Verkauf der Erzeugnisse (vor allem Reis, aber auch Gemüse, Vanille, Kautschuk, Tee und Kaffee) wurde zu gleichen Teilen aufgeteilt und ein Teil blieb als Reserve für Missernten übrig. So wurde auch für Bauern ohne eigenes Kanalsystem ein Zugang zum Wasser möglich: sie zahlten eine Wassersteuer und verpflichteten sich zum Dammbau und –unterhalt. Ein gewählter Führer war zuständig für die Wasserverteilung und Streitschlichtung. Diese Gemeinschaften bildeten sich auf Grundlage hinduistisch-religiöser Vorstellungen. Die Vollversammlung der Subak-Mitglieder terminierte auch religiöse Feste und Opfer. Ein eigener Tempel gehörte selbstverständlich dazu. Der Zusammenhang von Ethik und Glaubensvorstellungen einer Gemeinschaft wird hier an seiner Quelle sichtbar. Religion dient hier als Wertesystem und der Ursprung des Begriffs Gemeinde wird offensichtlich. Seit den 80`er-Jahren versucht man diese Kooperativen wiederzubeleben. Doch an vielen Orten haben sie nie an Bedeutung verloren. Genauso wenig wie der Hinduismus balinesischer Prägung. Noch heute erzählen die „Tanzspiele“ vom Epos des hinduistischen Mahabharata.


  

Nach der Entdeckung des Seewegs nach Indien (1487) kommen die Europäer nach Südostasien. Portugiesen bauten im frühen 16. Jahrhundert Festungen im Osten des indonesischen Archipels, um den orientalischen Kaufleuten, die die Seidenstraße dominierten, den lukrativen Gewürzhandel zu entreißen. Über das florierende Goa gelangten die Portugiesen auf die indonesischen Molukken. Spanier und Engländer konnten hingegen niemals Fuß fassen. Den Portugiesen folgten die Holländer, die 1602 die holländische ostindische Kompanie gründeten und mit dem Opiummonopol reich wurden. Die Rajas (Fürsten) von Denpasar und Pemecutan auf Bali wehrten sich gegen ihre Unterwerfung. Sie brannten ihre Paläste nieder und zogen in ihren schönsten Kleidern mit Familien, Hofstaat, Priestern und Kriegern in den Kugelhagel der Kolonialmacht. 4.000 Balinesen starben. Während der napoleonischen Kriege ging Niederländisch-Ostindien kurzzeitig an GB (1811-16). Dann erschüttern heftige Kämpfe mit den Einheimischen (1825-29 Diponegoro-Rebellion; 1873-1904 Aceh-Krieg) das Selbstverständnis der holländischen Krone. An dieser Stelle ganz interessant: 1885 wurde Öl gefunden, was zur Gründung der Royal Dutch Shell führte - eines der bis heute führenden Mineralölkonzerne.

Im frühen 20. Jahrhundert führten vom Islam beeinflusste Unabhängigkeitsbewegungen den Kampf gegen die Kolonialherren weiter. In den 20ern etabliert sich die Kommunistische Partei Indonesiens, die 1926/27 einen Aufstand wagte. Doch erst die Besetzung Niederländisch-Indiens im zweiten Weltkrieg durch die Japaner, führte zum Niedergang der holländischen Herrschaft. Nach dreijähriger Besetzung, gründen indonesische Nationalisten um Sukarno Indonesien. Die Holländer versuchen zwar 1947/48 ihr Kolonialreich zurückzugewinnen, mussten sich aber 1949 auf Druck der USA und der UNO auf der Den Haager Konferenz mit der Unabhängigkeit abfinden. Damit wurde Bali Teil Indonesiens. Sukarno mit seinem brutalen Regime wäre wiederum ein Thema für sich…

Java, Borneo, Sumatra und Lombok und alle anderen bedeutenden Inseln sind heute mehrheitlich muslimisch; auf Flores gibt es eine christliche Mehrheit, die sich von den Holländern bekehren ließ. Lediglich auf Bali hielt sich der Hinduismus als vorherrschende Religion. Indonesien ist heute ein säkularer Staat; doch es gibt Bewegungen, die einen muslimischen Gottesstaat fordern - z.B. in der Region Banda Aceh auf Sumatra; auch die Terroranschläge auf Bali 2002 und 2005 die das „frivole“ Nachtleben Kutas stoppen sollte, sprechen eine klare Sprache.

Zum Abschluss noch einige Anregungen zur Vertiefung - ganz besonders möchte ich zwei Bücher über Bali empfehlen:

Ein ganz zauberhaftes Buch von Laurent Gounelle fand ich unter dem Titel „Der Mann, der glücklich sein wollte“ über die Begegnung mit einem Heiler auf Bali. Der Untertitel lautet „Unterwegs auf der Reise zu sich selbst“. Dabei handelt es sich trotz der spirituellen Thematik um einen unsentimentalen, eindrücklichen Bericht über die Möglichkeiten, sich innerlich zu wandeln.

Zur Vertiefung der eindrückliche Bericht von Milda Drücke unt er dem Titel Ratu Padendra, einem Hoheprister auf Bali, der einen ungleich tieferen Blick in das kulturelle Erbe Balis und seine Bedeutung bis in die Gegenwart hinein, bietet.


Wer sich für die Kolonialzeiten interessiert, findet mit „Indische Dünen“ von Adriaan van Dis ein spannendes, lebenskluges und zugleich höchst komisches Buch über die Heimkehrer aus der indonesischen Kolonie und mit „Rattenkönig“ von James Clavell einen packenden Roman über den Alltag in einem Internierungslager der Japaner in Singapur.

Im ersten Teil meines Berichts aus Angkor findet sich mehr für Geschichtsinteressierte...


   
Fazit: es ist das reiche kulturelle Erbe und eine Geschichte von kultureller Vermischung, die Bali so einzigartig macht. Auch wenn Bali an vielen Stellen kein Südseeparadies mehr ist - der Mythos lebt. Und ja: es gibt magische Momente auf dieser Insel. Meiner Auffassung hat es mit der tiefen Spiritualität und der Achtung vor der Natur zu tun. Dieses System bröckelt. Die Katalysatoren sind der Massentourismus, der die Kapazitäten des Ökosystems der Insel übersteigt und die Verlockungen des Fortschritts, der lange etablierte Gemeinschaften innerhalb weniger Generationen aushöhlt. Ich bedaure diese Entwicklung zutiefst und habe meine Beobachtungen dazu im Bericht aus Kuta zusammengefasst: Kuta und der Massentourismus

Sehr ausgewogen berichtet Ted Conover in seinem Buch „Wege der Menschen“ von den Auswirkungen einer einströmigen Globalisierung mit ihren Verlockungen und ihrer Zerstörungskraft.

Wen es nach Bali zieht, der sollte sich dieses reichen kulturellen Erbes bewusst sein und sich seiner eigenen Fußabdrücke zumindest bewusst sein.