Samstag, 25. Oktober 2014

Photoreportage: von Padum nach Lamayuru





Die Geschichte dieser Trekking-Tour ist schnell erzählt: Es waren gerade einmal sechs Tage vergangen, seit ich eine der waghalsigsten „Wanderungen“ meines Lebens hinter mich gebracht hatte. Von Lamayuru war ich durch die Shila-Schlucht und nach einem fatalen Irrweg über den Kanji La nach Rangdum gelaufen.
Von dort aus war ich weiter nach Padum getrampt, der Hauptstadt von Zanskar. 
Auf der Wanderung hatte ich mir das linke Knie verletzt. In alter Familientradition hatte ich es vermieden, einen Arzt aufzusuchen.
Die sechs Tage in Padum hatte ich anfangs in ausgezeichneter Gesellschaft verbracht und schließlich mutterseelenallein meinen 31. Geburtstag „gefeiert“. Ich las Hunter S. Thompsons Rum Diary und to have and to have not von Ernest Hemingway. Symbolischer hätte das schwerlich sein können.
Zeitgleich musste ich mich den undurchsichtigen Annäherungsversuchen des örtlichen Polizeichefs erwehren, der sich regelmäßig selbst in das Hotel einlud. Den Rest hatte das Starkbier aus der nahen Trinkhalle besorgt, die gut in die Prohibitions-Zeiten in den Vereinigten Staaten von Amerika gepasst hätte. Das ausgezeichnete Charras, das ich seit Manali mit mir herumtrug, versüßte meine Wanderungen.

Was lag also näher die nächste Wanderung in Angriff zu nehmen? Eigentlich Alles! Meine Entscheidung, wieder zurück nach Lamayuru zu laufen, sollte man eher nur unter Folgendem sublimieren: Maßlose Sturheit, grenzdebile Abgrundromantik und tollkühne Dummheit.


Durch Zufall hatte ich am letzten Tag vor meinem Aufbruch eine Bandage erstehen können, durch die sich das Knie wieder halbwegs stabil anfühlte. Von rundem Laufen konnte trotzdem keine Rede sein. Zwei Dinge hielt ich mir tröstend vor Augen: mein Rucksack wog diesmal höchstens 25 Kilogramm. Ich ging davon aus, dass ich unterwegs meist etwas zu Essen finden würde und abwechselnd im Zelt und in Unterkünften übernachten konnte. Denn der Treck wird häufig begangen. Außerdem hatte ich gehört, dass ich ab Lingshed Autos abpassen könne, sollten alle Stricke reißen. Zwar bin ich vom Straßenbau persönlich wenig begeistert, er nimmt der Route einiges von ihrem Reiz .Würde ich so abgelegen wohnen, wäre ich wahrscheinlich unter den Ersten, der sich eine Straße wünschen würde.


Dummerweise erwiesen sich beide Hoffnungsschimmer im Harakiri als wenig belastbar. Es gab zwar vereinzelt die Möglichkeit etwas zu essen zu finden und ein paar wenige Tage fand ich auch ein Dach unter dem Kopf. Aber die Saison war eigentlich schon vorbei und damit waren die meisten Zelte, die Verpflegungs- oder Übernachtungsmöglichkeit bieten, bereits verschwunden.
Unvergessen bleibt die Übernachtung auf 4500 Metern bei miesem Wetter im Bergschatten eines gigantischen Felsen, der bereits am frühen Nachmittag die Sonne verschluckt hatte. Es war unfassbar kalt in meinem wenig geeigneten Zelt. Noch fataler war der Umstand, dass es zwar in der Tat inzwischen eine Straße gab, die auch bald Lingshed erreichen würde, aber dass auf ihr nur sehr selten ein Auto fuhr. So trottete ich fatalistisch dem tröstlichen Untergang entgegen. 

Aufgrund meines Handicaps war ich viel zu langsam unterwegs. Regelmäßig war es bereits dunkel, wenn ich noch zu meinem unbekannten Tagesziel unterwegs war. Am ersten Tag hatte ich überrascht festgestellt, dass ich besser laufen konnte als befürchtet, und war fast 40 Kilometer gelaufen. Das war keine gute Idee! Diesem Gewaltmarsch musste ich fortan Tribut zollen. 
Am Ende war es ein Durchhaltemarathon mit gelegentlichen Glücksmomenten, aber auch reichlich solchen, in denen ich an meinem Restverstand zweifelte. Ich erlebte Stürme, Regen, Hagel und Schnee. Es galt drei hohe Pässe zu überqueren. Der Sengge La ist mit 4960 Metern das größte Hindernis.
Besonders eindrucksvoll war die Strecke direkt am Zanskar-Fluss entlang. Im Winter friert der mächtige Fluss für einige Wochen zu und wird dann von den Einheimischen für die Wanderung nach Leh genutzt. Eine spektakuläre, gefährliche Wanderung, die die Schulkinder mit ihren Verwandten unternehmen, um ihre Schulausbildung in Leh zu beginnen. 

Begegnungen waren rar. Die ersten Tage lief ich parallel mit einem französischen Pärchen, das mir meinen Zustand deutlich vor Augen führte. Ich erreichte zwar immer das gleiche Tagesziel, allerdings kam ich zwei Stunden später an. Die restlichen Begegnungen ließen sich an zwei Händen abzählen.
In der ersten Nacht übernachtete ich bei einer Familie. Dann standen einige Übernachtungen im Zelt auf dem Programm. In Photokasar überachtete ich in einem Gasthaus, dessen Hausherr ein formidabler Trinker war und mich mit seinem Reiswein (Rakshi) betrunken machte. In Hanupata kam ich erst lange nach Einbruch der Dunkelheit an und fand dann mit etwas Mühe Unterschlupf im ersten Haus am Ort. Allerdings zwang mich die Tochter vorher meine Füße zu waschen, was allerdings verständlich war, zumal sie bluteten. Eine assistierte Fußwaschung war mir zuvor auch noch nicht vergönnt.

Am Ende war ich neun Tage unterwegs, die Notizen sind so spärlich wie mein konditioneller Zustand auf der Route und man müsste einen Sprachwissenschaftler zur Entschlüsselung hinzuziehen.
Gegen Ende schleppte ich mich jeden Tag weiter, in der Hoffnung endlich eine Mitfahrgelegenheit zu finden, die nicht kommen sollte. Schließlich hatte ich es fast bis Wanla geschafft, dem letzten Etappenort vor Lamayuru, als ich erlöst wurde.
Von Lamayuru aus fuhr ich dann mit einem Truck voller Kashmiri zurück nach Leh. Alle anderen Eindrücke möchte ich Euch mit einer umfangreichen Bilderstrecke näherbringen:









































































































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