Dienstag, 6. November 2012

Existentielle Gedanken


In letzter Zeit drehte sich viel um die Berichte meiner Reisen. Schon seit einer ganzen Weile bemühe ich mich den nächsten Reisebericht zu vollenden und scheitere dabei. Warum? Weil ich vom Hundertsten ins Tausendste komme. Ich will Hintergründe der bereisten Regionen aufzeigen, meine persönlichen Empfindungen abbilden und sie zugleich einordnen, um sie als höchst subjektiv zu kennzeichnen. Den Widerspruch zwischen radikal subjektiven Reiseerlebnissen und dem Versuch der Annäherung an eine Wirklichkeit, die am Ende subjektiv bleibt, aber dies zu verschleiern sucht, ist massiv. Ich möchte mich nicht zwischen einem der beiden Wege entscheiden müssen; ich möchte beides machen; dass ich dazu keine Fiktion schreiben möchte, macht das Unterfangen nicht leichter.


Das soll nicht das hauptsächliche Thema in diesem Blog sein, sondern soll nur unterlegen, wie schwer es mir gerade fällt einen roten Faden in der eigenen Arbeit zu finden. So drifte ich von Thema zu Thema, recherchiere mal hier und mal da, bis ich das Handtuch werfe, um mich am nächsten Tag wieder gekonnt zu verzetteln. Schlimm ist daran überhaupt nichts, schließlich befinde ich mich gerade in einer Experimentierphase und ich bin noch lange da angelangt, wo ich hinmöchte: zu meinem ganz eigenen Stil. Dass ich überhaupt diese Möglichkeit habe, ist ein Privileg.

Doch was ist das Existentielle an diesem Blog? Ist es nur die Bereitschaft und Notwendigkeit alles radikal zu hinterfragen? Ich denke es ist mehr. Um das zu erläutern, muss ich noch einmal zur Entstehung dieses Blogs zurückgehen. Motivation waren verschiedene Aspekte: ich wollte eine Plattform schaffen, auf der ich Reiseberichte veröffentlichen kann, die keinen Platz in meinem Buch gefunden haben; natürlich auch für direkte Eindrücke, sobald ich wieder unterwegs bin.
Allein die Thematik des Buches gab dafür noch eine andere Richtung vor: ich schreibe im ersten Teil des Buches Autobiographisches. Natürlich kann man sich die Frage stellen, was einen dazu treibt im Alter von 30 Jahren ein solches Buch zu veröffentlichen; Narzissmus liegt nahe. Das Entstehen dieses Buches auf ein Geltungsbedürfnis zu reduzieren, wäre aber falsch. Darin liegt auch ein Zeichen der Hoffnung und der Erneuerung. Wie könnte man über existentiell bedrohliche Phasen aus seinem Leben schreiben, ohne sie bis zu einem gewissen Grad überwunden und verarbeitet zu haben? Ich bin jedenfalls in der Vergangenheit häufig daran gescheitert. 

Ein wesentlicher Antrieb ist auch Leser zu berühren und zu zeigen, dass es auch dann noch Hoffnung gibt, wenn alles verloren scheint. Ein wiederkehrendes Motiv von Künstlern. Während ich eine ganze Reihe dunkler Erfahrungen durchlebte, wurde die Suche nach Antworten auf existentielle Fragen zu einer meiner Triebfedern. Ohne es weiter zu fokussieren: ich beschreibe den Verlust von Glauben und Weltbild, von Wut, Verzweiflung, Abhängigkeit, aber auch von Hoffnung, Liebe, der Suche nach Heimat und wie ich angetrieben von diesen schwierigen Erfahrungen und der Hoffnung auf ein anderes Leben schließlich loszog, um mich und die Welt noch einmal ganz neu zu entdecken. Diese Reise führte mich nach Indien und bewies mir, dass diese Suche gerade erst begonnen hat.

Im letzten halben Jahr kam dazu die Beschreibung von Büchern, die mich existentiell berührt und beeinflusst haben. Das hatte an Intensität gewonnen, als ich die Zitate für mein Buch zusammentrug. Auch die Beschäftigung mit Tiziano Terzani war dabei ein Meilenstein. Und doch stehe ich noch immer ganz am Anfang; viele bedeutende Autoren habe ich noch nicht gelesen und manchmal frage ich mich, wie ich es jemals schaffen soll auch nur einen Bruchteil all der wunderbaren Literatur zu bewältigen, die ich gerne noch lesen würde. Aber ein Lernprozess ist allemal. Ob es mir nun gelingt, daraus ein Auskommen zu entwickeln weiß ich nicht; das verstärkt den existentiellen Charakter noch einmal. Nicht, dass ich mir im Moment Gedanken machen muss, was ich morgen esse; aber der Moment wird womöglich noch kommen. Sich dem „System“ zu entziehen kann schmerzhafte Konsequenzen haben. Man bleibt aber Teil der Gemeinschaft, wenn man nicht zerbricht, sondern eigene Wege findet. 

Ich sehe ohnehin keine Alternative als das zu tun, was ich derzeit mache; zu lernen und mich zu wappnen für die Zukunft; Wege zu finden, andere Menschen zu erreichen, auf Inspirationsquellen aufmerksam zu machen und zu lernen, wie ich mir einen Platz erkämpfen kann, an dem ich das tun kann, was ich für alternativlos halte: ein Gegengewicht zu setzen in einer zunehmend trivialen und ökonomisierten Welt, in der mit Angstmache Bürgerrechte ausgehöhlt werden und Überwachungsinstrumente geschaffen werden, die wir nur noch schwer wieder loswerden werden; Die drohenden Probleme angesichts eines sich ändernden Klimas und über 800 Millionen hungernder Menschen und neuer Kriege sind noch wesentlich größer. Und doch haben sie etwas mit Gerechtigkeit und Transparenz zu tun; hier und dort. Die Schere verläuft ohnehin zwischen Oben und Unten.

So sehe ich es als meine Verantwortung, die Menschen, die ich erreichen kann, zum Nachdenken zu bringen über die Art wie wir leben. Freilich wissen genug Menschen, dass es so nicht weitergehen kann. Also wird das Schüren von Empörung allein nichts erreichen können. Wer den Fernseher einschaltet oder die Zeitung liest wird kaum noch Herr der Informationsflut aus allen Teilen der Welt und kann sich kaum entscheiden, über was man sich zuerst empören soll. Man stumpft ab; es erreicht einen nichts mehr  und dann verlieren die Nachrichten ihre Bedeutung. Früher oder später will man nichts mehr wissen. Oder man wendet sich  ab und konzentriert sich auf das, was im direkten Umfeld getan werden kann; tun das genug Leute ist das sicherlich eine machtvolle Möglichkeit, Dinge zu verändern. Als Konsument Einfluss zu nehmen; in persönlichen Gesprächen, beim Aufbau alternativer Ideen. Ich schätze dieses Engagement und möglicherweise ist es das einzig Wirkungsvolle was man tun kann; und doch: es reicht mir nicht aus; viele Probleme sind nur global zu lösen und erfordern, dass wir uns wieder näher kommen und uns auch über Kulturgrenzen verständigen lernen. Das eine geht nicht ohne das andere. Ich bin überzeugt, es liegt an jedem Einzelnen eine Haltung zu finden, um nicht zuzulassen, dass Werte und Bürgerrechte völlig verloren gehen. Sonst stehen Diskriminierung, Willkür und Totalitarität alle Türen öffnen. Und die Welt wird ein „gewalttätiges Paradies“ (Ryszard Kapuściński) bleiben.

Ich will es mir nicht zu einfach machen; ich selbst tue viel zu wenig; und doch suche ich nach Wegen, Teil eines Wandels zu sein, den wir so dringend benötigen wollen wir eine gerechte - überhaupt eine lebenswerte Zukunft haben. Viele haben sich schon auf den Weg gemacht, um diesen Wandel einzuleiten und zu leben; spannend bleibt die Frage: wie können wir mehr Menschen mitnehmen; das wird kaum über Predigen, Fordern oder Populismus zu erreichen sein (trotz aller berechtigten Empörung), sondern durch eine Stimme der Vernunft; denn um nichts anderes kann es gehen als um Entscheidungen, die einem gesunden Menschenverstand entspringen; nur dann sind die Forderungen attraktiv.

Bevor ich diesen Blog gestartet habe, schrieb ich mit einigen Freunden einen politischen Blog und noch heute ist es mir wichtig, Nachrichten aus der Informationsflut herauszufiltern, die eine Relevanz haben und zum Hinterfragen einladen und anderen zur Verfügung zu stellen. Doch das ist noch nicht der Weisheit letzten Endes; viel zu oft bewegen sich diese Informationen in Kreisen, derer die ohnehin schon ein Bewusstsein haben, das wir radikal umdenken müssen. So suche ich nach neuen Wegen, um als Schriftsteller, Künstler oder was immer sich in nächster Zeit entwickeln wird, Mittel zu finden um Haltungen zu transportieren. Das kann neben dem Teilen von künstlerischen und literarischen Anstößen auch die Mittel der Provokation oder der Subversion sein.

Wundert Euch also nicht, dass auch in meinen Reisereportagen Fragen formuliert sind, wie sie in anderen Blogs ungewöhnlich sind. Es geht mir nicht darum, anderen den Spaß zu verderben, sondern um Bewusstsein, das wahre Existenz vertieft. So sind meine subjektiven Erfahrungen oft nur Projektionsfläche für tiefergehende Fragen.

Warum Menschen, die eine starke Bipolarität besitzen, besonders häufig Künstler werden und sich dem Existentiellen zuwenden, versuche ich an anderer Stelle auszuführen. In Kürze möchte ich die Spannung zwischen subjektivem und  „objektivem“ Erzählen noch einmal anhand der Entstehung des New- und Gonzo-Journalismus deutlich machen. Dann wird es auch stärker um den Humor als Waffe gehen. Aber keine Angst: nicht jeder Blog wird fortan tonnenschwer. Dann hätte ich mein Ziel sicher verfehlt und wäre nicht vorangekommen

Kommentare:

  1. Hallo Suchender, ich möchte dich beglückwünschen zu dieser Idee und Aufmachung deines Blogs. Ich kann mir vorstellen, dass es sehr interessant und beängstigend wird, denn du wirst uns keinesfalls schonen. Das stimmt, nicht jeder hat das Privileg durch die Länder zu reisen (oder ist es nur Indien?) allein schon dieses Land Indien ist, glaube ich, nur für Hartgesottene, wenn du auf diesen Pfaden gehst, wie du oben beschreibst. Wie auch immer, man kann gespannt sein über deine Berichte.
    LG.waltraud a.

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    1. Zunächst vielen Dank für Deine ermutigende Rückmeldung! In der Tat liegt meine Stärke nicht darin, mich und andere zu schonen. Aber wie ich schon im Blog angerissen habe, so geht es darum, diese Gedanken so zu transportieren, dass sie viele Menschen erreichen können und nicht allzu moralinsauer werden. Deswegen ist es gut, dass viele Gedanken in meinem Buch einen Platz gefunden haben.
      In Indien habe ich speziell bei meiner ersten Begegnung eine Menge Lehrgeld zahlen müssen - und es ist in der Tat ein ganzer Kontinent voller Kontraste.
      Bei den Sehnsuchtsorten: Rajasthan findest Du dazu ein paar Gedanken. Als hartgesotten würde ich mich gar nicht mal bezeichnen; ich bin ein sehr sensibler Mensch. Das macht es sicher nicht immer leichter, aber gerade so lassen sich viele Feinheiten erst erfassen. Indien ist trotz aller Ungerechtigkeit und schwer zu ertragenden Bilder ein Sehnsuchtsland für mich; meine Reisen haben mich aber auch in adere Regionen Südasiens geführt.
      Warst Du schon einmal dort? Liebe Grüsse!

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    2. Nein, ich hatte noch nicht die Gelegenheit, aber es wäre natürlich sehr inspirierend. Für so eine Reise braucht man Zeit und auch einen Plan, das geht nicht mit zwei oder drei Wochen, das wäre einfach zu schade. Trotzdem, vielleicht kommt die Gelegenheit.

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    3. zwei, drei Wochen sind definitv zu wenig. Ob es so konkrete Pläne braucht, wage ich aber zu bezweifeln. Das war nun wahrlich noch nie meine Stärke. Die Reisen wären nicht möglich gewesen, wenn ich nicht alles aufgegeben hätte. Das hat zweifellos auch Schattenseiten und ich weiß noch immer nicht, wohin mich diese Entscheidung am Ende führen wird. Dennoch würde ich es wieder so machen. Aber das muss jeder für sich entscheiden!

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  2. Spannend!
    Was ist existentiell? "Hinterfragen", "Haltung" zu entwickeln, auszurichten, zu bewahren und zu zeigen, Verantwortlichkeit und Bezogenheit in sich entdeckt zu haben und zu versuchen, sie in diesen wunderbar dynamischen Prozeß, genannt "Leben", bewusst zu integrieren, immer neu und wohlmöglich auf andere Art und Weise wieder zu beleben...
    Deine Gedanken, die Du hier formulierst, haben mich erst ein mal ein Stück weit verwundert. Warum? - Ganz einfach, weil ich bei vielen Sätzen das Gefühl hatte, "das hast du auch schon so gedacht und empfunden!"

    Noch lang habe ich nicht alle Deine Veröffentlichungen gesichtet, wohl aber mir schon einen Überblick verschafft, angezogen von Deinen Sehnsüchten, die auch ein Stück weit meine zu sein scheinen.

    Du nennst Dich "Suchender", ich mich an der ein oder anderen Stelle "Schlafwandler". Noch nicht in Gänze erwacht, suchend, lernend - Veränderungen, Erfahrungen und Erkenntnissen auf der Spur, in die Tiefe der Menschwelt blickend und fühlend, wissend, das dort unendlicher Reichtum, Friede und unendliche Liebe und Gerechtigkeit neben dem (ich sag´s mal ganz, ganz platt) "Mainstream" zu finden ist.

    Habe viele Fragen an Dich und bin gespannt, ob diese beim Stöbern in Deinem Blog beantwortet werden.
    Deshalb, nicht uneigennützig, ein "weiter so!" an Dich ;-)

    Von Herzen alles Glück der Welt auf Deinem Weg, namaste, Oleander!

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    1. Hallo Chris!

      Schön zusammengefasst; immer schön zu hören, dass es noch eine ganze Reihe anderer menschen gibt, die sich auf den Weg gemacht haben, um einen Weg neben dem breitesten Pfad zu finden und die sich nicht scheuen zuzugeben, dass sie sich auf einer Suche bedinden, ohne Antworten zu kennen, aber wissend dass dieser Prozess notwendig ist, um zu einem Leben zu finden, das einem entspricht; bisweilen sind das quälende Prozesse - gerade dann, wenn man nicht fassen kann, in welche Richtung sich unsere Zivilisation entwickelt - doch es sind Zeichen der hoffnung, dass zunehmend mehr Menschen erkennen, dass es mit dieser Gier nicht mehr weitergehen kann und sich auf den Weg gemacht haben, ein bewussteres Leben zu führen - der wahre Reichtum liegt sicher in einer teiferen Gestaltung von Beziehung, die das Gemeinwohl fördert. Ich bin sehr besorgt angesichts der Probleme, vor denen wir stehen, aber auch gespannt, welche Entwicklungen sich in näherer Zukunft vollziehen werden. Eines ist jedenfalls sicher - es liegt an uns!

      Danke für Deine Wünsche! Liebe Grüsse, Oleander

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  3. Ja, du bringst den Leser auch zum Nachdenken, das finde ich sehr gut. Ich lese regelmäßig in deinen Berichten, nach und nach. Finde sie äußerst lehrreich, voller lebendiger Erfahrungen und höchst interessant geschrieben. Sie führen mich auch jeweils in Regionen, von denen ich vor über 20 Jahren einige selbst gerne bereist hätte. Eigentlich scheiterte es meist an einer vertrauten Reisebegleitung. Als Frau wollte ich so große Reisen nicht alleine machen und so verteilten sich meine Reisen in zeitlich eher kürzere Besuche. Die längste war insgesamt 5 Wochen, Brasilien und auf dem Landweg nach Venezuela bis zur Karibikküste hoch. Eines meiner Wunschziele wäre heute noch Neuseeland, aber ich möchte dazu 3 Monate Zeit haben. Vielleicht lässt es sich ja noch realisieren irgendwann. Meine Tochter war ein halbes Jahr dort gewesen und ich reiste ebenso durch ihre Berichte mit.

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    1. Herzlichen Dank für die tolle Rückmeldung!

      Ich habe auf meinen Reisen durchaus alleinreisende Frauen getroffen; aber es gibt zweifelsohne Regionen, in denen man als Mann einfacher reisen kann. Anders gesagt: eine Frau muss sich manchmal stärker abgrenzen können und manche Situationen meiden.

      Neuseeland muss landschaftlich wunderschön sein; mich zieht es dennoch in Regionen, in denen ganz andere Lebensweisen vorherrschen und mich stärker herausfordern. Südamerika reizt mich ausgesprochen. Aber erst mal muss ich von Asien genug kriegen...

      Ich denke auch, dass es Zeit braucht, sich auf andere Kulturen wirklich einlassen zu können - in gleichem Maße aber eben auch Bewusstsein.
      Wer das mitbringt kann auch in kürzerer Zeit tief eintauchen...

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